23:13 25 September 2018
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    Britischer Wikipedia-Manipulator Philip Cross enttarnt – Labour-Politiker

    © AFP 2018 / Lionel Bonaventure
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    Ilona Pfeffer
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    Steckt hinter dem Wikipedia-Editor „Philip Cross“ ein an Autismus leidender Mensch, der vom britischen Geheimdienst GSHQ benutzt wird, um Regierungskritiker zu diskreditieren? George Galloway behauptet, er kenne nun die wahre Identität und Adresse des Philip Cross. Auch zwei deutsche Wikipedia-Kritiker haben Erstaunliches über ihn herausgefunden.

    In der Wikipedia-Affäre in Großbritannien scheint eine entscheidende Wendung gekommen zu sein: Der ehemalige Labour-Politiker und Moderator George Galloway behauptet, herausgefunden zu haben, wer hinter dem Pseudonym Philip Cross steckt. Zuvor hatte Galloway eine Belohnung von 1000 Pfund ausgesetzt für denjenigen, der ihm den Klarnamen und die Adresse von Cross nennen würde.

    Wer ist Philip Cross?

    Unter dem Nutzernamen „Philip Cross“ hat ein bisher nicht identifizierter Nutzer innerhalb der letzten fünf Jahre Artikel in der englischsprachigen Version von Wikipedia editiert – und das jeden einzelnen Tag inklusive der Feiertage. Insgesamt kam er so auf 133.612 Bearbeitungen. Das sind 30 Einträge täglich. Ziel seiner Aktivitäten scheint es zu sein, kritische Journalisten und linksgerichtete Politiker anzugreifen, die sich gegen Interventionskriege aussprechen.

    Besonders gründlich bearbeitete der Wikipedia-Vielschreiber offenbar die Einträge zu Personen wie dem schottischen Politiker Alex Salmond, dem britischen Journalisten Peter Oborne, dem Journalisten und Filmemacher John Pilger, dem Labour-Parteichef Jeremy Corbyn, dem ehemaligen britischen Botschafter in Usbekistan Craig Murray und dem prominenten britischen Politiker George Galloway, der fast 30 Jahre dem britischen Parlament angehört hat. Der Wikipedia-Eintrag zu Galloway ist dabei mit insgesamt 1800 Bearbeitungen durch „Philip Cross“ Spitzenreiter.

    In einem Exklusiv-Interview mit Sputniknews International vom 15. Mai 2018 berichtete Galloway, dass es eine Gruppe von insgesamt 60 bis 70 Personen in der englischsprachigen Wikipedia gebe, die regelmäßig von Cross angegriffen werde. Sie würden sich untereinander nicht kennen und hätten in vielen Dingen unterschiedliche Ansichten. Gemeinsam sei ihnen jedoch, dass sie Russland gegen ungerechte Anschuldigungen und Sanktionen verteidigen, im Nahost-Konflikt die palästinensische Position unterstützen und gegen die amerikanische Außenpolitik seien, genauso wie gegen die britische.

    „Ich habe mir meine Wikipedia-Seite nie angesehen, weil ich wusste, dass sie ein Spielplatz für Leute wie Philip Cross sein würde. Aber es gibt viele leichtgläubige Menschen auf der Welt, die auf Wikipedia gehen mit der Vorstellung, etwas vorzufinden über die Person, die sie nachschlagen, das annähernd der Wahrheit entspricht. Und das ist eben überhaupt nicht der Fall.“

    Craig Murray führt einen der meistgelesenen politischen Blogs in Großbritannien und vertritt kritische Positionen, beispielsweise in Bezug auf die Skripal-Affäre oder in der Außenpolitik. In einem Blog-Eintrag vom 18. Mai 2018 schreibt er über Philip Cross:

    „Das Ziel der ‚Philip Cross‘-Operation ist es, die Reputation derjenigen, die das dominante Narrativ der staatlichen Medien herausfordern, systematisch anzugreifen und zu unterminieren – besonders in der Außenpolitik. ‚Philip Cross‘ versucht auch, systematisch die Reputation von Mainstreammedien-Journalisten und Personen, die Neocon-Propaganda und die Interessen Israels verbreiten, reinzuwaschen.“

    Er mutmaßt, dass sich hinter „Philip Cross“ entweder eine „sehr seltsame Person“ verberge oder eine falsche Identität, hinter der eine bezahlte Operation zur Kontrolle von Wikipedia-Inhalten steht. Oder aber eine reale Person, die solch eine Operation in ihrem Namen ausführe. Einige Hinweise deuteten laut Murray darauf hin, dass „Philip Cross“ identisch mit dem Times-Autor Oliver Kamm ist.

