05:51 25 April 2019
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    Lenins Arbeitstisch mit einem gregorianischen Kalender

    Rückwärts nach Europa: Wozu Lenin den Russen das Weihnachtsfest raubte

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    Russland und der Westen waren einst zeitliche Parallelwelten: Das Zarenreich hinkte dem zivilisierten Europa vor der Revolution um Tage hinterher. Das Festhalten am julianischen Kalender war Grund für die Misere – ein für fortschriftliche Kommunisten nicht hinnehmbarer Zustand.

    Man müsse doch schritthalten mit den zivilisierten Völkern dieser Welt: Eine Zeitrechnung wie in Westeuropa müsse her, forderten die Revolutionäre in Russland im Herbst 1917, schreibt die Onlinezeitung „Gazeta.ru“.

    Denn im Unterschied zu anderen europäischen Ländern nutzte Russland bis ins 20. Jahrhundert hinein den julianischen Kalender, benannt nach Julius Cäsar. Mit der Christianisierung war er im Zarenreich eingeführt worden, also im 10. Jahrhundert. Lange Zeit hatte es damit auch keine Probleme gegeben: Die Zeitrechnung in Ost und West lief synchron.

    Bis zum Jahr 1582, als Papst Gregor XIII. beschloss, endlich mal für Ordnung zu sorgen in den Kalenderblättern auf dem Erdkreis. Der Hintergrund ist der, dass das julianische Jahr ganze 11 Minuten und 14 Sekunden länger dauert als das astronomische. Im Jahre 46 vor Christus vom bereits erwähnten Julius Cäsar eingeführt, hatte der julianische Kalender dadurch zum Jahr 1582 gegenüber der tatsächlichen Zeit einen Rückstand von zehn Tagen aufzuweisen.

    Eben diesen Unterschied tilgte Papst Gregor XIII. in jenem Jahr durch eine Kalenderreform: Am 4. Oktober wurde angeordnet, den nächsten Tag nicht als 5. sondern als 15. Oktober weiterzuzählen. Der neue gregorianische Kalender war geboren. Und damit die Verwirrung perfekt ist, hat der gregorianische Kalender alle 400 Jahre wieder drei Schaltjahre weniger als der julianische.

    Es hatte lange gedauert, bis die Welt die Neuerung des katholischen Papstes akzeptierte. Die katholischen Länder führten den gregorianischen Kalender, naturgemäß, als erste ein. Die Protestanten folgten. Erst im 19. bis 20. Jahrhundert wurde er auch in einigen orthodoxen Ländern gültig.

    Nicht so Russland. Die orthodoxe Kirche war strikt gegen die Neueinführung – bis die Revolution die Machtverhältnisse in Russland verschob, schreibt die Onlinezeitung.

    Die Kalenderreform war eine der ersten Reformen der neuen, kommunistischen Machthaber. Vorgeschlagen wurde, den Übergang zum gregorianischen Kalender schrittweise zu vollziehen – jedes Jahr ein Tag weniger. Dann aber hätte der Wechsel 13 Jahre benötigt, den Kommunisten war das offenbar nicht schnell genug.

    Also unterstützte Lenin die Initiative der Räteregierung, die Kalenderreform von jetzt auf gleich umzusetzen: „Der nächste Tag nach dem 31. Januar ist nicht als 1., sondern als 14. Februar zu zählen“, hieß es in einer Direktive vom 26. Januar 1918 laut dem Blatt. Die Russisch-orthodoxe Kirche zog bei dieser Umstellung nicht mit.

    Die Russen kostete die Reform in deren erstem Jahr das Weihnachtsfest. Das letzte ordentliche Weihnachten vor der Umstellung hatten die Russen am 25. Dezember 1917 gefeiert – der Tag der Geburt Christi musste 1918 dann aber auf den 7. Januar 1919 verlegt werden.

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    Tags:
    Kalender, Papst, Oktoberrevolution 1917, Nikolaus II, Wladimir Lenin, Sowjetunion, Russland