08:24 14 Dezember 2019
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    Errichtung der Stalin-Staue auf der Karl-Marx-Allee in Berlin im Rahmen einer Werbeaktion der Ausstellung Stalin, der rote Gott

    Neue Ausstellung zu altem Thema: „DER ROTE GOTT – Stalin und die Deutschen“

    © AFP 2019 / John Macdougall
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    Die Stasi-Gedenkstätte in Berlin Hohenschönhausen will in einer Sonderausstellung nach eigener Aussage „beide Seiten des Stalinismus“ zeigen. Schwerpunkt ist die besondere Ausprägung des Stalin-Kultes, wie er in der DDR praktiziert wurde. Dazu wurden seltene Exponate zusammengetragen und naheliegende Bezüge zum Ausstellungsort hergestellt.

    Titelseite des Ausstellungskatalogs
    © Foto : Gedenkstätte Hohenschönhausen
    Titelseite des Ausstellungskatalogs

    Im März jährt sich der 65.Todestag von Josef Stalin. Aber der Kurator der Ausstellung, Andreas Engwert betont, dass kein besonderer Jahrestag die Ausstellung motiviert hat. Er findet, eine solche Schau ist immer ein spannendes Thema:

    „Wir zeigen hier beide Seiten des Stalinismus. Wir zeigen die Propagandaseite, die Phänomene des Stalin-Kults, wir zeigen Motive und Objekte dieses Kultes, die ganze Bandbreite der Propagandamittel. Aber wir zeigen auf der anderen Seite genauso die Opfer des Stalinismus als repressives politisches System. Und manchmal lässt sich das ganz gut spiegeln, also man zeigt, dass Leute, die gegen den Stalin-Kult verstoßen haben, natürlich auch Opfer dieser Repression wurden.“

    Womit auch die Wahl des Ausstellungsortes begründet ist. Denn unter den Ausstellungsräumen befanden sich die Arrestzellen des Vernehmungstraktes des Stasi-Untersuchungsgefängnisses. Davor war auf dem Gelände das NKWD-Speziallager Nr.3 untergebracht. Diese Vorgeschichte wird prominent dargestellt: mit einer überdimensionalen Fotowand aus dutzenden Gefangenenakten, mit einer originalen Häftlingsjacke und mit diversen Zeitzeugnissen.

    Zweiter Raum der Ausstellung – Fotowand von Gefangenen des NKWD-Speziallagers Nr.3
    © Sputnik / Andreas Peter
    Zweiter Raum der Ausstellung – Fotowand von Gefangenen des NKWD-Speziallagers Nr.3

    In den Bann geschlagen werden die Besucher zunächst aber nicht von historischen Fotos, Dokumenten und anderen markanten Exponaten, sondern von Farbe. Denn die Ausstellungsmacher konnten natürlich nicht auf die Signalfarbe Blutrot verzichten, gibt Andreas Engwert freimütig zu:

    „Es ist natürlich die naheliegende Farbe des Kommunismus, die aber auch gleichzeitig so einen gewissen Raumeindruck schafft. Also wenn man einen Ausstellungsraum betritt, dann finde ich es immer ganz spannend, wenn auch der Raum schon etwas mit einem macht.“

    Und das ist in jeder Beziehung gelungen. Die Atmosphäre ist beeindruckend und vielleicht nur mit der berühmten Szene aus dem Film „2001“ von Stanley Kubrick zu vergleichen, in der Bowman im Serverraum den außer Kontrolle geratenen Supercomputer HAL seiner Funktionen beraubt.

    Erster Raum der Ausstellung
    © Sputnik / Andreas Peter
    Erster Raum der Ausstellung

    Ganz im Gegensatz zu diesem Farbenrausch steht der eigentliche Hauptausstellungsraum. Er ist in Schwarz gehalten und beinahe etwas zu opulent mit Exponaten ausgestattet. Eingerahmt von Leinwänden, auf denen ununterbrochen Ausschnitte aus Wochenschauen gezeigt werden, stehen Schauvitrinen oder sind in die Wände eingelassen, in denen viele Originaldokumente den absurden Personenkult um Stalin dokumentieren.

    Fotoretuschen sollten den hemmungslosen Terror Stalins verschleiern, dem tausende Funktionäre der europäischen Kommunistischen Bewegung zum Opfer fielen, auch aus der KPD. Der Kopf einer Stalin-Statue aus Gera ragt heraus, die Hand einer Stalin-Statue aus Budapest ist zu sehen, genauso wie ein Ohr und ein Stück vom Bart jener Stalin-Statue, die in der Ostberliner Pracht-Allee stand, die seinen Namen trug. Die Ausstellungsmacher sind stolz, dass sie eine getreue Kopie dieser Statue ausfindig machen und nach Berlin holen konnten.

