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    Lügenpresse – Fake News – Alternative Medien: Auf der Jagd nach Klicks

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    Armin Siebert
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    Wie steht es um die Journalistenzunft im 21. Jahrhundert? Geht es noch um Inhalte oder nur noch um Bilder? Verdrängt die Unterhaltung ernste Themen? Frisst das Internet die Mainstream-Medien auf? Muss ein Journalist westliche Werte vertreten? Und was wollen die Leser? Nachgefragt bei Michael Meyen, Journalistik-Professor an der Universität München.

    Herr Meyen, es gibt in großen Teilen der Bevölkerung eine Unzufriedenheit mit den großen Medien. Man spricht von Lückenpresse oder gar Lügenpresse. Woher kommt dieser Eindruck bei den Menschen?

    In dieser Debatte geht es natürlich erst mal um eine Einseitigkeit, um Weglassen, darum, dass Partei ergriffen wird für den Westen, für bestimmte Eliten. Das ist eine thematisch getriebene Unzufriedenheit, die eine Quelle darin hat, dass wir heute wissen, dass es alternative Wirklichkeitskonstruktionen jenseits der traditionellen Massenmedien gibt. Vor 30 Jahren hatte ich die Süddeutsche Zeitung und die Tagesschau, und das war die Wirklichkeitskonstruktion. Es gab keine Alternativen.

    Michael Meyen
    © Foto : Ekkehard Winkler
    Michael Meyen

    Im Internet gibt es heute Erzählungen, die andere Dinge an uns herantragen. Das sät ein gewisses Misstrauen und schärft auch unsere Wahrnehmung für das Weglassen, für das Auslassen, für das Parteinehmen, das wir in traditionellen Medien haben. Diese Art, Realität zu konstruieren, steht offenkundig für den Nutzer in Widerspruch zu dem Wunsch, dass wir Orientierung brauchen, dass wir informiert werden wollen, dass wir das Wissen möchten, was für unser Leben, auch für unser Leben als Bürger, für die Meinungs- und Willensbildung wichtig ist.

    Ein Vorwurf ist, dass die Mainstreammedien weitestgehend die Position des Staates vertreten und abbilden. Politiker brauchen die Medien und umgekehrt. Führt das zu Gleichschaltung?

    Gleichschaltung ist ein großes Wort, weil es auf eine intentionale Handlung einer bestimmten Stelle abzielt. Da muss jemand sitzen, der dafür sorgt, dass die Medien auf gleiche Weise berichten, zum Beispiel auf gleiche Weise über den Konflikt zwischen dem Westen und Russland. Diese Stelle gibt es offenkundig nicht. Aber was es gibt, ist das, was Uwe Krüger, mein Kollege aus Leipzig, mit dem schönen Begriff „Verantwortungsverschwörung“ beschrieben hat. Es gibt die Vorstellung von Journalisten, dass sie wirkmächtig sind, dass das, was sie machen, eine Wirkung hat. Dann gibt es eine Vorstellung darüber, was gut ist, was der Gesellschaft gut tut. Und das führt dazu, dass bestimmte Dinge, die möglicherweise zu Wirkungen führen, die nicht erwünscht sind, weggelassen werden. Wenn man dann weiß, dass Eliten im Staat und in den Medien in ganz ähnlichen Universitäten sozialisiert worden sind, einen ganz ähnlichen Background haben, aus ganz ähnlichen Milieus kommen, dann muss man sich nicht wundern, dass das, was im Moment für wünschenswert gehalten wird, in den Medien nicht viel anders aussieht als in den großen Behörden und dass das dann zu diesem Gleichklang führt.

    Gerade zu umstrittenen Themen wie Syrien, Russland oder AfD werden Journalisten und Politiker, deren Meinung nicht Eins zu Eins dem Standpunkt der westlichen Welt entspricht, angegriffen – so massiv, dass sie vielleicht beim nächsten Mal nicht mehr zu ihrer Meinung stehen oder diese revidieren. Wie steht es denn unter diesem Gesichtspunkt um die Meinungsfreiheit?

    Meinungsfreiheit ist da. Wir können sagen, was wir denken. Die Frage ist immer, ob unsere Meinung dann gehört wird. Wenn wir gerade jetzt gelesen haben, dass der Aufruf von fünf Politikern aus sehr unterschiedlichen Lagern – Antje Vollmer, Horst Teltschik, Günther Verheugen, Helmut Schäfer, Edmund Stoiber – für Verständigung mit Russland zu sorgen, dass dieser Aufruf von der Süddeutschen Zeitung abgelehnt wurde, dass er gar nicht gedruckt wurde, da sind wir also noch eine Stufe davor: Wir können uns gar keine Meinung bilden, weil alternative Sichtweisen, vielleicht auch alternative Fakten, andere Perspektiven auf das Thema gar nicht mehr in die Medienöffentlichkeit kommen. Das scheint mir im Moment das größere Problem zu sein, dass wir zwar eine Meinung haben können, dass wir aber mit einer relativ gleichlautenden Faktenlage konfrontiert werden.

