03:36 24 September 2018
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    Notdienst-Mitarbeiter in Salisbury

    Anschlag auf Ex-Spion: „Keine Ahnung, was geschah, aber Russen sind schuld“

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    Skripal-Gate: Britischer Doppelagent in London vergiftet (107)
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    Die rätselhafte Vergiftung des ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal ist von britischen Zeitungen, Politikern und „Experten“ sehr operativ „aufgedeckt“ worden. Russland und seine Geheimdienste sind sofort und kategorisch dieses Attentats beschuldigt worden. Russlands Botschaft in London hat die Publikationen in der Presse analysiert.

    Nach dem eingehenden Studium der Überschriften in der englischen Presse zu diesem Vorfall vom vergangenen Sonntag in Salisbury ist die russische Botschaft zu folgendem Schluss gelangt: „Präsumtion der Unschuld 2.0: Keine Ahnung, was passiert ist, keine Ahnung, warum dies passiert ist, aber die Russen sind schuld.“

    The Times: Wir wissen nicht, wann Skripals Tochter gekommen ist, aber „die Killer“ trafen einen Tag später ein

    Blättert man in den britischen Zeitungen, stößt man auf erstaunliche Dinge. Ganze Doppelseiten sind diesem Agentenskandal gewidmet, und auch die Hintermänner sollen schon feststehen. Nur vermeiden die Autoren dieser Artikel sorgfältig das Wort „Motiv“.

    Aber trotzdem: Warum sollte Russland einen entlarvten britischen Agenten töten? Er habe sich ohnehin über fünf Jahre in der Gewalt der russischen Justiz befunden. Und wenn jemand in Moskau seinen Tod gewünscht haben soll, weshalb dann auf solche raffinierte Weise. Nach mehreren Jahren Haft war er Großbritannien übergeben worden. Warum sollte man da fast acht Jahre später eine Operation zu seiner Eliminierung organisieren. Ist das nicht absurd?

    Skripal war in Russland zu 13 Jahren Haft wegen Verrats verurteilt worden, was nicht gerade die härteste Strafe war. Demnach hatte er wohl mit der russischen Ermittlung  kooperiert und seine britischen Kontakte preisgegeben. Das sei auch Großbritannien klar gewesen. In London wusste man, dass Skripal keine Gefahr mehr drohte, zumindest vonseiten Russlands. Der Ex-Agent hatte sich unter seinem eigenen Namen in der südenglischen Kleinstadt Salisbury niedergelassen, sich dort ein Haus für 260.000 Pfund gekauft, aber nicht etwa auf Abzahlung, was die Schlussfolgerung der russischen Ermittlung über den Charakter der „Dienstleistungen“ des Verräters nur bestätigt habe.

    All die letzten Jahre habe Skripal dort ein gewöhnliches Leben geführt. Dies alles ohne jeglichen Schutz, ohne ein Programm  zum Schutz von Zeugen, ohne provokative Erklärungen wie seinerzeit der russische Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko.  Will man den britischen Medien Glauben schenken, sollen nun plötzlich russische Geheimdienste Skripal auf solch exotische Weise aus der Welt haben schaffen wollen.

    Die Zeitung „The Times“ schreibt von einer „Gruppe russischer Killer“, die angeblich einen Tag nach dem Eintreffen von Julia Skripal in Großbritannien, die zusammen mit ihrem Vater Opfer der Vergiftung in Salisbury wurde, aus Moskau angereist sein soll. Wieso aus Moskau? Wieso einen Tag und nicht zwei Tage später? Denn die „The Times“ schrieb doch: „Bislang ist unklar, wann Julia Skripal in Großbritannien eingetroffen ist.“ Aber wenn das Blatt dies nicht genau weiß, wie kann es dann wissen, wann die „Killer-Gruppe“ gekommen sei? Über eine solche Version müssten die Autoren doch selbst lachen.

    Laut der Zeitung habe das Attentat auf Skripal früher erfolgen sollen, doch ein Schneesturm habe die Pläne durcheinander gebracht. „Zur zweiten Tageshälfte des Sonntag, kurz vor Julia Skripals Rückkehr nach Moskau, sind der Killer-Gruppe wenig Chancen geblieben, und sie war genötigt, am helllichten Tage zu handeln“,  so „The Times“.

    Aber wieso diese Eile? Es waren doch acht Jahre Zeit, um den Verräter zu liquidieren. Und wenn Skripals Tochter nach Russland zurückfliegen wollte, warum hätten sie dann die „russischen Killer“ auf britischem Territorium ausschalten sollen? Derartige Fragen umgeht die englische Presse.

    Ein Like auf Facebook von 2013 als Tatmotiv?

