12:56 11 Dezember 2018
SNA Radio
    Schule

    Klage gegen Behinderte an Gymnasien: Barriere im Kopf oder Folge der Sparpolitik?

    CC0
    Panorama
    Zum Kurzlink
    Valentin Raskatov
    13245

    Geistig behinderte Schüler sollen am Gymnasium Horn in Bremen nicht unterrichtet werden. Das will die Leiterin der Schule mit einer Klage erwirken. Für den Bremer Behindertenbeauftragten ist das ein klarer Fall von Diskriminierung. Der Verband für Bildung und Erziehung dagegen sieht in der Klage eine Folge jahrelanger Sparpolitik.

    Das Gymnasium Horn in Bremen hat ein weites Profil zur Förderung seiner Schüler in ihrer Entwicklung: Neben dem Abitur können die Schüler dort auch das französische Pendant, das Baccaleauréat, ablegen. Austauschprogramme mit unterschiedlichen Ländern finden statt, und neben Theaterkursen und Exkursionen gibt es eine Reihe von AGs für jeden Geschmack. Diese Breite soll im kommenden Schuljahr um eine Maßnahme erweitert werden: eine Inklusionsklasse. Das jedenfalls fordert die Bremer Bildungsbehörde.

    Doch gegen diese Maßnahme hat die Leiterin des Gymnasiums, Christel Kelm, Ende März eine Klage vorgebracht. Kelms wesentliches Argument: Die Schüler mit Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörungen, die Teil der Inklusionsklasse werden sollten, entsprechen nicht dem Anforderungsniveau eines Gymnasiums. Die Behörde führt dagegen an, die Inklusionsklasse sei mit dem Gymnasium durchaus vereinbar, denn dieses könne anstelle eines Abiturzeugnisses auch ein allgemeines Zeugnis vergeben.

    „Politik hat Inklusion als Sparprojekt verstanden“

    „Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, auch durch verstärkt gelebte Inklusion in Schulen, ist richtig“, betont der Bundesvorsitzende des Verbands für Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, in einem Statement gegenüber Sputnik. Doch er gibt im selben Zug zu bedenken: „Die Politik hat es aber viel zu lange als Sparprojekt verstanden. Ihre Gleichung ist so einfach wie falsch: Wir schließen Förderschulen, verteilen die Förderschullehrkräfte auf die Regelschulen – und das Thema Inklusion ist gelöst.“

    Dabei gelte es, die Regelschulen baulich zu verändern und mehr Personal einzustellen. Zudem bedürfe es der Unterstützung durch multiprofessionelle Teams aus Sonderpädagogen, Schulgesundheitsfachkräfte und Schulpsychologen und umfassender Fortbildungen für die Lehrkräfte. Was alles 2017 noch fehlte, kann man in einer vom VBE in Auftrag gegebenen forsa-Umfrage im Detail lesen.

    Udo Beckmann
    © Foto : Ostermann
    Udo Beckmann

    „Die Umsetzung der Inklusion ist damit leider ein Paradebeispiel für Bildungspolitik, die sich nicht an der Realität in den Klassenzimmern orientiert“, schreibt Beckmann weiter und fordert für die Praxis „massive Investitionen“ in:

    • die pädagogische Doppelbesetzung
    • die Unterstützung durch multiprofessionelle Teams
    • die schulbaulichen Voraussetzungen
    • kleinere Klassen
    • bessere Vorbereitung durch angemessene Aus-, Fort- und Weiterbildung

    „Diskriminierende Maßnahme“

    „Diese Kritik halte ich zumindest auf Bremen bezogen für berechtigt“, pflichtet der Behindertenbeauftragte für Bremen, Joachim Steinbrück, dem VBE bei. Im Vergleich etwa zu Berlin und Hamburg mit 8500 Euro pro Schüler stünden Bremen lediglich 6500 Euro zur Verfügung. Und nicht nur in Sachen Inklusion, auch bei Schülern, die aus „prekären Lebensverhältnissen“ stammen, gebe es dadurch Probleme.

    „Das System ist insgesamt unterfinanziert“, so Steinbrück. Es fehlten sonderpädagogische Lehrkräfte sowie „Kooperationszeiten“, also vergütete Zeiten für das Lehrpersonal, in denen es sich absprechen und spezielle Unterrichtspläne ausarbeiten kann. Zwar bilde die Universität Bremen derzeit neue Lehrkräfte für inklusive Pädagogik aus. Aber es würde noch Jahre dauern, bis diese an die Schulen kommen.

    Dennoch bemerkt Steinbrück zur Klage: „Ich halte das für eine ausgrenzende, behinderte Menschen diskriminierende Maßnahme.“ Als Beispiel, dass Inklusion funktionieren kann, führt er zwei Bremer Gymnasien an, an denen das Modell umgesetzt wird. Andere Schulen schaffen das mit den gleichen Ressourcen, betont der Behindertenbeauftragte und schließt daraus: „Es scheint auch die Haltung und der Umgang mit der Praxis eine Rolle zu spielen.“

    Interviewpartner Joachim Steinbrück
    © Foto : behindertenbeauftragter.bremen.de
    Interviewpartner Joachim Steinbrück

    Kritik nicht erst heute

    Zwar hat es in der Vergangenheit offenbar keine Fälle gegeben, in denen eine Leiterin klagt. Doch es gab immer wieder Kritik von Eltern, Politikern und Lehrern. So hatten etwa im Jahr 2014 drei Lehrer aus Kassel in einem offenen Brief mehr Geld und mehr Ressourcen für solche Klassen gefordert. Auch der Kultusminister Sachsen-Anhalts, Marco Tullner, sprach sich letztes Jahr gegen die Inklusion aus, da diese sowohl Kinder als auch Lehrer überfordere. Für Kinder mit Förderbedarf gebe es Förderschulen, die speziell für deren Betreuung geschaffen sind, sagte er. Und erst im Februar dieses Jahres hatte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, im Interview mit der Welt gefordert, die Inklusion an Schulen auszusetzen. Er betonte auch, dass jede Inklusionsklasse eine zweite Lehrkraft bräuchte.

    Recht auf Förderschulen

    Auch die Eltern eines behinderten Jungen haben schon gegen die Inklusion geklagt. Sie wollten nicht, dass ihr Sohn an eine reguläre Grundschule kommt, sondern wünschten sich, dass er an einer Förderschule betreut wird. Nach längerem Kampf gab das Oberverwaltungsgericht den Eltern schließlich Recht: Der Junge durfte eine Förderschule besuchen.

    Das komplette Interview mit Joachim Steinbrück zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Verrückt: Genügend Psychotherapeuten in Deutschland – aber zu wenig Zulassungen
    „Dschihadismus gehört nicht zu Deutschland“: Gotteskriegern den Pass entziehen?
    Fall Skripal: Deutschland nicht an „Sanktionsspirale“ interessiert – Botschaft
    Tags:
    Behinderte, Freiheit, System, Bildung, Schulen, Deutschland