19:14 23 Oktober 2018
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    Gebäudekomplex Prora (Archiv)

    Propaganda-Projekt Prora: „Der Ort selbst ist ja nicht böse“

    © AFP 2018 / TOBIAS SCHWARZ
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    Anders als Konzentrationslager gehörte das „Kraft-durch-Freude“-Seebad Prora auf Rügen nicht zur NS-Vernichtungsmaschinerie. Trotzdem hat die Geschichte des Gebäudekomplexes einige düstere Kapitel.

    Bis zu 10.000 Euro pro Quadratmeter müssen Käufer für ein Apartment in 1A Lage mit Ostseeblick auf den Tisch legen. Die ehemaligen Blöcke 1 und 2 der Anlage wurden ausschließlich so saniert, dass sie eine zahlungskräftige Klientel ansprechen. „Wir sehen das schon kritisch, weil es eine eindimensionale Entwicklung ist“, sagt Katja Lucke. Sie ist wissenschaftliche Leiterin des Dokumentationszentrums Prora. Die Historikerin gesteht, dass es nicht einfach sei, den „Koloss von Prora“ sinnvoll zu nutzen: „Immerhin erstrecken sich die Gebäude auf drei Kilometern Länge. Man ist jetzt eben nur darauf gekommen, sie touristisch zu nutzen.“

    Opfer des Ersten Weltkrieges (Archiv)
    © AP Photo / Alessandra Tarantino
    Ursprünglich war der Komplex des „KdF Prora“ auf Rügen fast fünf Kilometer lang. Die Abkürzung steht für die Organisation „Kraft durch Freude“. Die hatte das Projekt in dem Ortsteil von Binz ins Leben gerufen. 20.000 Menschen gleichzeitig sollten hier Urlaub machen können.

    Ein bisschen bizarr ist es schon, dass hier 80 Jahre später tatsächlich Hunderte von Ferienwohnungen entstehen. Wobei Historikerin Lucke die touristische Nutzung moralisch nicht verwerflich findet: „Der Ort selber ist ja nicht böse.“

    Allerdings hätte sich die Leiterin des Dokumentationszentrums eine Mischnutzung gewünscht: „Soziales, Bildung und Kultur. Zur Zeit der Independent-Nutzung gab es hier Künstlerateliers.“ Es habe aber kein Interesse geben, die Gebäude so zu nutzen. Immerhin: In Block 4 soll es günstiger werden. Hier sind Mietwohnungen für Einheimische sowie betreutes Wohnen geplant. Insgesamt werden fünf von den acht ursprünglich angelegten Blöcken saniert.

    Perfekte NS-Propaganda: Viele dachten, Prora gibt es schon

    Rückblick. 1936 wurde in Prora der erste Spatenstich für das „KdF-Seebad“ gesetzt. Nach dem Willen Hitlers sollten die Menschen hier leistungsstark und kriegsfit gemacht werden. „Die Absicht war, die Leute merken zu lassen, dass sie Bestandteil der großen deutschen NS-Volksgemeinschaft sind“, erklärt Lucke. „Darum ist der Bau auch als Propagandamittel zu verstehen: In Stein gehauene NS-Ideologie.“

    Sein Urlaub-Plakat
    © Foto : Dokumentationszentrum Prora
    "Sein Urlaub"-Plakat

    Obwohl in Prora zu Nazi-Zeiten nie jemand Urlaub gemacht habe, erfüllte der gigantische Bau seinen Zweck, erklärt die Historikerin: „Es wurde schon lange für das KdF-Seebad geworben. Prora war intensiv in der Presse. Es sind malerisch schöne Bilder nach außen getragen worden, so dass einige dachten, das gibt es schon längst.“ Für andere sei das Seebad eine Verheißung gewesen: Schaut, das ist das, was das Nazi-Regime für uns macht. Lucke sagt dazu: „Es wurde praktisch eine Mohrrübe vor die Nase eines Esels gehalten.“

    Dunkle Vergangenheit

    Auch wenn Prora – anders als die Konzentrationslager – nicht zur Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten gehörte, hat es durchaus eine finstere Geschichte. Nach Kriegsbeginn wurden Zwangsarbeiter aus Polen, Tschechien und der Sowjetunion beim Bau der Anlage eingesetzt. In Block 1 entstand ein Kriegslazarett. Außerdem bildeten die Nazis in den Gebäuden Polizeibataillone aus. „Diese Bataillone waren zum Beispiel bei Massenerschießungen wie in Bialystok (im heutigen Polen, Anm. d. Red.) mit dabei oder bei der Belagerung Leningrads“, erklärt Lucke. Die wichtigste historische Bedeutung Proras liege aber woanders: „Es ist ein Erinnerungsort mit Blick auf die Propaganda. Hier sieht man, wie die Manipulation funktioniert hat.“

    Seebad Prora
    © Foto : Dokumentationszentrum Prora
    Seebad Prora

    Etwas, das heute gerne vergessen oder bewusst ausgeblendet wird. „Es gibt Investoren, die die NS-Geschichte nicht nach außen tragen wollen, schließlich geht es um den Verkauf von Wohnungen“, berichtet Lucke. Laut der Historikerin werde mit dieser Zeit sogar kokettiert. So werbe eine Vermarktungsagentur mit einem Architektenpreis, den Prora 1937 bei der Weltausstellung in Paris gewonnen hat. Wer die Anlage in Auftrag gegeben hat und welchen Zweck sie haben sollte, werde aber verschwiegen.

    Albert Speer in der ehemals größten Disko Rügens

    Damit das geschichtliche Fundament Proras nicht im Ostseesand verschwindet, haben Frau Lucke und ihre Kollegen im Dokumentationszentrum alle Hände voll zu tun.

    Prora-Modell
    © Foto : Dokumentationszentrum Prora
    Prora-Modell

    „Das Gute an der Sanierung ist, dass die Grundstruktur erhalten bleibt. Wir tun einiges dafür, um den ursprünglichen Sinn des Gebäudes zu entlarven. Unter der neuen weißen Farbe verschwindet es ein bisschen.“ Apropos Sanierung:  Übergangsweise ist das Dokumentationszentrum in den Räumen der ehemals größten Disko Rügens untergebracht. „Das sind sehr große Räume. Die Nazis hatten sie eigentlich für ein Theater vorgesehen. Wir werden den morbiden Charme auch nutzen“, sagt Lucke. Zum Beispiel für die Ausstellung über den Nazi-Architekten Albert Speer, die von Nürnberg nach Rügen kommen wird. In einem Jahr, so der Plan, sind die ursprünglichen Räume wieder bezugsfertig.

    Außenaufnahme des Dokumentszentrums Prora
    © Foto : Dokumentszentrum Prora
    Außenaufnahme des Dokumentszentrums Prora

    Langfristig bemühen sich die Historiker gemeinsam mit einem anderen Dokumentationszentrum um neue Räume. Im Block 5 des „Kolosses von Prora“ ist noch Platz. Die künftige Nutzung steht noch nicht fest. Gespräche mit Politikern darüber laufen.

    Matthias Witte

    Das komplette Interview mit der Historikerin Katja Lucke zum Nachhören:

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    Tags:
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