21:00 17 Oktober 2018
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    Poster von Hitlers Hollywood

    Regisseur von „Hitlers Hollywood“: Sie kritisieren Putin, doch was machen USA selbst?

    © Foto: Hitlers Hollywood (2017)
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    Bei den Belgrader Filmfestspielen „Fest“ fand die Premiere des Films „Hitlers Hollywood“ des deutschen Journalisten Rüdiger Suchsland statt. Der Film handelt von der Entstehungsgeschichte der propagandistischen Filmindustrie im Dritten Reich. Sputnik Serbien hat ein Interview mit Suchsland durchgeführt.

    Hat dieses Erbe die moderne Kunst beeinflusst?

    Was die moderne Filmindustrie betrifft, sind Hitler und Nazis eines der Lieblingsthemen, besonders in Hollywood, weil es eine universelle Metapher für Kraft und Übel ist. Dabei nutzt Hollywood dieselbe Ikonografie, die die Nazis ins Leben riefen. Also kann man sagen, dass sie im visuellen Sinne den Krieg gewonnen haben – den Krieg in der Filmindustrie.

    Inwieweit ist das Thema Ihres Filmes aktuell für die heutigen Zuschauer?

    Propaganda ist das Thema unserer Zeit. Wir leben erneut in einer Propaganda-Epoche. Anscheinend gibt es sie immer, doch es liegt auf der Hand, dass wir jetzt stärker begreifen, dass Propaganda uns umzingelt und ein Element unseres Alltags ist. Dabei nutzen wir den Begriff „Propaganda“ vor allem dafür, um unsere Feinde anzuklagen.

    Im Westen reden wir ständig über Putins Propaganda, Assad, den Iran, Kim Jong-un. Doch wenn man das genauer betrachtet: Befasst sich Trump nicht auch mit Propaganda? War Obama, den der Westen so sehr mochte, nicht im gewissen Sinne ein guter Propagandist? Propaganda ist in der Tat eine Technik und kann mit guten Absichten genutzt werden. Doch ich bin der Meinung, dass Propaganda eine sehr schlechte Sache ist. Wir müssen sie analysieren und ihre Präsenz begreifen. Hoffentlich wird mein Film dabei helfen.

    Welche Rolle spielt der Film beim Einfluss auf das kollektive Bewusstsein, die gesellschaftliche Meinung, bei der Festigung bestimmter Vorurteile?

    Wir leben in einer visuellen Epoche, und der Film spielt eine sehr große Rolle. Ich erzähle eine Geschichte über Propaganda, doch das ist eine Geschichte über den Film. Hoffentlich kann man nach meinem Film einige Mechanismen durchschauen, auf deren Grundlage die moderne Filmindustrie funktioniert und lernen, sich Filme anzuschauen.

    Zum Beispiel: Was ich mit der Nazi-Filmindustrie beziehungsweise Filmkunst der Weimarer Republik mache, können sie oder ich auch mit modernen Filmen machen. Wir können uns die Frage stellen – wenn ein Film irgendwelche verdeckten Botschaften enthält – warum es gerade in der modernen Filmkunst so viele Anti-Utopien und so viele Superhelden gibt, warum jeder Film über Liebe glücklich endet, warum Menschen, die Geld haben, Autorenfilme hassen. Vielleicht, weil Autoren wie Jean-Luc Godard bestimmte Wahrheiten mitteilen, die reiche Menschen nicht hören wollen?

    In den Nazi-Filmen sind die größten negativen Figuren vor allem Juden. Welche Klischees sind in der modernen Filmkunst zu erkennen?

    Antisemitische Klischees existieren auch weiterhin. Dazu kommt noch eine Klischee-Wahrnehmung der Muslime, die dem antisemitischen Klischee sehr ähnlich ist. In den Nazi-Filmen wurden Juden als typische moderne Menschen dargestellt. Heute gibt es antimodernistische Stereotype, die auch in den Nazi-Filmen stark ausgeprägt waren.

    Wenn man sich das genauer ansieht, wird die Stadt in dem heutigen Mainstream als Ort der Sünde, des Unglücks und der Probleme gezeigt, während das Leben auf dem Land perfekt und positiv ist. Doch wir wissen, dass dem nicht so ist. Die Familie ist in diesen Mainstream-Filmen ein Vorbild. Frauen und Männer haben bestimmte Rollen. Wir wissen, dass im realen Leben alles viel schwieriger ist, doch uns gefällt es, dieses Idyll in Filmen zu sehen. Wichtig ist auch zu betonen, wie Frauen in Filmen dargestellt werden. In Nazi-Filmen spielten sie eine sehr traditionelle Rolle – perfekte, treue Ehefrauen ihrer erfolgreichen Männer, kinderreiche Mütter. Wenn sie als unabhängige arbeitstätige Frauen dargestellt wurden, waren sie vielleicht auch stolz darauf, jedoch nicht glücklich.

    Diese traditionelle Vision änderte sich während des Krieges, weil Frauen nun in Waffenfabriken arbeiteten, während ihre Männer an der Front waren. In den Filmen tauchten also Frauen auf, die allein lebten, keine Familien hatten, einige hatten sogar außereheliche sexuelle Beziehungen. Vielleicht waren sie aus der Sicht der Nazi-Ideenwelt nicht ehrlich, doch der Nazismus ließ eine solche Darstellung zu, weil sie die neue Realität widerspiegelte. Das Nazi-Regime war gekennzeichnet durch Inkonsequenz, Absurdität. In einigen Sachen waren die Nazis sehr modern, doch zugleich sehr konservativ.

    Wussten alle, die in der deutschen Filmindustrie tätig waren, dass sie eine einheitliche starke Armee im Dienst der Nazis sind? Was geschah nach dem Krieg mit ihnen?

    Natürlich wussten sie das. Manipulationen und Ideologie waren offensichtlich, alle wussten, dass sie sich mit Propaganda befassten. Die Folgen waren unterschiedlich. Einige arbeiteten aus eigenem Antrieb für die Nazi-Ideologie, andere versuchten, sich davon zu befreien. Alles hing davon ab, ob dieser Mensch mutig war. Bei Feiglingen war alles schlimmer. Im politischen und moralischen Sinne haben sich diese Menschen befleckt. Wie in anderen Ländern gerieten einige nach dem Krieg einfach in Vergessenheit, einige konnten fliehen.

    Das ist ziemlich ungerecht, denn einige sehr böse Menschen lebten nach dem Krieg weiterhin gut, und andere, die keine schweren Verbrechen verübten, wurden sehr hart bestraft. Einzelne Regisseure in Nazideutschland wurden nach dem Krieg sehr populär und einflussreich. In meinem Film erzähle ich von Menschen, die es geschafft haben, eine sehr erfolgreiche Karriere zu machen, beispielsweise Helmut Käutner oder Fritz Lang – Letzteren halte ich für den größten deutschen Regisseur des 20. Jahrhunderts. Den Schauspielerinnen fiel es viel schwerer, weil man ihre Gesichter kannte. Viele von ihnen versuchten ihre Unschuld zu beweisen. Doch allen war klar, dass sie begriffen, woran sie teilgenommen hatten. Die Schicksale waren verschieden – alles hing wieder einmal davon ab, wer was nach dem Krieg unternehmen konnte.

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    Tags:
    Propaganda, Filme, Nazi-Deutschland, Filmfestival, Russland, Serbien