04:10 21 April 2018
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    KZ Auschwitz (Arhciv)

    Jahrestag von Auschwitz-Befreiung: Geschichte, Gedenken und Gegenwart

    © AFP 2018 / JANEK SKARZYNSKI
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    Angesichts des 73. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist die Historikerin von der Jagiellonen-Universität in Krakau Anna Raźny in einem Interview mit Sputnik auf die heutigen Versuche einer Revidierung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges vonseiten der polnischen Politik eingegangen.

    Heute vor 73. Jahren befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz, in dem nationalsozialistische Verbrecher mehr als eine Million Menschen getötet hatten. Unter ihnen waren vor allem Juden, aber auch Polen, Sinti und Roma sowie sowjetische Kriegsgefangene.

    In der polnischen Gesellschaft wird heute die durch die Soldaten der Roten Armee erfolge Befreiung der von den Faschisten besetzten polnischen Gebiete unterschiedlich bewertet. Es wird sogar statt von einer Befreiung von einer erneuten Besatzung gesprochen. Raźny hingegen zeichnet ein klares Bild von der damaligen Situation:

    KZ Auschwitz, Polen (Archivbild)
    © Sputnik / Alexej Witwitskj

    „Die Rote Armee war in das besetzte Polen gekommen, um gegen Hitler zu kämpfen, weil das die politische und die moralische Priorität der damaligen Handlungen war", sagte die Expertin gegenüber Sputnik. Das Abkommen von Jalta sowie die neue Teilung Europas und der Welt sei das Ergebnis des siegreichen Kampfes gegen Hitler, betont sie.

    Die Russen gingen, die Amerikaner sind noch da

    „Man darf die Chronologie nicht verneinen und nicht von einer automatischen neuen Besatzung Polens sprechen. Das widerspricht den historischen Ereignissen und auch der Tatsache, dass die US-Truppen, die für den Kampf gegen Hitler nach Europa gekommen waren, nach dem Sieg über Hitler weiterhin dort blieben. Die US-Truppen sind weiterhin in Europa, obwohl die sowjetischen Truppen die sowjetische Einflusszone seit mehreren Jahren verlassen haben", sagte sie. Anschließend verwies sie darauf, dass die letzten sowjetischen Einheiten 1993 aus Polen abgezogen worden waren.

    Zudem würden die USA nach wie vor ihr Militärarsenal aufstocken und modernisieren sowie neue Militärbasen in Polen schaffen, betonte die Expertin. „Irrationalerweise" würden die USA die Verteidigungsausgaben erhöhen und andere Länder zu ähnlichen Maßnahmen zwingen. Russland hingegen kürze seine Verteidigungsetats.

    „Diejenigen, die von einer „sowjetischen Besatzung" Polens nach 1945 und einer (im Jahre 1989 —Anm. d. Red.) erlangten Unabhängigkeit und Souveränität sprechen, führen eine betrügerische Geschichtspolitik. Sie fälschen historische Tatsachen, verschweigen gleichzeitig die heutige totale Abhängigkeit von den zwei politischen Zentren Brüssel und Washington und äußern sich nicht zur beinahe umfassenden wirtschaftlichen Abhängigkeit Deutschlands".

    Die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz sei ein Symbol für den Sieg über den Krieg.

    Niemand verneine die Rolle der US-Amerikaner und ihrer westeuropäischen Alliierten bei der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands. Allerdings sei es gerade die Rote Armee und somit die Sowjetunion gewesen, die Auschwitz befreit habe, betonte Raźny. Sie betonte, dass hunderttausende sowjetische Soldaten bei der Befreiung Polens gestorben seien und verurteilte in diesem Zusammenhang die Demontage der Denkmäler zu Ehren der gefallenen sowjetischen Soldaten. Diese würde in Polen im Einklang mit dem Verbot kommunistischer und anderer totalitärer Propaganda erfolgen.

    Abriss sowjetischer Denkmäler: Verstoß gegen nationale Interessen Polens

    Die Vernichtung der Ehrenmäler der sowjetischen, auf polnischem Boden gefallenen Soldaten, zeige die Russophobie der politischen Eliten Polens, die sich auf „Heuchelei und negative Werte" stütze. Diese Initiative verstoße gegen die Grundsätze der christlichen Ethik, die zum Respekt gegenüber allen Verstorbenen auffordere und insbesondere gegenüber jenen, die im Kampf gegen das Böse, gegen die Vernichtung sowie gegen die NS-Ideologie getötet worden seien:

    „Diese Russophobie verstößt gegen christliche Werte, gegen unsere Kultur und unsere Traditionen. (…) Das ist auch Respektlosigkeit gegenüber den Angehörigen und den Nachfolgern jener, die auf polnischen Boden bestattet sind. So etwas hat es nie gegeben".

    Diese Politik habe nichts mit Frieden und einer friedlichen Koexistenz zu tun. Es sei eine Politik der Aggression, des Hasses und des Krieges, die „von außen aufgezwungen" sei. Die Historikerin bemängelt weiter: „Diese Politik hat nichts mit den nationalen Interessen Polens zu tun".

    Die Politik der herrschenden polnischen politischen Eliten müsse unveränderlich sein und „sich auf die Wahrheit stützen und der Wahrheit auch dienen", so die Expertin: „Alle Versuche, Polen zu geschichtlichem Betrug zu veranlassen, enden verhängnisvoll für uns", sagte Raźny. Die Historikerin verwies in diesem Zusammenhang auf die versuchte Verschweigung der Massaker an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien, die von ukrainischen Nationalisten im Zweiten Weltkrieg verübt worden waren.

    Triumph des Friedens

    Der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sollte eine Mahnung für diejenigen sein, die irgendeiner neuen Ideologie der Weltherrschaft, der Vernichtung und der Unterwerfung dienen möchten, betonte Raźny. Solche Ideologien würden immer wieder einen Krieg zur Folge haben, der heutzutage unterschiedliche Formen annehmen würden.

    Die nationalsozialistische Ideologie des Genozids habe nicht nur gegen christliche Werte und Grundsätze der christlichen Zivilisation verstoßen, sondern auf die Vernichtung anderer Völker abgezielt. „Das war eine Ideologie des Krieges, die um der Größe und der Weltherrschaft eines Volkes — des deutschen Volkes — Willen zur Vernichtung aufrief".

    Die Existenz, die Entwicklung und das Gemeinwohl der Menschheit seien jedoch nur dann möglich, wenn Frieden und eine friedliche Koexistenz ihrer Lebensordnung zugrunde liegen würden.

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    Tags:
    KZ, Denkmäler, Vernichtung, Befreiung, Zweiter Weltkrieg, Rote Armee, Auschwitz, Polen