19:43 17 Dezember 2018
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    Eine Technikerin und ein Eurofighter-Kampfpilot auf dem deutschen Militärflugplatz Nörvenich (Archivbild)

    Luftwaffe verliert Piloten: Auch Weltraum-Kandidatin steigt aus

    © AFP 2018 / Patrik Stollarz
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    Alexander Boos
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    Immer mehr Piloten in der Luftwaffe sind laut Medien mit ihrer Arbeit unzufrieden. Die Folge davon: Bisher haben schon sieben Eurofighter-Piloten die Bundeswehr verlassen. Darunter auch Nicola Baumann, frühere Kandidatin für einen Weltraum-Flug. „Die wechseln nicht alle zur Lufthansa“, so ein Berufsverbandssprecher. „Die Jungs müssen mehr fliegen.“

    In diesem Jahr haben nach Informationen des Blogs „Augen Geradeaus!“ bereits sieben Piloten, „die bislang bei der Luftwaffe die Eurofighter flogen“, ihre Kündigung eingereicht und die Streitkräfte verlassen. „Es dürften – so ist aus der Truppe zu hören – noch mehr werden.“ Unter denen, die gehen, sei auch eine der seltenen Pilotinnen in der Bundeswehr: Nicola Baumann, „ausgebildet sowohl auf dem Tornado als auch auf dem Eurofighter.“ Der Blog vermutet folgende Gründe: Sie sei „von der Bürokratie aus der Truppe getrieben“ worden. Sputnik hakte nach.

    „Frau Baumann hat sich dahingehend geäußert, dass ihr ursprünglicher Plan, mit 41 Jahren als sogenannter Teilversorger pensioniert zu werden, nicht verwirklicht werden konnte“, sagt Thomas Wassmann, Bundesvorsitzender des „Verbands der Besatzungen strahlgetriebener Kampfflugzeuge der Deutschen Bundeswehr“ (VBSK) gegenüber Sputnik. In der Luftwaffe gebe es eine spezielle Gruppe von Berufsoffizieren mit Pensionsoption ab dem 41. Lebensjahr. „Diesen Weg hat man ihr nicht mehr genehmigt, weil man einseitig ihr Arbeitsverhältnis in ein Berufssoldatenverhältnis geändert hat. Und damit hat sie gesagt: ‚Dann gehe ich lieber acht Jahre vorher und fange an, mir draußen etwas aufzubauen, weil ich die Teilpension mit 41 Jahren nicht mehr gewährt bekomme.‘“

    „Kosmos-Kandidatin“: Abschied nach fast 14 Jahren

    Baumann, Jahrgang 1985, hat Maschinenbau studiert und war fast 14 Jahre im Dienst der Bundeswehr. Dann der Abschied. „Heute ist mein letzter aktiver Tag im Dienst der Bundeswehr. Damit verabschiede ich mich von dieser wunderbaren Aussicht – nach über zehn Jahren aktiver Jetfliegerei“, schrieb Baumann Ende April auf ihrer Facebook-Seite.

    Nicola Baumann
    © REUTERS / Fabrizio Bensch
    Nicola Baumann

    „Nach bestandener Jetausbildung wurde ich ohne Antrag oder großes Zutun (…) Berufsoffizier mit der besonderen Altersgrenze 41. Sprich: Ich sollte bis zum 41. Geburtstag Jets fliegen und dann mit einer (reduzierten) Rente nach Hause gehen. Für mein Leben war das der perfekte Plan und höchst attraktiv!“ Sie wird laut Eigenaussage nun öfters gefragt: „Wieso bleibst du denn nicht in der beruflichen Fliegerei?“ Ihre Antwort: „Ganz ehrlich: Ich bin den Eurofighter geflogen! Das modernste Kampfflugzeug Europas!“ Was solle danach fliegerisch noch kommen?

