17:25 22 Januar 2018
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    Venezuela: Wie Mütter als Prostituierte arbeiten, um ihre Kinder zu ernähren

    © AFP 2018/ VANDERLEI ALMEIDA / AFP
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    Ein Drei-Stockwerk-Gasthaus in Caracas ist für die 50-jährige Prostituierte Juana zu ihrem Heim geworden. Zusammen mit ihrer 30-jährigen Tochter arbeitet sie in einem Bordell der Hauptstadt Venezuelas. Für beide ist die Prostitution zum einzigen Ausweg geworden, um in den Zeiten der nun seit vier Jahren andauernden Wirtschaftskrise zu überleben.

    Einst führten Mutter Juana und ihre Tochter Juanita in der venezolanischen Hauptstadt Caracas ein gewöhnliches Leben. Sie waren nicht reich, konnten aber normal über die Runden kommen. Doch die Wirtschafts- und Staatskrise in dem südamerikanischen Land, die Inflation und der Lohnverfall haben alles verändert: Die beiden arbeiten jetzt zusammen als Prostituierte, um ihre Familie ernähren zu können.

    die 50-jährige Prostituierte Juana (R) und ihre Tochter Juanita
    © Sputnik/
    die 50-jährige Prostituierte Juana (R) und ihre Tochter Juanita

    „Ich ziehe es vor, durch den Verkauf meines Köpers zu arbeiten, als ansehen zu müssen, wie meine Tochter aus Mülltonnen isst oder hungrig einschläft“, sagt die 30-jährige Juanita.

    Der Geruch von Zigaretten und Abflüssen ist das erste, was ein Besucher in dem Gasthaus spürt, wo Großfamilien in Zimmern um die zehn Quadratmeter groß leben.

    Juana lebt mit zwei Enkelkindern, einem Sohn und ihrem Lebenspartner in einem solchen kleinen Zimmer, wo sie nur ein Doppelbett und einen kleinen Elektroherd mit zwei Brennern haben.

    „Wir sind zu fünft in einem Zimmer mit einem Doppelbett und einer täglich zu zahlenden Miete“, erzählt sie.

    Der Grund für das Elend ist vor allem der Ölpreisabsturz. Der Preisverfall für das Rohöl, das mehr als 96 Prozent der venezolanischen Staatseinnahmen ausmacht, hat zur Verarmung des Landes mit Schulden von 150 Milliarden Dollar geführt.

    In dieser Situation werden Kinder und Großfamilien zu besonders gefährdeten Gruppen.

    Sechs Tage die Woche

    Von Montag bis Samstag kommt gegen 19 Uhr ein Taxi, um Juana, die vor der Krise zehn Jahre lang als Sekretärin in einem Frisörsalon gearbeitet hatte, abzuholen. Ab 20 Uhr muss sie zusammen mit ihrer Tochter im Bordell sein. Die Tochter wohnt in einem anderen Gasthaus im Zentrum von Caracas.

    Wenn sie Glück haben, können sie zu zweit einen Kunden empfangen und dafür pro Stunde etwa 100.000 Venezolanische Bolívar bekommen – das wäre ein Dollar nach dem Kurs des Schwarzmarktes, auf den sich die meisten Unternehmen orientieren.

    In einer „guten“ Woche liegt der Verdienst bei etwa fünf Dollar. Die beiden Frauen erklären, dass diese Summe für ein normales Leben und eine vernünftige Ernährung der Kinder keineswegs ausreichend sei – auch wenn das sogar über dem gesetzlichen Mindestlohn liege.

    Zusammen mit den Ausgaben für die Zimmer (etwa 30.000 Bolivar) und das tägliche Taxi (40.000 Bolivar) bleibt nicht mehr viel übrig. Laut Juana und Juanita ist beispielsweise eine Fleischmahlzeit für sie ein wahrer Luxus. Ein Kilo Fleisch kostet nämlich 210.000 Bolivar, ein Huhn 170.000.

    „Ein Kilo Fleisch ist teuer. Ich kann ihnen (ihren Kindern – Anm.d.Red.) ja nicht ein Löffelchen Fleisch geben – dann muss es schon ein richtiges Fleischstück sein. Sie essen sehr selten Fleisch“, erzählt Juanita.

