09:02 22 Juli 2018
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    Sex (Symbolbild)

    „Wer will schon Sex auf dem Dixi-Klo?“ – Berliner Sexarbeiterinnen fordern Dialog

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    Valentin Raskatov
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    Wegen Sex in der Öffentlichkeit und Kondomen auf Spielplätzen und in Parks hat das Bezirksamt Berlin Mitte eine Reihe von Maßnahmen angekündigt, zu denen Dixi-Klos und „Verrichtungsboxen“ gehören. Die betroffenen Sexarbeiterinnen finden die Schilderungen von Anwohnern übertrieben und sind empört, dass sie in den Dialog nicht eingebunden werden.

    Fäkalien und Kondome auf öffentlichen Plätzen, Sex in Büschen und auf Spielplätzen – so schildern Anwohner des Kurfürstenkiezes die Szenen, die rund um den Straßenstrich auf der Berliner Kurfürstenstraße zu sehen sind. Um die Positionen der Bürger zu dieser Problematik zu erfahren, führte das Bezirksamt Mitte im Februar 2018 eine Bürgerbefragung durch. Das Ergebnis: Zwar wollen nur wenige aus der Gegend wegen dieser Szenen wegziehen, aber die Zustände sorgen doch dafür, dass die meisten lieber in anderen Stadtteilen ihre Freizeit verbringen als im eigenen Kiez.

    Aus diesen Gründen schlug am Montag der Bezirksbürgermeister von Mitte Stephan von Dassel eine Reihe von Maßnahmen zur Verbesserung der Lage vor. Dazu gehören: Ausweitung der Arbeitszeiten des Ordnungsamts in die Nacht hinein sowie das Aufstellen von Dixi-Klos beziehungsweise speziellen „Verrichtungsboxen“, damit der Geschlechtsverkehr von der Öffentlichkeit verborgen stattfinden kann.

    „Die Darstellung ist übertrieben“ – Sexarbeiterin Emy Fem

    Emy Fem ist Sexarbeiterin, unterstützt die Kolleginnen im Kurfürstenkiez im Rahmen eines Projekts und kennt die Lage vor Ort sowie die Probleme der dort Arbeitenden aus nächster Nähe. „Die Schilderungen sind auf jeden Fall übertrieben“, sagt sie gegenüber Sputnik. Sie nennt als Beispiel den Park am Gleisdreieck. Dieser sei zu jeder Tageszeit offen, Mülltonnen seien an „strategisch“ sinnvollen Stellen angebracht, sodass Emy Fem sich schon die Frage gestellt habe: „Hat die BSR das aufgestellt oder die Sexarbeiterinnen?“ Denn es gilt bei diesem Geschäft: „Nach der Verrichtung muss das Zeug schnell weg.“ Endergebnis: Der Park ist sauber und gepflegt. Dass dort aber Sexarbeiterinnen arbeiten, weiß Fem sicher.

    Hauptproblem: „Den Sexarbeiterinnen fehlen die Arbeitsplätze“

    Das eigentliche Problem liegt für die Sexarbeiterin darin, dass diese Arbeit mittlerweile legal ist, die Plätze für die Verrichtung aber schlichtweg fehlen. Denn im Rahmen der Gentrifizierung seien die sonst genutzten Brachen weitgehend mit Baustellen übersät und die gern aufgesuchten Parks vielerorts von hohen Zäunen umschlossen und nachts gesperrt worden. „Einige Kunden kommen mit dem Auto, dann ist alles wunderbar. Aber viele kommen auch zu Fuß und da muss man wo hin“, führt Emy aus. Stundenhotels und Pornokinos für den Rückzug wolle aber nicht jeder bezahlen, außerdem sei manchen der Aufwand zu groß, denn meist gelte: „Die wollen schnell ihr Glück haben und wieder weitergehen.“ In vielen Parks müsse außerdem jahrelang auf Mülltonnen an wichtigen Stellen gewartet werden, da sei es kein Wunder – so ließen sich die Zustände mancherorts auch erklären. „Es besteht Bedarf, dass da was verbessert wird“, betont auch Emy Fem.

    Interviewpartnerin Emy Fem
    © Foto : Emy Fem
    Interviewpartnerin Emy Fem

    Maßnahmen? „Hätten Sie gern Sex auf der Dixi-Toilette?“

    Die sogenannten „Verrichtungsboxen“ wären eine sinnvolle Maßnahme, aber es hänge alles davon ab, wie diese beschaffen sind und wo sie aufgestellt werden. Außerdem wäre die Frage entscheidend, ob in ihrer Umgebung viel kontrolliert wird, denn das vertreibe Kunden: „In dem Moment, wo uniformierte Leute auftauchen, klappt die Anbahnung nicht mehr.“ Das hänge mit der Stigmatisierung des Berufs und des Bedürfnisses des Freiers zusammen. Schließlich gehe es „um ein schönes Erlebnis“ und nicht um einen Beamten, der mit ernster Miene nickt. Es seien im Übrigen vor allem die Zugezogenen, die sich über Zustände aufregen, betont die Sexarbeiterin, die, die schon länger da seien, „sind voll nett“.

    Auch die Pressesprecherin des Berliner Berufsverbands erotische & sexuelle Dienstleistungen e.V. (BesD) Salomé Balthus denkt in Sachen „Verrichtungsboxen“ ähnlich, verwirft die Dixi-Klos aber ganz: „Hätten Sie gern Sex auf der Dixi-Toilette? Ich meine, ohne Alkohol und ohne Festival?“, fragt sie und fügt hinzu: „Ich finde solche Ideen furchtbar unromantisch und auch unerotisch.“ Zusätzlich zu den „Verrichtungsboxen“ schlägt sie auch ein Abkommen zwischen Sexarbeiterinnen und Cafés vor: „Warum sollen sie denn nicht einfach da reindürfen?“, fragt sie.

    „Die Großstadt ist keine Kleingartenanlage“ – es braucht den Dialog zwischen allen Seiten

    Auch sonst findet sie die Haltung der Bürger übertrieben, man sei schließlich in einer Großstadt und „nicht in der sauberen Kleingartenanlage oder in der Fußgängerzone von der bayrischen Kleinstadt“. Und sie glaubt fest, dass die Berliner Kinder schlimmere Probleme hätten, „als ein Kondom auf dem Bürgersteig zu finden.“ Auch Sichtschutz brauche es aus ihrer Sicht nicht immer, denn: „Dass es Sex gibt, wissen Kinder, auch aus dem Internet. Das ist eine völlig falsche, paternalistische Haltung.“

    Und in dem Punkt der Problemlösung sind sich Balthus und Emy Fem einig: Es muss auch ein Dialog mit den Sexarbeiterinnen stattfinden und soll nicht einfach „über ihre Köpfe hinweg“ entschieden werden.

    Interviewpartnerin Salomé Balthus
    © Foto : Studio Fortyfour , Berlin
    Interviewpartnerin Salomé Balthus

    Auf Sputnik-Anfrage teilt das Bezirksamt Mitte immerhin mit: Die Umfrage stelle nur den Auftakt für die Maßnahmen dar. „Gespräche mit Initiativen, Unterstützungsstrukturen usw. werden jetzt durchgeführt.“

    Das komplette Interview mit Emy Fem in voller Länge:

    Das komplette Interview mit Salomé Balthus in voller Länge:

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    Tags:
    Ordnung, Hygiene, Prostitution, Sexarbeit, Deutschland
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