    Das deckt sich mit der Einschätzung von Galloway gegenüber Sputnik:

    „Entweder ist das eine Person, die besessen und potentiell gefährlich ist – ein Fall für die Polizei, würde ich meinen. Oder es ist eine Gruppe von Menschen, die entweder direkt für das staatliche Narrativ arbeiten oder ihm indirekt dienen. Es könnte eine Deep State Operation sein, und es gibt nicht nur einen Philip Cross, sondern viele, und Philip Cross ist angesetzt auf Menschen, die als Staatsfeinde angesehen werden.“

    Galloway: Einflussreiches Individuum beutet Philip Cross aus

    George Galloway beschloss, „Philip Cross“ zu enttarnen. Er setzte eine Belohnung von 1000 Pfund aus für Hinweise auf Identität und Adresse der Person hinter dem Pseudonym. Am 29. Mai 2018 verkündete Galloway in seiner Radiosendung auf Talk Radio: „Ich habe ‚Philip Cross‘ endlich identifiziert.“

    „Ich habe Philip Cross endlich identifiziert. Er IST Philip Cross. Ich habe seine Adresse, seine Telefonnummer. Durch eine dritte Partei habe ich mit jemandem gesprochen, der ihn gut kennt. Er ist ein verletzliches Individuum. Und er wird schonungslos ausgebeutet von einem sehr einflussreichen Individuum. Einem einflussreichen Individuum, das diese Dinge möglicherweise selbst schreibt – oder auch nicht – und diese Anstrengungen unternimmt, Wikipedia zu manipulieren. In einer negativen Weise für die, die dieses einflussreiche Individuum hasst, und sehr positiv für die, die dieses einflussreiche Individuum mag.“

    Auch das „einflussreiche Individuum“ will Galloway identifiziert haben. Nun versuche er, Kontakt mit dem realen Philip Cross aufzunehmen, rufe ihn seit mehr als 24 Stunden an. Dieser gehe jedoch nicht ans Telefon. Galloways Botschaft an Philip Cross:

    „Du kannst weglaufen, Philip, aber du kannst dich nicht verstecken. Wir haben dich gefunden, wir wissen, wer du bist. Und wir wissen, wer dich kontrolliert.“

    Möglicherweise psychische Erkrankung

    Die deutschen Filmemacher Markus Fiedler und Dirk Pohlmann waren „Philip Cross“ parallel auf der Spur. Zu seiner Person wollen sie herausgefunden haben:

    „Wir wissen, dass Philipp Cross als Autist in psychiatrischer Behandlung war. Cross ist 1963 geboren und heißt offenbar Philip Andrew Cross“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme von Pohlmann, die er Sputnik exklusiv zugeschickt hat.

    Wenn Cross tatsächlich am Asperger-Syndrom leide, würde das sein immenses Arbeitspensum erklären. Als Beleg für ihre Behauptung führen Pohlmann und Fiedler die personenbezogenen Angaben an, die der Nutzer „Philip Cross“ über sich selbst gemacht haben soll. Um an diese Daten zu kommen, haben Fiedler und Pohlmann die Versionsgeschichte seiner Nutzerkarteikarte bei Wikipedia durchgesehen. Heute ist nicht mehr notwendig, als Nutzer bei Wikipedia persönliche Angaben zu machen. Entsprechend gibt das Profil von Philip Cross nicht viel her. Da er aber seit 15 Jahren auf Wikipedia editiert, geht sein Profil auf eine Zeit zurück, als persönliche Daten noch eingetragen werden mussten.

    Auf dem Screenshot oben links findet sich die Aussage: „This user has been diagnosed with Asperger syndrome“.
    © Foto : Screenshot
    Auf dem Screenshot oben links findet sich die Aussage: „This user has been diagnosed with Asperger syndrome“.

    Wenn Galloway recht hat und der reale Philip Cross von außen gesteuert wird, dann sei man damit „im finsteren Bereich von MK Ultra, oder einfach im Missbrauch eines Kranken“. Es sei auch möglich, dass Cross geheimdienstlich benutzt werde, so Pohlmann. Er verweist darauf, dass immer wieder von verschiedenen Geheimdiensten berichtet wird, die Menschen mit Autismus einsetzen. Die Autisten würden oft über Inselbegabungen verfügen, wie beispielsweise ein fotografisches Gedächtnis, eine bemerkenswerte Auffassungsgabe oder die Fähigkeit, lange und konzentriert an einer Sache zu arbeiten, erklären Pohlmann und Fiedler in ihrem Youtube-Blog in der Ausgabe vom 30. Mai.

    Mediale Stille

    Während die Neuigkeit über die Enttarnung von Philip Cross Fiedler und Pohlmann eine Eilmeldung wert war, bleibt es in den Mainstream-Medien bemerkenswert still. Dirk Pohlmann hat dafür wenig Verständnis.

    „Warum schlafen unsere gut bezahlten Kollegen in den großen Medien? Das ist bestenfalls – bestenfalls – berufliches Versagen. Damit stellt sich aber auch die Frage, welche Aufgabe die Mainstream-Medien eigentlich erfüllen. Die des Wachhundes und Kritikers von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen offenbar nicht mehr.“

    Wikipedia-Eigner Jimmy Wales hingegen beteuerte am 16. Mai 2018 via Twitter: Alles nur heiße Luft und Verschwörungstheorie.

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    Tags:
    Manipulationen, Deep State, Geheimdienst, Kritik, Medien, Mainstream, Neocons, Transatlantifa, Wikipedia, George Galloway, Philip Cross, Craig Murray, Petero Oborne, Alex Salmond, Jeremy Corbyn, England, Großbritannien