07:25 22 Juli 2018
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    Gedenktag des Todes von Wladimir Lenin (Archiv)

    Lenin zurück in Leipzig

    © AP Photo / Pavel Golovkin
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    In Leipzig soll eine Lenin-Statue im Museum ausgestellt werden. Zu verdanken ist dies ausgerechnet einem Lokalpolitiker der CDU und dem unentgeltlichen Einsatz des Schöpfers der Skulptur. Während in Ostdeutschland und in Osteuropa viele Lenin-Denkmäler abgerissen wurden oder in Depots verschwanden, setzt Leipzig nun ein Zeichen gegen den Trend.

    Die Geschichte einer der originellsten Lenin-Statuen der DDR zieht sich über fast ein halbes Jahrhundert hin. Nachdem die zwei Meter hohe, 1,15 Meter breite und über zwei Tonnen schwere Sandstein-Skulptur 22 Jahre lang in dem kleinen sächsischen Städtchen Bischofswerda stand, fristete sie ab 1992 ein trostloses Dasein unter Abdeckplanen auf dem städtischen Bauhof.

    Manfred Wagner mit seiner Lenin-Skulptur
    © Foto : Privatarchiv Manfred Wagner
    Manfred Wagner mit seiner Lenin-Skulptur

    Ursprünglich wurde die Plastik 1970 anlässlich des 100. Geburtstages des russischen Revolutionsführers vom Rat des Kreises Bischofswerda der örtlichen sowjetischen Garnison geschenkt. Sie stand bis zum Abzug der Truppen auf deren Festplatz vor dem Kulturhaus.

    Geschaffen wurde die Skulptur von dem Bildhauer Manfred Wagner aus dem Thüringer Örtchen Schmölln.

    Wagner erinnert sich im Sputnik-Interview:

    „Dort war eine Grünfläche, ein leichter Hügel und der Platz, wo alle öffentlichen Veranstaltungen über die Bühne gingen. Da bot es sich an, dass man eine Gestaltung macht, die das ganze Ensemble aufwertet. Wir wollten keinen Abklatsch von irgendeiner Statue, die vorhanden ist, wo Lenin als Redner dargestellt wird oder als was auch immer. Es sollte etwas entstehen, was dort reinpasst in das Gelände, damit er auch zur Wirkung kommt.“

    Entstanden ist ein freundlicher, sitzender Lenin mit markanten Gesichtszügen, der ein Buch in der Hand hält und in die Ferne schaut.

    Lenins Wiedergeburt in Leipzig

    Ausgerechnet der CDU-Politiker Andreas Erler machte 2013 als Bürgermeister von Bischofswerda den Vorschlag, das vor über zwanzig Jahre abgebaute Denkmal wieder aus der Versenkung zu holen. Im Ort selbst stieß er damit allerdings überwiegend auf Entrüstung und Ablehnung. Hellhörig wurde jedoch das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig, ein Museum, das sich dem Alltagsleben in der DDR und der Wiedervereinigung widmet. Im vergangenen Jahr wurde man sich einig, die Skulptur nach Leipzig zu holen. Ab Oktober 2018 soll sie im Zeitgeschichtlichen Forum ausgestellt werden. Steinbildhauermeister Wagner ist begeistert:

    „Ich muss ehrlich sagen, ich bin erstaunt, dass mir noch die Ehre zuteilwird, das zu erleben.“

    Zuvor musste die Skulptur allerdings noch vorzeigefähig gemacht werden. In den über zwanzig Jahren Einlagerung waren der linke Fuß abgebrochen und Lenins Mütze beschädigt worden. Auch musste der stark verschmutzte Sandstein gereinigt werden. Das übernahm Wagners Sohn Rico, der ebenfalls Steinmetz ist, in einem dreitätigen Arbeitseinsatz. Und das kostenlos, wie Wagner Senior erzählt:

    „Wir haben es geschenkt. Eigentlich sollte mein Sohn eine Rechnung schicken. Ich habe gesagt: Das ist Ehrensache. Und dann hat mein Sohn darauf verzichtet, etwas zu verlangen.“

    Auch die Stadt Bischofswerda war einverstanden, auf die eher ungeliebte Skulptur zu verzichten und sie dem Leipziger Museum, das den Transport übernahm, zu schenken.

    Noch ein Lenin und andere Denkmäler

    Die Bischofswerdaer und bald Leipziger Lenin-Skulptur ist übrigens nicht die einzige Plastik des russischen Weltenlenkers, die Wagner geschaffen hat:

    „Ich habe mal eine Lenin-Büste für die sowjetische Kommandantur in Dresden gemacht. In der Zeitung habe ich dann später gelesen, dass der Kopf unter den Hammer kommen sollte. Aber da gab es jemanden, der hat die Büste erworben. Die hat er jetzt wohl bei sich zu Hause stehen“, erzählt der Steinmetz.

    Auf die Frage, wie man denn mit dem sozialistischen Erbe umgehen sollte, antwortet Wagner pragmatisch:

    „Man muss bei jedem einzelnen Objekt entscheiden: Ist es jetzt würdig, erhalten zu werden oder nicht? Sie wissen es sicherlich selbst, dass das erst mal alles weitgehend abgeräumt wurde, was im Zusammenhang mit Lenin- und anderen Denkmälern damals so Gang und Gäbe war. Die Denkmäler waren auf einmal verschwunden. Da gab es eigentlich keine Diskussion.“

    Manfred Wagner war einer der qualifiziertesten Bildhauer und Restauratoren der DDR. Er erzählt:

    „Ich habe im Dresdner Zwinger Steinbildhauerei gelernt. 1952 habe ich dort mit der Lehre begonnen und bin über zehn Jahre mit der Restaurierung des Zwingers beschäftigt gewesen. Für die ganze DDR haben wir Restaurierungsarbeiten gemacht, auch für Berlin, Figuren neu gemacht, die nicht mehr da waren, neu modelliert. Also da gab es viel Arbeit.“

    Wagners Spuren finden sich auch an der Dresdner Gemäldegalerie und am Dom, an der Französischen Kirche und am Kunstgewerbemuseum in Berlin. Auch für den Park Sanssouci in Potsdam hat Wagner gearbeitet und sogar für Schlösser in Kopenhagen Modelle und Kopien entworfen.

    Seit 1981 ist Wagner vor allem für seinen Heimatort in Thüringen tätig. Gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Frau betreibt er einen Steinmetzbetrieb und ein Atelier.

    Zur Einweihung des neuen alten Denkmals im Oktober will der Bildhauer mit seiner Familie unbedingt nach Leipzig fahren. Seine Sandsteinskulptur des großen russischen Vordenkers findet dann, über 100 Jahre nach der Oktoberrevolution und fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung, hoffentlich wieder einen würdigen Platz an einem anderen geschichtsträchtigen Ort: in der sächsischen Metropole der friedlichen Revolution von 1989.

    Armin Siebert

    Das komplette Interview mit Manfred Wagner zum Nachhören:

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    Tags:
    Denkmal, Revolution, Gedenken, Wiedervereinigung, Wladimir Lenin, DDR, UdSSR, Deutschland
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