    Es ist bekannt, wie viele Menschen allein das Pentagon bezahlt, um Medienberichte vorzufertigen, um Journalisten auf eine bestimmte Sichtweise zu bringen. Da wird eine unglaubliche Menge Geld ausgegeben, um im Kampf um Deutungshoheit auch garantiert Sieger sein zu können. Und die relativ schlecht ausgestatteten Politikredaktionen haben Mühe, da ein eigenes Bild entgegenzusetzen. Ganz unabhängig von dieser „Verantwortungsverschwörung“, die ich vorhin erwähnt habe, die dazu führt, dass sich die Sichtweisen in den Redaktionen wahrscheinlich gar nicht so sehr von dem unterscheiden, was man von den PR-Stäben der staatlichen Behörden geliefert bekommt.

    Bei den erwähnten Themen gibt es auch eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Medien berichten und die Politiker vertreten und dem, was die Menschen, die Leser denken. Das sieht man an den Kommentaren und Leserbriefen. Darf man das als Medium ignorieren, weil man da drüber steht, weil man besser informiert ist?

    Man dürfte es eigentlich nicht, wenn man seine Aufgabe als Journalist, als Medium so definiert, dass man sagt, es geht darum, dass ich dem Bürger Meinungs- und Willensbildung ermögliche. Eine mögliche Deutung dieses Phänomens ist, dass sich das journalistische Selbstverständnis geändert hat, dass es Journalisten in Deutschland heute eben nicht mehr darum geht, zu informieren, sondern dass sie selbst sich für Akteure halten, für Menschen, die etwas voranbringen wollen in eine Richtung, die sie selbst für gut halten. Und dann halt bestimmte Informationen auf bestimmte Weise framen oder solche Informationen auch weglassen. Wir hatten vor kurzem in Russland diesen Kaufhausbrand. Man stelle sich vor, was in deutschen Medien los gewesen wäre, wenn das in Paris oder New York passiert wäre. Was wir an Anteilnahme, an Emotionen in den Medien gehabt haben, was deutsche Medien daraus gemacht haben, da kann man gewaltige Unterschiede feststellen zu dem, was bei ähnlichen Unglücken im Westen gemacht worden wäre.

    Sollte ein Journalist nicht in erster Linie neutral beschreiben und berichten und nicht persönlich werten, wenn es nicht als Kommentar oder dergleichen gekennzeichnet ist? Gerade zum Thema AfD zum Beispiel schien mir lange Zeit vor allem im Wahlkampf jeder Artikel persönlich und negativ gefärbt zu sein.

    Ja. Ich glaube, was wir brauchen, worauf auch diese Debatte um Lückenpresse und Lügenpresse hindeutet, ist eine gesellschaftliche Debatte über das Selbstverständnis des Journalismus: Was wollen wir eigentlich vom Journalisten? Was soll er liefern, damit wir sagen können, es ist gute journalistische Qualität? Ich würde dafür plädieren, dass Neutralität da auf jeden Fall ein Kriterium sein sollte. Ich würde auch Transparenz als ein Kriterium nennen. Journalisten können nicht objektiv sein. Sie bleiben Subjekte mit einem bestimmten Hintergrund, Studienhintergrund, Herkunftshintergrund. Sie sollten das dann aber offenlegen. Sie sollten sagen: Das bin ich, das ist mein Verhältnis zum Beispiel zu Russland, und dem Zuschauer, Leser, Hörer so erlauben, sich selbst ein Bild zu machen: Wie kommt dieser Mensch jetzt dazu, mir diese Erzählung über Russland anzubieten.

    Viele Menschen, die diese Artikel gelesen haben, haben sich dann gesagt: „Jetzt erst recht“ und gerade die AfD gewählt. Und was die Medien betrifft, haben sie sich andere Medien gesucht, vor allem im Internet. Wie sehen Sie diese Alternativen Medien? Bereicherung oder Fake News?

    Auf jeden Fall Bereicherung, weil wir nicht mehr darauf angewiesen sind, die Deutungen hinzunehmen, die uns von den traditionellen Massenmedien geliefert werden. Letztlich ist das ein Traum für den mündigen Bürger, dass er sich aus verschiedenen Quellen informieren muss und nicht einfach nur das schluckt, was ihm aus einer Quelle geboten wird. Ich glaube, dass wir die Medienkompetenz der Bürger in diesem Lande unterschätzen, dass da sehr wohl ein Wissen darüber da ist, wie Medien zustande kommen, welche Mechanismen dahinter stecken, und wir den Leuten einfach zutrauen sollen, auch mit Internetangeboten klarzukommen und auch da wiederum klar zu sein, welche Interessen zum Beispiel hinter Ria Novosti stehen.

    Das Buch „Breaking News – Die Welt im Ausnahmezustand – Wie uns die Medien regieren“ von Dr. Michael Meyen ist im Westend-Verlag erschienen.

    Das vollständige Interview mit Michael Meyen zum Nachhören:

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    Tags:
    Leitmedien, Journalismus, Alternative, Fake-News, Lügenpresse, Kritik, Medien, Pentagon, Helmut Schäfer, Günther Verheugen, Michael Meyen, Edmund Stoiber, Antje Vollmer, Horst Teltschik, USA, Russland
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