03:23 16 Juli 2018
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    Die schrecklichen „Menschenversuche“: Wie die Medien erst schreien und dann denken

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    Valentin Raskatov
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    Bei den umstrittenen Stickstoff-Experimenten wurden keine Grenzwerte überschritten. Außerdem gab es keine Verbindung zur Dieselkrise und keine Einflussnahme der Auto-Industrie. Trotzdem war der Medienaufschrei anfangs groß. Revidiert wurde kaum. Regierungssprecher Steffen Seibert, der die Studie öffentlich kritisierte, hat sich nie entschuldigt.

    Der Aufschrei war groß, als die Medien plötzlich von Affenversuchen erfuhren – von der Automobilindustrie gefördert, um dem Dieselskandal entgegenzuwirken. Doch was ist noch schlimmer als unmenschliche Experimente an Tieren? Natürlich: unmenschliche Experimente an Menschen.

    Deswegen strömten die medialen Glückshormone, als eine Studie ausgegraben wurde, die genau das belegen sollte. Ohne die Details der Studie vorliegen zu haben, steckte man sie gleich mit den Affenversuchen in eine Schublade und überbot sich gegenseitig in moralischer Entrüstung.

    Sogar Angela Merkel geißelt „Menschenversuche“

    Selbst die Bundeskanzlerin Angela Merkel, durch ihren Regierungssprecher Steffen Seibert vertreten, ließ damals verkünden: „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen. Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich.“ Klare Sache, oder?

    Aber nach kurzer Zeit war die Rede nur noch von den Affenversuchen. Die anderen Versuche rückten in den Hintergrund. Und das hat einen Grund: Weder hatte nämlich die sogenannte NO2-Studie mit dem Dieselskandal zu tun, noch waren die Versuchsteilnehmer durch sie in irgendeiner Weise gefährdet worden. Das erklärt Prof. Thomas Kraus, Arbeitsmediziner an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Universität Aachen, unter dessen Leitung die Experimente durchgeführt worden sind.

    Fakt 1: Die Konzentrationen des Stoffes im Experiment lagen unter dem Grenzwert

    Bei den Experimenten ging es um die Frage, ob der Grenzwert für Stickstoffdioxid am Arbeitsplatz bestätigt werden kann. Dieser war von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 2009 mit 0,5 ppm angegeben worden. Zuvor lag der Grenzwert bei 5 ppm.

    Es wurden Versuche an jungen, gesunden, freiwilligen, bezahlten Teilnehmern durchgeführt. Jeweils drei Stunden lang wurden sie verschiedenen Konzentrationen von Stickstoffdioxid ausgesetzt. Die Reaktion ihres Körpers wurde vor und nach Exposition gemessen. Die Konzentrationen lagen bei 0 (Kontrollwert) – 0,1 – 0,5 – 1,5 ppm. Damit lag nur ein Wert über dem von der DFG vorgeschlagenen Grenzwert, alle aber lagen weit unter dem damals gesetzlich geltenden Wert von 5 ppm.

    In keinem Fall wurde eine „Veränderung des Immunsystems“ in Form einer leichten Entzündungsreaktion festgestellt. Bei dem Experiment kam mithin niemand zu Schaden. Die Studienteilnehmer wurden Konzentrationen ausgesetzt, wie sie damals an Arbeitsplätzen ohnehin gang und gäbe waren.

    Fakt 2: Die Experimente waren unabhängig und fanden vor dem Dieselskandal statt

    Zwar gibt Kraus zu, dass die umstrittene Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT), die auch die Affenversuche über die Automobilindustrie finanziert hatte, auch diese Studie gefördert hatte. Allerdings fanden die Untersuchungen noch vor dem Dieselskandal statt. Außerdem war im Fördervertrag geregelt, „dass die Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse unabhängig vom Ergebnis ist“. Die Industrie hatte also keinen Einfluss auf Konzeption, Durchführung und Publikation der Studie – egal, ob ihr die Ergebnisse gefallen würden oder nicht.

    Zu diesem unspektakulären Ablauf passt auch die Bemerkung Kraus‘: „Zum damaligen Zeitpunkt, als wir das veröffentlicht haben, hat es keinen Menschen interessiert. Weder unter Journalisten noch in der Fachwelt hat es irgendwelche Verwunderung oder Aufregung verursacht.“ Der Gesetzgeber habe dann in Deutschland unter Einbeziehung auch dieser Studie den von der DFG vorgeschlagenen Grenzwert von 0,5 ppm im Jahr 2016 rechtsverbindlich eingeführt.

    Die Studie war nicht nur formal in Ordnung, sie wurde auch von der Ethikkommission in Aachen abgesegnet. Das Interesse der EUGT erklärt sich Kraus damit, dass es in der Produktion viele Arbeitsplätze gibt, an denen geschweißt wird. Beim Schweißen steigt kurzfristig auch die Konzentration des Stickstoffdioxids im Raum. Ein weiteres Interesse war sicherlich die Umweltdebatte um den Stoff, wie viel davon in der Atemluft vorhanden sein darf.

    Fakt 3: Die Medien haben unvollständig berichtet, die Bundesregierung ihr Urteil voreilig gefällt

    Warum also der Aufschrei? Für Kraus stellt sich das so dar: „Ein Problem sehe ich darin, dass in den Medien zum Teil sehr unvollständig berichtet wird, sehr undifferenziert, Äpfel mit Birnen verglichen werden und in der medialen Entrüstung natürlich überhaupt nicht mehr deutlich wird, worum es eigentlich geht.“

    Das beweist leider auch der Kommentator Uli Gellermann, wenn er die bisherigen Meldungen der Medien noch überbieten will und die Versuche Kraus‘ mit den Gas-Versuchen der Nazis an Menschen im Dritten Reich vergleicht. Mit solchen Vergleichen wird nur die Kluft zwischen Wirklichkeit und dem Drang nach Sensation besonders gut dargestellt. Von einer Reflektiertheit des Autors zeugen sie nicht. Oder würde Gellermann die Produktionsbedingungen in einer Produktionswerkstätte allen Ernstes mit der absichtlichen Tötung von Menschen durch hochgiftige und hochkonzentrierte Substanzen vergleichen wollen? Solche Vergleiche zeigen nur, wie wenig sich mancher mit einem Thema auseinandergesetzt hat, wie groß sein Mitteilungsbedürfnis ist und wie gleichgültig es ihm ist, dass er damit den Ruf eines Wissenschaftlers anschwärzt.

    Steffen Seibert hat übrigens bis dato seine Äußerung nicht revidiert, geschweige denn sich bei dem Forscher entschuldigt, teilt Kraus mit. Bis Redaktionsschluss bezog die Bundesregierung keine Stellung dazu.

    Das komplette Interview mit Thomas Kraus zum Nachhören:

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    Tags:
    Autoindustrie, Versuche, Menschen, Abgasen, Skandal, Medien, Mercedes, VW-Konzern, Angela Merkel, Aachen, Deutschland
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