04:26 11 Dezember 2019
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    Nach Axt-Angriff in der Schule in Burjatien (Archiv)

    Blutige Gewalttaten an russischen Schulen: US-Bildungssystem mitverantwortlich?

    © Sputnik / Andrej Ogorodnik
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    Die Häufung von Gewalttaten an russischen Schulen in jüngster Zeit hat eine Diskussion über das russische Bildungssystem hervorgerufen. Über die Ursachen der Gewalt und den Anteil des Bildungswesens daran besteht Uneinigkeit, wie eine Expertenrunde zum Thema in der russischen Nachrichtenagentur NSN zeigt.

    Mitte Januar war es zu einer Messerstecherei in einer Schule in Perm gekommen, bei der 15 Menschen, darunter 14 Schüler und eine Lehrerin, zum Teil schwer verletzt wurden. Vier Tage später verübte ein Schüler in einem burjatischen Dorf einen Axt-Angriff auf Mitschüler und Lehrer sowie einen Brandanschlag auf die Schule des Ortes.

    Der Präsident des russischen Anwaltsverbands Juri Trunow hält das inklusive US-Bildungssystem für verantwortlich für die Häufung von Teenager-Attacken gegen Schüler und Lehrer an mehreren Schulen Russlands.

    Die jetzige russische Schule habe ihr System von den USA übernommen, wo alle Kinder unabhängig von ihren Besonderheiten gewöhnliche allgemeinbildende Schulen besuchen. Dadurch habe man sich sowohl die Vorteile als auch alle Nachteile dieser Schule angeeignet, sagte der Jurist während des Experten-Gesprächs. „Wir wissen, dass es in Amerika binnen vier Jahren 300 Massenmordfälle an Bildungseinrichtungen gegeben hat.“

    Der Rechtsanwalt fuhr fort: „Als wir dieses Bildungssystem kopierten, belasteten wir unsere Schule auch mit dessen Mängeln. Eine Eigentümlichkeit des Systems ist, dass Kinder mit verschiedener Zurechnungsfähigkeit und verschiedenem sozialem Hintergrund in einer Klasse lernen. Das Bildungssystem der einstigen Sowjetunion divergierte davon wesentlich und hat nicht derartige Massaker verursacht.“

    Viele Experten klagen über die fehlende Vorsorge gegen aggressives Verhalten von Schülern und gegen Rechtsverletzungen der jungen Leute im Allgemeinen. Trunow plädierte für eine Kooperation zwischen Polizei, Sicherheitspersonal an Schulen, Psychologen, an denen es häufig mangele, und Lehrern. „Allerdings ist wiederum aus den amerikanischen Erfahrungen ersichtlich, dass dort zwar mehr Geld als in Russland in den Schutz von Bildungseinrichtungen investiert wird, jedoch mit noch weniger Erfolg.“

    Bei uns sei nämlich herausgekommen, so der Rechtsanwalt, „dass Teenager in sozialen Netzwerken sich ein Vorbild an Ereignissen in amerikanischen Schulen mit enormen Opferzahlen nahmen, weil dort privater Waffenbesitz bis hin zu Maschinengewehren erlaubt ist. Allein durch Schulwachmänner ist das Problem nicht zu lösen. Wenn man schon durchgegangen ist, dann tötet man seinen Altersgenossen eben nicht in der Schule, sondern davor.“

    Handyverbot an Schulen?

    Viele bemängeln, dass Todesgruppen in sozialen Netzwerken zu spät gesperrt werden. Rechtsanwalt Trunow hat als Beispiel einen Punkt von Macrons Wahlprogramm angeführt, nämlich das Handyverbot an Schulen sowie das Gadgetverbot an britischen Schulen. Dies habe einen gesunden Kern, meinte er, da die Qualität der Ausbildung dabei um 10 Prozent gestiegen sei.