    Obwohl viele die Prostitution als eine „einfache“ Arbeit ansehen würden, die mehr Geld als normale Jobs einbringen würde, gebe es da null Komfort oder Bequemlichkeit, sagt die 30-jährige Frau.

    Sie sei aber bereit, das alles auf sich zu nehmen, damit ihre Kinder „zumindest ein Ei täglich und ein kleines Stückchen Käse am Morgen“ essen könnten. An manchen Tagen verzichte sie selbst komplett auf das Essen, um die Kinder zu ernähren.

    Die Spaltung der Familie

    Insgesamt hat Juanita fünf Kinder, aber nur zwei von ihnen – die aus der ersten Ehe – wohnen bei ihrer Mutter Juana.

    Juanita
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    Juanita

    Die anderen drei Kinder vom zweiten Mann wohnen bei der Oma von der Seite des Vaters. Diese hatte per Gerichtsbeschluss Juanita das Sorgerecht über die Kinder entziehen können, nachdem sie von ihrer Arbeit als Prostituierte erfahren hatte.

    „Um ehrlich zu sein, fühle ich mich schrecklich, weil ich am allermeisten mit den drei Kindern zusammen sein will, die mir ihre Oma von der Vaterseite weggenommen hat, als sie erfuhr, dass ich in einem Bordell arbeite. Sie hat mich verklagt. Es war schrecklich. Sie hat alles getan, um meine Kinder von mir wegzubringen, und das ist sehr schwer“, fügt sie hinzu.

    Außerdem dürfe sie wegen des Gerichtsbeschlusses die drei weggenommenen Kinder weder sehen noch sie anrufen.

    Als sich die wirtschaftliche Situation in Venezuela verschlechterte, beschloss der Vater der drei Kinder, Venezuela zu verlassen und nach Santo Domingo, die Hauptstadt der Dominikanischen Republik, zu gehen. Er versprach, dort Arbeit zu finden und Geld für die Kinder zu schicken.

    „Er (ihr Ex-Mann – Anm. d. Red.) beschloss, aus dem Land in die Dominikanische Republik auszuwandern und sagte mir: ‚Lass uns Sachen verkaufen, das bisschen, was wir haben‘, um das Ticket bezahlen zu können. Er sagte, dass er mir mit den Kindern helfen und Geld von dort schicken würde. Dann ist er gegangen, und ich weiß nichts mehr von ihm“, erzählt die Frau.

    Um auch nicht noch die anderen Kinder zu verlieren, verschweigt Juanita ihr „zweites Leben“. Sie erzählt, dass sie als Hausputzfrau arbeiten würde, nur sehr selten frei habe und daher ihre Kinder so selten sehen könne.

    Die Situation in Venezuela

    Im Jahr 2015 hat die venezolanische Zentralbank zum letzten Mal die offizielle Inflation veröffentlicht, damals lag sie bei 180,9 Prozent. Seitdem werden die Zahlen nicht mehr von den offiziellen Behörden offengelegt.

    In den letzten Monaten hat das Finanzkomitee der venezolanischen Nationalversammlung, die unter der Kontrolle der Opposition steht, die Funktionen der Zentralbank übernommen. In ihrem letzten Bericht erklärte das Finanzkomitee, die Inflation habe im Jahr 2017 2600 Prozent erreicht.

    ​Gleichzeitig gibt es in diesem südamerikanischen Land keine rechtlichen Regelungen zur Prostitution. Dieser Graubereich im Gesetz in Verbindung mit der andauernden wirtschaftlichen Krise hat viele Frauen auf den Strich getrieben, um ihre Familien ernähren zu können.

    Auch das staatliche Gesundheitsministerium verfügt nicht über Statistiken zur Prostitution und fühlt sich in der gegebenen Situation nach eigenen Aussagen „hilflos“.

    Nach Angaben einiger Polizisten in Caracas, die nicht beim Namen genannt werden wollen, gibt es allein im Zentrum der Hauptstadt mindestens 40 Bordelle „verschiedener Kategorien“.

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    Tags:
    Bordelle, Sexarbeit, Finanzkrise, Hunger, Armut, Prostitution, Inflation, Nationalversammlung, Nicolás Maduro, Venezuela
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