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    Mit dem Rollstuhl durch Russland

    Mit dem Rollstuhl durch Russland

    © Foto: Christian Tiffert
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    Alexandra Konkina
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    Seit einem Unfall ist der Marineoffizier Christian Tiffert querschnittsgelähmt. Trotzdem fuhr er von Moskau aus 8000 Kilometer entlang der Wolga, durch die Steppe von Kalmückien, weiter über den Kaukasus bis ans Schwarze Meer und zurück – alles in seinem kinngesteuerten Rollstuhl.

    Herr Tiffert, guten Tag! Zuerst einmal herzlichen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben für dieses Interview. Bitte erzählen Sie etwas über sich.

    Mein Name ist Christian Tiffert, ich bin 1976 in Rostock geboren. Nach der Schule ging ich zur Marine und diente anschließend als Marineoffizier an Bord von Schiffen. Vor fünf Jahren hatte ich einen Unfall, in dessen Folge ich von den Schultern an gelähmt bin. Ich zog zurück nach Rostock, und hier wohne ich seitdem eigenständig in einer Wohnung und werde 24 Stunden am Tag von sieben Assistenten betreut. Vor dem Unfall war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Sogar während des Krankenhausaufenthaltes arbeitete ich weiter an meiner Promotion und hielt Vorlesungen, aber durch meinen Umzug nach Rostock konnte ich leider weder meine Promotion beenden noch weiter Vorlesungen halten. Deshalb bin ich immer wieder auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

    Als neue Herausforderung haben Sie Russland gewählt. Wie sind Sie überhaupt auf die Idee zu dieser Reise gekommen? 

    Die Idee zu dieser Reise hatte ich nach dem Besuch eines guten Freundes. Er arbeitete damals an der deutschen Botschaft in Moskau und erzählte mir von seinen Erlebnissen. Dabei habe ich mich an meine Schulzeit zurückerinnert. Unter anderem im Geographieunterricht war Russland und speziell Moskau Thema vieler Unterrichtsstunden. Schon damals träumte ich davon, einmal dieses riesige Land zu bereisen und natürlich auch den Roten Platz zu sehen. Somit war die erste Idee geboren.

    Was haben Ihre Freunde von dieser Idee gehalten?

    Als ich meiner Familie und den ersten Freunden von der Idee einer Reise nach Moskau erzählte, haben sie mich kurzerhand für verrückt erklärt. Die gängigen Kommentare waren: "Das geht sowieso nicht", "wie willst du da überhaupt hinkommen?", "die Straßen sind viel zu schlecht", darüber hinaus ist dort nichts behindertengerecht, und lebensgefährlich ist es sowieso, um nur einige der vielen Vorurteile zu benennen. Interessanterweise kamen alle diese Hinweise von Menschen, die noch niemals in Russland gewesen sind. In einem Reisebüro fragte sogar die Mitarbeiterin meinen Assistenten: "Was will DER (ich) denn in Russland, soll er doch nach Mallorca fahren, da hat er es wenigstens warm." 

    Demnach haben Sie sich meisten selbst informiert? Haben Sie die Route auch selbst geplant? Warum haben Sie die Strecke Moskau-Schwarzes Meer gewählt?

    Auf einer Tourismusmesse in Berlin haben wir mehrere Reisebüros, die auch auf Russland spezialisiert waren, angesprochen und um Unterstützung gebeten. Auch dort war die erste Reaktion: "Macht das nicht, ihr habt keine Ahnung, worauf ihr euch da einlasst." Die Route habe ich gemeinsam mit meinen Assistenten Alexander und Thomas geplant. Eigentlich wollte ich nach Jekaterinburg reisen. Alexander wollte aber gern ins Wolgadelta und hat darüber so viele Informationen gesammelt, dass ich nicht mehr "Nein" sagen konnte. Darüber hinaus hat mir die Idee gefallen, meinen fünften Geburtstag (also fünf Jahre nach meinem Unfall) in Sotschi, dem Ort der letzten Winter-Paralympics zu feiern. Deshalb habe ich mich dann für diese Route entschieden.

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    Haben Sie bei der Planung auf die Barrierefreiheit in Russland geachtet? 

    Mit der Barrierefreiheit ist das so eine Sache. Wer Standards wie in Deutschland erwartet, ist hier falsch. Andererseits war das von vornherein klar. Insofern war ich sehr positiv überrascht von dem, was ich erlebt habe. Die meisten großen Hotels haben barrierefreie Zimmer. Wobei man trotzdem Abstriche machen muss. Nicht überall sind die Duschen 100 % ebenerdig oder die Toilettenschüsseln verlängert. Wir hatten auch Rampen mit, sodass wir zwar manchmal einen Umweg machen mussten, aber trotzdem fast immer zum Ziel gekommen sind. Darüber hinaus waren alle sehr hilfsbereit und haben mit angefasst.

    Also sind die Leute in Russland sehr freundlich und hilfsbereit.

    Ja, am meisten hat mich an den Menschen in Russland ihre Offenheit und Gastfreundschaft uns gegenüber beeindruckt. Selbst in Wolgograd, wo man doch eigentlich vermuten könnte, dass man uns aufgrund unserer Herkunft zumindest skeptisch gegenübersteht, waren alle sehr freundlich und hilfsbereit. Wo immer wir waren, wurden wir herzlich aufgenommen und unterstützt. Sicherlich auch einer der Gründe, warum wir uns in Russland so wohl gefühlt haben.

    Sie haben Russisch in der Schule gelernt – haben sie die Leute angesprochen? 

    Es stimmt, ich habe in der Schule fünf Jahre Russisch gelernt. Das ist aber mittlerweile über 20 Jahre her, und ich habe leider fast alles vergessen. Allerdings spricht eine meiner Assistentinnen fließend Russisch, und so konnten wir uns doch ganz gut verständigen. Als Vorbereitung auf die nächste Reise steht Russisch lernen aber ganz oben auf der Agenda.

    Diese Reise ist der Grundstein zu Ihrem Projekt "Find Your Road" gewesen. Wie ist es entstanden?

    Die Idee entstand während der Vorbereitung. Uns ist der Werbeslogan "find new roads" für ein neues Offroad-Wohnmobil in die Hände gefallen. Ich finde unseren Slogan sehr griffig. Darüber hinaus beschreibt er sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne meine Situation sehr passend. Nach so einem Unfall, wie ich ihn hatte, ändern sich alle Lebensumstände auf einen Schlag. Die Wohnung passt nicht mehr, das Auto muss gewechselt werden, und von den Zielen im Leben geht auch eine Menge über Bord. Da muss man erst mal die eigene Position bestimmen. Für mich war auch das ein Grund für diese Reise. Am Ende ist der Slogan sogar zum Motto der Reise geworden. Letztendlich aber ist es eine Aufforderung, aufzustehen und wieder aktiv ins Leben zu gehen. 

    Ihre tollsten Erlebnisse in Russland?

    Es gab sehr viele schöne Erlebnisse und Momente in Russland. Sie waren so vielschichtig, dass es schwerfällt, sie miteinander zu vergleichen. Eines der spannendsten Erlebnisse war sicherlich die Fahrt mit einer Seilbahn – ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk.

    Würden Sie Russland als Reiseziel weiterempfehlen?

    Ja, unbedingt, und das auch außerhalb von Moskau und Sankt Petersburg! Nur die Bereitschaft, sich auf ein Abenteuer einzulassen, darf nicht fehlen.


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    Reise, Rollstuhl, Behinderte, Behinderung, Bundeswehr, Wolgograd, Sotschi, St. Petersburg, Deutschland, Moskau, Russland
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