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    Blick auf Stadt vom Moskau City (Archiv)

    „Moskau und die Provinz“ – Studie widerlegt veraltete Stereotype

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    Die Russen führen ein wesentlich sesshafteres Leben als vor 15 Jahren. Die Binnenmigration in Russland hat geschichtlich stets unter der europäischen gelegen. Doch viele Unterschiede zwischen Stadt und Land schwinden rapid. Das zeigt eine Studie des Zentrums für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften und der Friedrich-Ebert-Stiftung.

    Im Bewusstsein der Bürger Russlands hat sich seit 15 Jahren ein wesentlicher Wandel vollzogen. Die Bewohner der Hauptstadt und die der Regionen beurteilen einander viel positiver als früher. Während Moskau im Jahr 2003 von 26 Prozent der Befragten für eine „korrumpierte Gangsterstadt“ gehalten wurde, glauben das heute nur noch 13 Prozent.

    Präsentation der Studie über Moskau und Provinzen in Mythen und Realität
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Präsentation der Studie über Moskau und Provinzen in Mythen und Realität

    Gold russischer Reservenbank (Archivbild)
    © Sputnik / Alexander Alpatkin
    Damals meinte gut die Hälfte der Befragten (52 Prozent), Moskau würde sich „zulasten des Rests des Landes“ bereichern. Dies ist eigentlich der übliche Hauptvorwurf gegenüber der Hauptstadt. Dort sei das ganze Geld konzentriert, und den Menschen sei der Wohlstand offensichtlich „in die Krone gestiegen“. 2017 war die Zahl derer, die dieser Meinung sind, fast auf 40 Prozent gesunken.

    Auch hat sich das Bild der Provinz in den Augen der Moskauer deutlich verbessert: Vor 15 Jahren hielt mit 23 Prozent nur ein knappes Viertel von ihnen ein Leben in ländlicheren Regionen für „nicht so schlecht“. Jetzt teilen bereits 40 Prozent diese Meinung.

    Land-Stadt-Flucht in Russland und Deutschland

    Mirko Hempel, Leiter des Moskauer Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, wies bei der Präsentation der Studie darauf hin, dass man auch in Deutschland das Stereotyp der Land-Stadt-Flucht pflege, „dass junge Menschen in die Städte wollen, weg aus den ländlichen Gebieten. Auch in einem so hochentwickelten Land wie Deutschland gibt es mittlerweile Gebiete, die als strukturschwach bezeichnet werden, wo die Chancen, einen Job zu bekommen oder eine hohe Lebensqualität zu haben, geringer sind als in den Großstädten.“

    Mirko Hempel, Leiter des Büros der FES in Moskau während der Präsentation
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Mirko Hempel, Leiter des Büros der FES in Moskau während der Präsentation

    Hempel fuhr fort: „Wenn wir über ein deutsch-russisches Verhältnis sprechen, ist es wichtig zu wissen, wie sich das in einem Land wie Russland verhält, das von den Ausmaßen her ein Kontinent ist. Wie klappt es in einem solch riesigen Land, Provinzen und Metropolen in einer Balance zu halten, um die beste Lebensqualität für die Menschen zu erreichen?“

    Das sei nach seinen Worten eine der Motivationen gewesen, die professionelle soziologische Studie zu unterstützen und damit auch Stereotypen zu entmystifizieren.

    Hempel gab zu, erstaunt zu sein, dass sich die Geschwindigkeit der Binnenmigration in Russland mit dem Endziel Moskau seit 15 Jahren weitgehend enorm verlangsamt habe und sogar fast zum Stillstand gekommen sei. „Das andere überraschende Ergebnis war, dass ein provinzielles Leben mittlerweile auch von jungen Menschen nicht mehr als ein Nachteil oder gar als Katastrophe angesehen wird.“

    Glücksindikatoren und Jobmöglichkeiten in Metropolen und Provinzen

    Hempel ist sich sicher, dass das mit der Veränderung von Wertesystemen in Russland zu tun habe. „Hohes Einkommen in den Metropolen ist nicht immer ein großer Glücksgarant. Man kann laut der Studie auch mit weniger Einkommen in der Provinz ein gutes Leben führen. Diese gleichen sozialpolitischen Tendenzen in Russland und in Deutschland sind etwas, was uns in den Interessen verbindet.“

