00:59 27 April 2018
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    Sowjetische Soldatin in einer Gasmaske (Archivbild)

    Giftiges Erbe: Wer die sowjetischen Chemiewaffen geerbt hat

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    Andrej Koz
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    Vor 90 Jahren ratifizierte die UdSSR das Genfer Protokoll zum Verbot der Anwendung von Kampfgasen und bakteriologischen Mitteln im Kriege. Aber die Produktion wurde nicht verboten. Nach 1991 gab es in der Ex-Sowjetunion mehrere Lager und Werke. Wo genau die „Kampfgiftstoffe“ entstanden, erfahren Sie in diesem Artikel von Sputnik.

    Die Augen schließen, den Atem anhalten, Schutzmaske aus der Tasche holen und über den Kopf ziehen – in nicht mehr als zehn Sekunden sollen Soldaten diese Schutzmaßnahme vollziehen. Dieser Grundsatz gilt bereits seit der Zeit des Ersten Weltkriegs. In Russland wurde bereits 1915 begonnen, an der Entwicklung von C-Waffen zu arbeiten. Das war eine symmetrische Antwort an Deutschland, das im Ersten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern Giftgas einsetzte.

    Es wurden schnell drei Werke gebaut – in Iwanowo-Wosnessensk, Moskau und Kasan. Zum Frühjahr 1916 erhielt die Armee rund 150.000 chemische Geschosse. Bis zum Jahresende synthetisierten die Fabriken fast 4000 Tonnen Flüssigchlor, Chlorpikrin, Sulfurylcholrid und Phosgen. Allerdings setzte die russische Seite nicht massenhaft Giftgas ein, denn es war zu „launisch“ und hing vom Wetter ab. Alte gute Artilleriegeschosse mit traditioneller Ausstattung waren effektiver.

    In der Sowjetunion befasste sich seit 1925 die so genannte Militärchemische Verwaltung der Roten Armee mit Chemiewaffen. Der Zweite Weltkrieg bremste Fortschritte in diesem Bereich, doch während des Kalten Krieges und des Wettrüstens häuften die Sowjetunion und die USA massenweise Vorräte an Kampfgiftstoffen an. Zum Jahr 1990 befanden sich in der Sowjetunion fast 40.000 Tonnen C-Waffen (mehr als vier Millionen Artillerie- und Raketengeschosse). Dieses riesige Arsenal bestand zu 40 Prozent aus den Nervengasen Sarin, Soman, VX u.a.

    Verwertung von abgebrannter Munition mit Giftstoff im Objekt Kisner in Udmurtien (Archivbild)
    © Sputnik / Ilya Pitalyow
    Verwertung von abgebrannter Munition mit Giftstoff im Objekt Kisner in Udmurtien (Archivbild)

    In postsowjetischen Russland wurden die gesamten C-Waffen in sieben gut überwachten Arsenalen gelagert – in den Städten Kambarka (Udmurtien), Schtschutschje (Gebiet Kurgan), Potschep (Gebiet Brjansk), dem Dorf Gorny (Gebiet Saratow), in Leonidowka (Gebiet Pensa), Mirny (Gebiet Kirow) und Kisner (Udmurtien). Die Regierung beschloss, das tödliche Gut loszuwerden, am 2. Mai 1996 unterzeichnete der damalige Präsident Russlands, Boris Jelzin, das Föderale Gesetz „Über die Vernichtung von C-Waffen“. Die Vorräte wurden vorwiegend unmittelbar in den Lagern entsorgt. In Leonidowka, Schtschutschje, Potschep und Kisner mussten dazu zusätzliche Werke gebaut werden.

    Im September 2017 ließ Russlands Präsident Wladimir Putin via TV-Brücke mit dem Werk Kisnir das letzte C-Waffen-Geschoss vernichten. Die Entsorgung des VX-Geschosses wurde per Live-Schalte gezeigt. Putin bezeichnete dieses Ereignis als historisch und hob hervor, dass Russland seine Verpflichtungen zur Vernichtung der C-Waffen vorfristig erfüllt. Auf Grundlage der Werke, die an der Entsorgung beteiligt waren, werden neue Produktionsstätten eingeleitet. In Kisner soll unter anderem Schießpulver hergestellt werden.