    „Mein Kenntnisstand ist, dass Frau Baumann aktuell entweder schon arbeitet oder sich darum bemüht, im Personalgeschäft, genauer im Consulting-Bereich, tätig zu werden“, sagte Berufsverbandssprecher Wassmann im Sputnik-Gespräch. Sie sei ideal für eine solche Position, „da sie nun mit ihrem Werdegang in ihrem jungen Alter Erfahrungen gemacht hat, die es weiterzugeben lohnt.“ Zuvor sollte die Bundeswehr-Eurofighter-Pilotin aus Köln im Rahmen der privaten Weltraum-Initiative „Die Astronautin“ ins All fliegen. Im Dezember dann der überraschende Rückzug: Die Initiative gab bekannt, dass die Pilotin „auf eigenen Wunsch“ ausscheidet.

    „Wer sich in der Fliegerei nicht verwirklichen kann, sattelt um“

    Die scheidende Pilotin sei kein Einzelfall. „Erstmal gab es solche ‚Kündigungs-Wellen‘ schon länger und immer mal wieder“, so der VBSK-Vorsitzende. „Jetzt ist es so, dass es spezifisch die Klientel der Eurofighter-Piloten betrifft. Und da auch eher die langjährigen Mitglieder, die gut ausgebildeten Fluglehrer und andere Qualifikationen.“

    Damit bekommen diese Kündigungen eine neue Dimension.

    „Die sieben Eurofighter-Piloten, die jetzt in letzter Zeit gegangen sind, haben alle sehr individuelle Gründe. Nicht alle sind in die zivile Luftfahrt gewechselt. Sondern das ist sehr unterschiedlich. Geld ist nicht der ausschlaggebende Grund. Grundsätzlich können Sie davon ausgehen: Piloten wollen fliegen. Wenn sie sich in der Fliegerei nicht verwirklichen können, dann orientieren sie sich um. Das ist einer der Hauptfaktoren bei den meisten.“

    Es seien unter den Piloten auch solche, „die tatsächlich in die private Fliegerei gehen. Sprich: Zu Airlines und anderweitigen Flugunternehmen. Es gibt welche, die im Bereich der Rüstungsindustrie wieder Fuß fassen. Und es gibt sicherlich auch den ein oder anderen, der sein Hobby zum Beruf macht.“ Da gebe es unterschiedliche individuelle Motivationen. „Man kann jetzt nicht sagen, die sind alle zur Lufthansa gewechselt.“

    Piloten in der Luftwaffe: „Berufsbild stark geändert“

    Das ganze Berufsbild habe sich ohnehin stark gewandelt.

    „Es ist leider so, dass die Piloten immer weniger zum eigentlichen Fliegen kommen und immer mehr mit anderen Aufgaben betraut werden, was nicht unbedingt zur Berufszufriedenheit in dieser Gruppe beiträgt.“ Er könne im Moment „nicht wirklich sagen, wie man diese Welle bremsen kann. Da wird sicherlich noch der ein oder andere gehen.“

    Grundsätzlich sollte die Luftwaffe seiner Meinung nach dafür sorgen, „dass die Jungs wieder regelmäßig mehr fliegen. Dafür sorgen, dass die Leute ihrem Hauptberuf wieder nachkommen: Der Fliegerei. Sie entlasten mit allen möglichen Nebenaufgaben. Das gestaltet sich schwierig genug. Da hapert es an einigen Ecken und Kanten. Da spielen auch Dinge wie der Traditionserlass und Kameradschaften eine Rolle. Diese Berufsgruppe war mal etwas Besonderes. Inzwischen ist sie das halt nicht mehr. Auch was die Auswahl des Personals und die Werdegänge beim Führungspersonal angeht, gibt es sicherlich Nachholbedarf.“

    Eine Interview-Anfrage von Sputnik ließ Nicola Baumann bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

    Das Radio-Interview mit Thomas Wassmann (VBSK) zum Nachhören:

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    Tags:
    Pension, Antimilitarismus, Entlassung, Piloten, Weltall, Kosmonaut, Astronauten, Jets, Rüstung, Aufrüstung, Militarismus, Kündigung, Eurofighter, VBSK, Luftwaffe, Bundeswehr, Thomas Wassmann, Nicola Baumann, Deutschland