22:16 17 Oktober 2018
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    Chirurg bereitet sich auf eine Operation vor

    Fast 10 Prozent weniger Organspenden als im Vorjahr – Krankenhäuser überfordert

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    Im vergangenen Jahr hat sich die Organspende in Deutschland erneut rückläufig entwickelt. Bundesweit gab es 797 Organspender, 60 weniger als im Jahr zuvor. Die Anzahl der gespendeten Organe ist um 9,5 Prozent auf 2594 Organe gesunken. Experten warnen vor einer Katastrophe für Patienten und sehen die Politik im Zugzwang.

    „Die niedrigen Spenderzahlen sind eine Katastrophe für die Patienten, die auf der Warteliste stehen, und für ihre Angehörigen“, beklagt Burkhard Tapp, Pressesprecher des Bundesverbands der Organtransplantierten. „Im letzten Jahr sind in Deutschland 857 Patienten auf der Warteliste gestorben. Die Dunkelzahl ist um einiges höher.“

    Seit 20 Jahren seien die Organspendezahlen noch nie so niedrig gewesen, betont Ana Paula Barreiros. Die Geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Region Mitte, sieht die Entwicklung als sehr besorgniserregend. In den letzten fünf Jahren sei es noch einmal dramatisch schlechter geworden. Ein Spender kann bis zu sechs Organe spenden. Wenn knapp 300 Organe weniger gespendet werden, können auch knapp 300 Menschen, die auf der Warteliste auf ein lebensrettendes Organ warten, nicht versorgt werden.

    Belastung lässt sich nicht in Worte fassen

    Aktuell warten über 10.000 Patienten auf der Warteliste, berichtet Tapp, wobei das Gros Nierenpatienten seien, die aber durch die Dialyse am Leben erhalten werden können, was für Leber, Herz und Lungen-Patienten nicht zutreffen würde. Tapp, der selbst Empfänger einer Spenderlunge ist, berichtet:

    „Auf ein Organ warten zu müssen ist eine Achterbahnfahrt. Es geht ständig hoch und runter mit den Gefühlen. Jedes Telefonklingeln lässt einen erstmal zusammenschrecken, denn es könnte der entscheidende Anruf sein – vor allen Dingen, wenn es nachts oder am Wochenende ist. Wenn man dann für eine Transplantation geholt wird und dann leider unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen muss, weil das Spendeorgan nicht in Ordnung ist, dann ist das eine Belastung, die lässt sich mit Worten nicht beschreiben. Für die Angehörigen ist das natürlich auch eine enorme Belastung. Sie können nichts tun außer Handhalten und gut zureden. Selber sind sie machtlos.“

    Weil der Organmangel so groß ist, werden schon seit Jahren Organe akzeptiert, die man vor zehn Jahren nicht akzeptiert hätte. Das bedeutet, dass die Ergebnisse der Transplantation schlechter sind – im internationalen Vergleich etwa zehn Prozent. Und möglicherweise leben die Patienten deswegen auch kürzer.

    Krankenhäuser werden von der Politik alleingelassen

    Als Hauptproblem sehen sowohl Tapp als auch Barreiros die Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern. Ärzte haben immer mehr Büroarbeiten zu erledigen. Die eigentliche Zeit, um möglicherweise Organspender zu identifizieren, ist äußerst knapp.

    Deshalb hat der Gesetzgeber im Jahr 2012 in Entnahmekrankenhäusern sogenannte Transplantationsbeauftragte verpflichtend eingeführt. Nur leider ist bisher nicht geregelt, wie die für diese Aufgabe zeitlich freigestellt werden. Tapp berichtet, dass es Bundesländer gibt, in denen die Transplantationsbeauftragten ihre Qualifikationsfortbildungen selber zahlen müssen und dafür auch nicht freigestellt werden. Dafür gebe es keine gesetzlichen Regelungen. Bayern ist bisher das einzige Bundesland, das das klar geregelt hat. Dort gab es im vergangenen Jahr einen Spendenanstieg von 18 Prozent.

    Die Ärztin Barreiros betont:

    „Der Aufwand für die Organspende wird den Krankenhäusern nicht entsprechend erstattet. Auch das muss diskutiert werden. Letztendlich muss die personelle Ausstattung in den Krankenhäusern verbessert werden.  Wenn immer nur Zeitdruck existiert – und Organspende braucht Zeit –, dann kann das nicht funktionieren.“

    Es bedarf einer „Kultur der Organspende“

    Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende. „Wer nicht spenden will, muss vorher ‚Nein‘ sagen“, sagte der Bundestagsabgeordnete zur „Nordwest-Zeitung“. Die Widerspruchslösung allein sei sicherlich nicht das Allerheilmittel für diese „Organspendemisere“, meint Barreiros. Sie fügt hinzu:

    „70 Prozent der Menschen in Deutschland stehen insgesamt der Organspende ganz positiv gegenüber. Wir sind natürlich absolut nicht gegen eine Widerspruchslösung. Das ist in unseren Augen sicherlich auch Ausdruck einer Kultur der Organspende, die dann mehr Selbstverständnis und auch eine Wertschätzung in Deutschland bringen würde. Wir sehen aber vordergründig tatsächlich eine Verbesserung der Abläufe und Rahmenbedingungen für die Organspende in Krankenhäusern.“

    Wenn man als Privatperson seine Bereitschaft zur Spende erklären will, kann man eine Erklärung zur Organspende, den sogenannten Organspendeausweis ausfüllen. Den gibt es bei vielen Ärzten, bei Apotheken oder im Internet. Ganz wichtig sei es, die Angehörigen darüber zu informieren, wie man sich entschieden hat, hebt Tapp hervor. Er erklärt dazu:

    „Zu Lebzeiten informieren, eine Entscheidung treffen, dokumentieren und die Angehörigen informieren, damit die im Fall der Fälle wissen, was der Wunsch des Verstorbenen ist und selber nicht mit dieser Entscheidung belastet sind.“

    Bolle Selke

    Das komplette Interview mit Burkhard Tapp zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Ana Paula Barreiros zum Nachhören:

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