    Vergessenes Gift

    Ein Dokument, das die Vernichtung der C-Waffen-Vorräte durch Russland bestätigt, wurde von OPCW-Generaldirektor Ahmet Üzümcü unterzeichnet.

    „Einige Typen von Giftstoffen wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jh. im usbekischen Nukus entwickelt und hergestellt“, sagte der Militärexperte Igor Nikulin, ehemaliges Mitglied der UN-Kommission für chemische und biologische Waffen. „1999 wurden alle bzw. fast alle Vorräte von Militärspezialisten aus dem Ingenieur-Korps der US-Armee vernichtet. Ich denke, dass sie einen Teil mitgenommen haben.“

    Experten zufolge waren C-Waffen und ihre Präkursoren in sowjetischen Zeiten auch in Kasachstan, in der Ukraine und in den baltischen Ländern entwickelt worden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion schlossen sich alle Republiken mit der Zeit der Chemiewaffenkonvention an, vernichteten ihre C-Waffen-Vorräte, schlossen die Labors und Werke. Der Prozess wurde von OPCW-Beobachtern kontrolliert. Allerdings erfolgte die chemische Abrüstung nicht immer reibungslos. Die Krise in den Streitkräften der ehemaligen Sowjetrepubliken, die mit der mangelnden Finanzierung und allgemeinen Problemen der 1990er Jahre zusammenhingen, führte dazu, dass gefährliche Waffen einfach nicht angemessen gelagert wurden und einer anderen Seite übergeben werden konnten, oder diese Waffen wurden einfach vergessen.

    • Abgebrannte Munition mit Giftstoff im Objekt Kisner in Udmurtien (Archivbild)
      Abgebrannte Munition mit Giftstoff im Objekt Kisner in Udmurtien (Archivbild)
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    • Eine Plattform offener Lagerung von gebrannten Giftstoff-Geschossen für die weitere Entsorgung im Objekt Kisner in Udmurtien, 27. September 2017
      Eine Plattform offener Lagerung von gebrannten Giftstoff-Geschossen für die weitere Entsorgung im Objekt Kisner in Udmurtien, 27. September 2017
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    • Vernichtung von Chemiewaffen in der Sowjetunion (Archivbild)
      Vernichtung von Chemiewaffen in der Sowjetunion (Archivbild)
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    Abgebrannte Munition mit Giftstoff im Objekt Kisner in Udmurtien (Archivbild)

    So fanden Einheimische am 17. Juni 2004 im Dorf Toporiwka in der Ukraine einen im Boden vergrabenen Kasten mit 76-mm-Geschossen. Experten vor Ort stellten fest, dass es sich bei den 16 entdeckten Geschossen um chemische Geschosse mit tödlicher Blausäure handelt. Die Geschosse wurden in ein Sondergelände ausgelagert und vernichtet. Doch die Fragen, warum sie vergraben wurden, blieben offen.

    2009 wurde ein Lager mit unüberwachten chemischen Geschossen auf dem Gelände Saryschagan in Kasachstan entdeckt. Zu Beginn der 2000er Jahre übergab Russland, das dieses Militärobjekt pachtete, einen großen Teil davon der kasachischen Seite. Damals hatten weder Moskau noch Astana Geld, um ein Gebiet, das flächenmäßig doppelt so groß wie die Niederlande ist, zu inspizieren. Lokale Umweltexperten vermuten auf dem Gelände noch viele solche Überraschungen. Allerdings können solche C-Waffen kaum zu ihrer direkten militärischen Zweckbestimmung eingesetzt werden. Ohne Einhaltung der erforderlichen Lagerungsbedingungen werden sie schnell untauglich.

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    Vernichtung, Giftgas, Chemiewaffenarsenal, Chemiewaffenkonvention, Chemiewaffen, OPCW, UN, US. Army, US-Armee, Wladimir Putin, Saryschagan, Ukraine, Kasan, Moskau, Kasachstan, USA, UdSSR, Sowjetunion, Russland