    Kopf einer Stalin-Statue aus Gera
    © AFP 2019 / John MACDOUGALL
    Kopf einer Stalin-Statue aus Gera

    Und so liegt im Hof des Ausstellungsgebäudes, vor dem Eingang zur Exposition, eine Stalin-Statue aus Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Die Organisatoren und Finanziers der Schau haben sich nicht lumpen lassen. Die Leihgeber aber auch nicht, ist Andreas Engwert erfreut:

    „Man musste sie zusammensuchen, aber es war jetzt keine Schwierigkeit, sie von den Leihgebern ausleihen zu können. Es war mehr von der Organisation her schwierig, wir hatten zum Beispiel diesen weiten Anfahrtsweg aus der Mongolei. Und das hinzubekommen, das ist natürlich nicht so ganz einfach.“

    Porträt von Josef Stalin in Berlin Hohenschönhausen
    © AFP 2019 / John MACDOUGALL
    Porträt von Josef Stalin in Berlin Hohenschönhausen

    Exponate zu finden, sie ausleihen und nach Berlin bringen zu können ist das eine, aber die Ausstellung will auch den Ursachen für den Personenkult nachgehen. Dass Stalin nichts gegen die sehr schnell ins Theatralische, Beinahe-Religiöse abgleitende Verehrung um seine Person unternahm, ist verbrieft. Denn dieser Kult lenkte hervorragend von seinen Verbrechen ab. Aber genau die führen zur Frage, warum Millionen Menschen wie im Trance einem solchen Mann verfallen waren. Andreas Engwert ist im Grunde genauso ratlos, meint aber:

    „Wir können wahrscheinlich keine verlässlichen Antworten geben, wir können die Frage stellen, und es ist in der Tat auch schwer zu beantworten. Wir versuchen zu zeigen, wofür Stalin in der Propaganda stand, dass er eine Personifizierung von Politik darstellte. Und insofern mag das die Ursache sein, dass Menschen diesen Personenkult einfach hingenommen haben, weil sie an diese Sache geglaubt haben.“

    Was vielleicht eine Erklärung dafür ist, dass selbst unter Denjenigen, die während Stalins Säuberungswellen mit abstrusesten Beschuldigungen als kosmopolitische oder trotzkistische Agenten zum Tode verurteilt wurden, der Glaube verbreitet war, dass der große, weise Stalin von all dem Unrecht nichts wusste.

    Allerdings gab es auch viele Menschen, die sich an die alte Volksweisheit erinnerten, dass der Fisch immer vom Kopf zu stinken anfängt. Sie setzten sich nicht nur gegen einen monströsen Stalin-Kult, sondern vor allem gegen eine Ideologie zur Wehr, die mit diesem Kult transportiert wurde. Viele mussten dafür bitter bezahlen, erläutert Andreas Engwert vor einer Vitrine, in der Stalin-Foto-Porträts ausgestellt sind:

    „Da hat jemand dieses Stalin-Bild mit Ruß beschmiert. Da hat eine Frau ‚Mörder‘ draufgeschrieben. Und hier haben zwei junge Volkspolizisten mit einem Luftgewehr auf dieses Bildnis geschossen, und da sehen sie die zwei Einschusslöcher an der Schläfe. Und das ist also jeweils das Corpus Delicti, das die Stasi gesammelt hat. Und diese Leute, die den Kult nicht mitgetragen haben, die wurden mit teils horrenden Haftstrafen bestraft.“

    Die Ausstellung dokumentiert, dass derart drakonische Reaktionen des Staates auf Kritik oder Ablehnung des Stalin-Kultes besonders in den ersten Nachkriegs- und den Anfangsjahren der DDR verbreitet waren. Später war Stalins Erbe im Alltag wesentlich subtiler spür- und sichtbar.

    Friedensmarsch am Lustgarten
    © Foto : Gedenkstätte Hohenschönhausen
    Friedensmarsch am Lustgarten

    Einziger Wermutstropfen in dieser insgesamt sehr gelungenen Ausstellung ist, dass auch sie leider den Versuch unternimmt, Stalin und Hitler, Faschismus und Kommunismus gleichzusetzen. Das läuft letztlich darauf hinaus, die unzweifelhafte historische Wahrheit der entsetzlichen Verbrechen, die in Stalins Namen und mit seiner ausdrücklichen Anordnung stattgefunden haben,  zu benutzen, um die Idee einer antikapitalistischen Gesellschaftsordnung zu denunzieren und zu diskreditieren.

    Entwurf des nie realisierten Regierungspalastes am Lustgarten
    © Sputnik / Andreas Peter
    Entwurf des nie realisierten Regierungspalastes am Lustgarten

    Die Ausstellung „DER ROTE GOTT – Stalin und die Deutschen“ ist vom 26. Januar bis 30. Juni 2018 täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr in der „Gedenkstätte Hohenschönhausen“, Genslerstr. 66, 13055 Berlin geöffnet.

    Josef Stalin-Statue für die Ausstellung
    © AFP 2019 / John MACDOUGALL
    Josef Stalin-Statue für die Ausstellung

    Andreas Peter

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    Tags:
    Gefangene, Terror, Ausstellung, Geschichte, Stasi, NKWD, Josef Stalin, DDR, UdSSR