16:35 25 April 2018
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    Kampf für Cyborg-Rechte: Mann pflanzt sich Chip in die Hand – und landet vor Gericht

    Kampf für Cyborg-Rechte: Mann pflanzt sich Chip in die Hand – und landet vor Gericht

    © Foto: Vimeo / JJ Hastings (Screenshot)
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    Valentin Raskatov
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    Er wollte weniger lästige Sachen mit sich herumtragen und implantierte sich kurzerhand den Chip von seiner Fahrkarte in die Hand. Dafür fing sich Meow-Ludo Disco-Gamma Meow-Meow vom Verkehrsunternehmen eine Strafe ein. Der Chip wurde deaktiviert. Nun fordert er, dass das Gesetz mit dem Stand der Technologie mitziehen soll – und nicht umgekehrt.

    Der volle Name des Mannes, der sich den Fahrschein kurzerhand in die Hand gepflanzt hat, lautet Meow-Ludo Disco-Gamma Meow-Meow (das englische „Meow“ entspricht dem deutschen „Miau“ – Anm. d. Red.). Das ist kein Scherz, sondern sein Name, wie er auch im Pass zu bestaunen ist. Der Mann, der mit Experimenten an seinem Körper nicht spart, wollte auch die Erfahrung einer Namensänderung machen. Dazu schrieb er mit Freunden eine Liste von Wörtern auf, die cool klangen, strich dann einzelne Worte weg, bis nur noch die „besten“ stehen blieben. Das Ergebnis war eben dieses „Meow-Ludo Disco-Gamma Meow-Meow“.

    „Der Chip in der Hand hat mein Leben vereinfacht!“

    Aber in dieser Geschichte geht es nicht um den sonderbaren Namen Herrn Meow-Meows, sondern um eine Tat, die der passionierte Biohacker begangen und nicht begangen hat. Im Grunde sei er auf der Suche nach einer „Reduktion von Benutzerschnittstellen“ gewesen, sagt Meow-Meow gegenüber Sputnik. Wenn er das sagt, dann meint er die vielen Karten, Scheine, Münzen und Schlüssel, die ein Mensch mit sich herumträgt und die er lästig aus seinen Taschen hervorkramen muss, um etwas zu bezahlen, zu öffnen oder etwa einem Kontrolleur zu beweisen.

    Der Biohacker würde diesen ganzen lästigen Krempel am liebsten aus der Welt haben. Deshalb hatte er sich von einem Mitarbeiter der US-amerikanischen Firma Dangerous Things einen Chip anfertigen lassen. Diesen ließ er sich dann im australischen Sydney implantieren. „Das hat mein Leben um vieles leichter gemacht!“, betont Meow-Meow.

    Allerdings nicht für lange, denn diese eigenmächtige Handlung hat dem Verkehrsunternehmen NSW Transport gar nicht gefallen. „Anfangs haben sie die Karte gekündigt, auf der mein Name stand. Aber das ist nicht die Karte, die in meiner Hand ist“, sagt der Biohacker. Kontrolleure des Unternehmens haben seitdem immer wieder an seine Hand rangewollt, um den verbauten Chip komplett zu deaktivieren. Schließlich gelang es ihnen auch. Genau das aber gefiel Meow-Meow wieder nicht. Er ging vor Gericht, um die Maßnahme anzufechten.

    „Das Gesetz hat noch nicht die Technologie eingeholt“

    Vor Gericht wurde die Frage behandelt, ob die Fahrscheine modifiziert waren oder nicht. „In diesem Punkt bekannte ich mich schuldig“, bemerkt der Biohacker, denn modifiziert war die Karte natürlich. In der Frage, ob er seinen Fahrschein kontrollieren ließ oder nicht, sei allerdings kein Schuldspruch erfolgt. Was Meow-Meow hier am meisten aufregt: „Im Grunde debattiert niemand darüber, ob ich meine Fahrt bezahlt habe oder nicht. Niemand fragt sich, ob ich meine Hand an den Automaten gehalten habe oder nicht. Es sieht nach einem Fall aus, wo das Gesetz die Technologie noch nicht eingeholt hat.“

    Denn bei dem Verkehrsunternehmen ist eine „gültige“ Karte nur diejenige, die nicht modifiziert ist. Eine Modifikation ist nicht erlaubt, weil die Karte Eigentum des Unternehmens ist. Dass der Chip genauso funktioniert, wenn er in der Hand verbaut ist, wird dabei vom Unternehmen geflissentlich ignoriert. Deswegen geht die Argumentation des Anwalts von Meow-Meow in die Richtung, dass sich die Unternehmen nach der Technologie und nicht der Einsatz von Technologie nach der Bequemlichkeit der Unternehmen richten sollte. Meow-Meow ist sicher:

    „Die Technologie geht momentan in eine Richtung, dass solche Sachen in Zukunft erlaubt sein werden. Ich glaube, so in fünf Jahren wird das niemanden mehr kümmern.“

    Momentan sieht das noch ganz anders aus, denn auch eine zweite Karte hat das Verkehrsunternehmen dem Biohacker deaktiviert, obwohl er nur bei der ersten die Regeln verletzt habe. „Aber sie haben die Macht, nach Belieben Karten abzuschalten“, bemerkt Meow-Meow dazu. Er fürchtet, dass er jetzt „zum Ziel erklärt“ wurde und jede neue Karte nun „als verloren gemeldet“ und infolgedessen sofort deaktiviert wird. Das größte Problem für ihn ist aktuell, dass der Chip in seiner Hand abgestellt wurde. „Ich finde nicht, dass die Regierung das einfach so abschalten darf, selbst wenn es deren Technologie ist“, betont er.

    Bitcoins und virtuelle Visitenkarten in der Hand

    Der Chip sei medizinischen Standards gemäß eingepflanzt worden, betont der Biohacker, so wie etwa herkömmliche Implantate oder Herzschrittmacher. Er sei sicher eingeschlossen in einen biologisch verträglichen Kunststoff. Außerdem laufe alles professionell bei speziell ausgebildeten Körpermodifizierern in steriler Umgebung ab:

    „Es ist nicht so, dass ich einfach zuhause sitze und mich mit dem Skalpell aufschneide“, sagt Meow-Meow und lacht.

    Natürlich ist der deaktivierte Chip nicht der einzige in seinem Körper. Ein Chip in seinem Handgelenk enthalte aktuell seine virtuelle Visitenkarte. In seinem Daumen sei seine Bitcoin-Adresse verortet, „sodass Leute auf mein Bitcoin-Konto einfach dadurch einzahlen können, dass sie ihr Smartphone an meinen Daumen halten“. Man könne mit dieser Technologie aber auch Haustüren oder Fahrzeuge öffnen. „Idealerweise könnte man auch den Pass auf so einen Chip packen, dann müsste ich mir in Übersee auch keine Sorgen machen, dass ich meinen Pass verliere“, so der Biohacker.

    Möglichst viele solcher Funktionen bald in seiner Handfläche zu vergraben, ist Meow-Meows erklärtes Ziel. Das will er durch einen weiteren Chip von Dangerous Things erreichen, der bis zu 100 gängige Kartentypen enthalten und noch dieses Jahr fertiggestellt werden soll.

    Interviewpartner Meow-Ludo Disco-Gamma Meow-Meow wartet darauf, dass das Gesetz seinen Chip akzeptiert.

    Das Interview mit Meow-Ludo Disco-Gamma Meow-Meow in voller Länge:

    Tags:
    ÖPNV, Biohacker, Digitalisierung, Justiz, Recht, Technologie, Technik, Meow-Meow, Australien, Sydney
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