    Russland habe ähnliche Probleme wie Deutschland: Bevölkerungswünsche, Glücksindikatoren und Jobmöglichkeiten seien regional sehr unterschiedlich verteilt. „Diese ganze Frage, lebensfeindliche Metropole versus lebenswerte und ländliche Umgebung ist auch ein Gegenstand der Diskussionen, die wir auch in Westeuropa führen.“

    IT-Technologie in Stadt und Land

    Die Annäherung von Stadt und Land in der Wahrnehmung der Bewohner widerspiegelt laut Michail Gorschkow, dem Direktor des Instituts für Soziologie der Akademie der Wissenschaften Russlands, eine reale Verringerung von Unterschieden, darunter auch im Bereich der IT-Technologie. „Gewiss genießen die Stadtbewohner verglichen mit der Landbevölkerung einige Vorteile. Dennoch ist die Versorgung der russischen Bürger mit Informationstechnologien weit über den Hauptstadtrand hinausgetreten und ist zur Alltagsnorm geworden.“

    Prof. Gorschkow präsentiert die Studie
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Prof. Gorschkow präsentiert die Studie

    Mirko Hempel wundert sich, „wie in Russland nach der Wende durch diese unglaubliche Dynamisierung und Digitalisierung, durch die Einführung des Internets, die absolute Verkürzung von Kommunikationswegen, das Kommunizieren in Echtzeit, das subjektive Gefühl der Nähe durch soziale Netzwerke, die Verbindung über Mobiltelefone etc. – dies alles dazu geführt hat, dass Entfernungen über neun Zeitzonen, die physisch immer noch da sind, sich enorm verkürzt haben.“

    „Wenn heute die Generation der 50-, 60-Jährigen auf dem Land noch nicht so in der Digitalisierung drin ist“, führt er mit Bezug auf die Studie aus, „wird die nächste Generation der 50-, 60-Jährigen auch auf dem Land die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen. Die technischen Möglichkeiten sind längst geschaffen: man hat fast überall Internetzugang.“

    Gemeinsamkeiten und Unterschiede im politischen Leben

    Börse, New York (Archiv)
    © AP Photo / Richard Drew
    Der Hauptsoziologe Russlands Prof. Michail Gorschkow wies auch darauf hin, dass für die Bewohner Moskaus und der anderen Regionen Russlands eine neuartige Übereinstimmung der politischen Stellungnahmen und weltanschaulichen Positionen kennzeichnend sei. „Die Untersuchung der Meinungen russischer Bürger widerlegt das etablierte Stereotyp, Moskauer seien liberaler gesinnt als der Rest Russlands.“

    Dennoch gebe es einige Unterschiede, stellte der Experte fest: etwa bei der Bewertung einiger Länder.

    „Merklich schwächer als andere russische Bürger spüren die Bewohner der Hauptstadt die Atmosphäre, als ob wir von Feinden eingekesselt sind, wenn es um die Außenpolitik geht. In prinzipiellen Fragen demonstrieren die Moskauer einen starken Hang nicht zum Liberalismus, sondern zum Etatismus. Die Forderung nach radikalen Veränderungen im Lande wird von ihnen besonders negativ eingeschätzt, wie paradox dies auch klingen mag.“

    Das Moskauer Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt seit gut 20 Jahren die russischen Soziologen. Man könne, resümiert Büroleiter Hempel, gute Beziehungen zwischen Ländern und Kontinenten nur herstellen, „indem man auf der Grundlage von Fakten Vertrauen schafft, Stereotypen abbaut, Propaganda entgegenwirkt und einfach sagt, wir möchten zur Versachlichung einer Diskussion beitragen, die sich in den letzten Jahren zwischen Russland und Deutschland nicht gut entwickelt hat.“

    Sein Fazit lautet: „Für uns ist es ganz wichtig zu wissen, wie die Empfindungen und die objektiven Einschätzungen der Bevölkerung über ihre eigene Lebenslage sind. Das hilft immer sehr viel, wenn man versteht, wie der andere funktioniert.“

    Der komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Migration, Region, Studie, Bilanz, Einkommen, Moskau, Russland