    Wie schon gesagt hat die britische Presse das Wort „Motiv“ in den ersten Tagen des Skandals um Skripal vermieden. Die „The Times“ hat nichts Besseres gefunden, als zu schreiben, Julia hätte im Jahr 2013 auf ihrem Facebook-Account eine Veröffentlichung mit einer Kritik Putins mit einem Like versehen. Soll das ein Motiv für einen Mord fünf Jahre später gewesen sein? Absurd, besonders wo sie all die Jahre ruhig in Russland gelebt habe.

    Da das Publikum unmöglich über die Motive der „russischen Killer-Gruppe“ in Unwissenheit gelassen werden konnte, hat die britische Presse nun ihre – nicht weniger absurden — Versionen bekannt gegeben.

    Die „The Financial Times“ schrieb unter Verweis auf Quellen, Skripal habe hochsensible Informationen über Russland mit „Geheimdiensten Großbritanniens und anderer westlicher Länder“ geteilt. Dabei habe die Zeitung zugegeben, dass sein Wert als operative Quelle schnell gesunken war“. Immerhin hatte ihn die russische Militäraufklärung GRU schon in den 1990er Jahren entlassen. Alles Interne habe er schon längst erzählt. Warum soll man ihm jetzt nach dem Leben getrachtet haben? Aber diese Frage stellt das Blatt nicht und nennt auch keine anderen Versionen.

    Die Zeitung „The Daily Telegraph“ hat indes eine weitere Verschwörungstheorie verbreitet. Ihrer Offenbarung zufolge soll Skripal seinerzeit einem Sicherheitsspezialisten, der an dem skandalösen „Trump-Dossier“ gearbeitet hatte, nahegestanden haben. Auch sei es kein Geheimnis, dass Skripal in Salisbury in der Nachbarschaft mit Pablo Miller gewohnt habe, der ihn seinerzeit angeworben hatte. Darauf gestützt könnte man die Version äußern, den Ex-Agenten hätten jene beseitigen wollen, die dieses „Dossier“ zur Diskreditierung Trumps zusammengestellt hätten, das in den USA einen grandiosen Skandal ausgelöst und sich gegen die US-Demokraten gerichtet habe. Aber soweit kann die britische Presse natürlich nicht gehen.

    Unbestreitbare Tatsache von russischer Botschaft – es ist eine „Verschwörungstheorie“

    Die „The Times“ scheint sich der Absurdität ihrer Anspielung auf ein „kritisches Like“ auf Facebook bewusst geworden zu sein und hat am Freitag sechs Motive für die versuchte Eliminierung von Skripal aufgezählt, unter denen fünf den Gedanken nahelegen, dass es eine „russische Spur“ gebe (einschließlich des  „Trump Dossiers“). Die sechste Version enthält den Tweet der russischen Botschaft in Großbritannien, in dem auf die unkorrekten Überschriften einiger britischer Zeitungen über die Vergiftung des „russischen Spions“ hingewiesen wird. Die Botschaft betonte darin, dass Skripal „ein britischer Agent war, der für den MI-6 gearbeitet hat“, was eine unbestrittene und allbekannte Tatsache sei. Wie hätte London sonst zugestimmt, Skripal gegen festgenommene russische Agenten einzutauschen?

    ​Der kurze Tweet der russischen Botschaft hat in den britischen Sozialen Netzwerken jedoch eine starke Resonanz gefunden. Der Autor des Artikels in der „The Times“, Roger Boyes, spricht von einem „russischen Manöver“ – von einem Versuch, „das Wasser zu trüben“ und Verschwörungstheorien zu verbreiten. Aber sind es nicht Verschwörungstheorien, die die britischen Zeitungen verbreitet haben?

    Boyes lehnt selbst die leise Andeutung ab, dass hinter dem Attentat gerade britische Geheimdienste stehen könnten. Aber wie kann man Derartiges auch nur vermuten! Ist doch die „Tatsache“, dass den entlarvten MI-6-Agenten eine „Gruppe russischer Killer“ ausschalten wollte, schon „ermittelt“. Nun dürfe man „kein Wasser trüben“, indem unumstößliche Fakten aus der Biographie des Betroffenen angeführt werden, sondern müsse die unwahrscheinlichsten Versionen bemühen, dem sich nun gewiss zahllose britische „Experten“ widmen würden.

    Wladimir Kornilow, Kommentator für RIA Novosti

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    Themen:
    Skripal-Gate: Britischer Doppelagent in London vergiftet (107)
    Tags:
    Schuld, Spione, Unschuldsvermutung, Verrat, Haft, Vergiftung, Britischer Geheimdienst MI6, Sergej Skripal, Großbritannien, Russland