    „Obwohl das Internet viel Positives mit sich bringt, benutzen es Jugendliche zunehmend für persönliche Kontakte in sozialen Netzwerken und vernachlässigen die Bibliothek. Daher ist das Wegnehmen der Geräte während des Unterrichts eine positive Erscheinung. Dagegen wäre der Versuch, das ganze Internet zu sperren, eine Dummheit.“

    Blutiger „Weg in die Geschichte“

    Die Experten stellten fest, dass Massaker an amerikanischen Schulen wie der berühmte Amoklauf an der Columbine High School im Jahr 1999 einen blutigen „Weg in die Geschichte“ angeboten haben, der den Teenagern mit ihrem krankhaft gesteigerten Selbstgefühl an sich imponieren muss. So eine Welle von Angriffen konnte Russland auf keinen Fall unversehrt lassen.

    Der Psychiater Alexander Fedorowitsch forderte auf, Teenager aufzuspüren, die zu Rechtsverletzungen neigen. Dies sei allerdings schwierig, gab er zu. Da sei zum Beispiel ein junger Mann, der sich durch nichts von seinen durchschnittlichen Altersgenossen unterscheidet: Er besitzt einen Computer, hat Hobbys, einen bestimmten Freundeskreis, kann aber „gewisse Deviationen“ aufweisen.

    Der Arzt führte ein Beispiel an: „Ein Teenager, der zwölf oder mehr Stunden am Computer verbringt und irgendein aggressives Spiel spielt. Strukturell gesehen gibt es daran nichts Trauriges. Wir können ihn mit einem anderen Teenager vergleichen, der zwölf Stunden vor dem Schachbrett sitzt. Häufig formt aber der Jugendliche über ein Computerspiel gewissermaßen ein Bild von sich selbst. Dieses Bild wird dann verwirklicht.“

    Je nachdem, was für ein Spiel das Kind spiele, urteilt der Experte, ob es ein aggressiver „Shooter“ oder ein strategisches Spiel sei, könne man sich einen Begriff davon machen, wie es das Leben sehe. „Falls das Kind vor diesem Spiel sitzt, das nicht die Ursache, sondern der Auslöser seines Verhaltens ist, dann wird uns klar, dass es sich dabei um innere Selbstverwirklichung handelt.“

    Spielend finde es zur eigenen Identität, so der Psychiater, gestalte sein Bild. „Daraus, wie dieses Bild mit der Umgebung kommuniziert, wie tief es in dieses Spiel versunken ist, können wir ableiten, inwieweit bei ihm die Grenze zwischen dem Virtuellen und dem Reellen verwischt ist. Das birgt aber schon die Möglichkeit eines Missverständnisses, einer Unterschätzung der darauffolgenden Handlungen, die häufig tragisch sind.“

    Zensuren über alles?

    Irina Gecht, Mitglied im Föderationsrat, dem Oberhaus des russischen Parlaments, machte auf eine weitere Nuance aufmerksam: Die moderne Schule orientiert sich nur an Zensuren und am Endergebnis. „Lassen wir einen Jungen einen mittelmäßigen Schüler sein, aber einen guten Mensch. Wir verlangen hingegen von ihm nur, es soll bloß lernen und pauken, das heißt, unser Herangehen ist formell.“

    Selbst Dr. paed. und Mutter, bedauert Gecht, dass das System der ergänzenden Ausbildung in Russland abgeschafft wurde. „Die Kinder können nach dem Unterricht einfach nirgendwo unterkommen, da alles gebührenpflichtig ist. Also darf man nur teilweise den Computerspielen und Netzwerken die Schuld geben. Früher, in der Sowjetunion, wurden Kinder in Arbeitskreisen und Sportgruppen beschäftigt. Dort fanden sie Autoritäten in Person ihrer Trainer und Lehrer.“

    Inzwischen habe die Schule die Erziehung völlig aufgegeben, bereut sie, und nur noch die Funktion des Eintrichterns von Kenntnissen beibehalten. „Die Arbeit außerhalb des Unterrichts ist ganz zum Stillstand gekommen, und die Kinder sind auf sich selbst angewiesen.“ Die Abgeordnete will jetzt eine Revision der Gesetze im Sozialbereich vornehmen, die erst in den 90er Jahren verabschiedet worden waren.

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    Tags:
    Messerangriff, Massaker, Bildung, Verbot, Schule, Internet, Handy, USA, Russland