12:03 17 Oktober 2018
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    „Lärm kostet Leben“ – Kampf um Nachtruhe in der Schweiz

    CC0 / Pixabay/ lukasbieri
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    Im Schweizer Kanton Thurgau hat ein Anwohner das kirchliche Morgengeläut mit einer heimlich angebrachten Zeitschaltuhr unterbunden. Die Geschichte wirft Licht auf ein Thema, das Gemeinden entzweit. In den meisten Schweizer Orten schlagen Kirchenglocken mindestens stündlich. Samuel Büechi von der „IG Stiller“ fordert Ruhe zur Nachtzeit.

    Ein Motiv hat der Angeklagte: 85 Dezibel – das entspricht in etwa dem Geräuschpegel eines Rasenmähers – müsste seine Familie im Haus ertragen, wenn „sie läuten mit allem, was sie haben“, sagte der Mann zur Richterin. Trotzdem leugnet er die Tat. Das Morgengeläut in der Wäldemer Kirche war seit Ende 2014 unerklärlicherweise ausgefallen. Die Kirchgemeinde schickte mehrmals einen Turmtechniker, der allerdings lange vergebens nach der Ursache suchte. Erst im Juli 2016 entdeckte man eine im Dachgebälk versteckt angebrachte Zeitschaltuhr, die jeweils abends um 6 Uhr die Stromzufuhr zum Schlagwerk der Turmglocke unterbrach.

    Lärm macht aggressiv

    „Chapeau von unserer Seite“, kommentiert Samuel Büechi vom Vorstand der „IG Stiller“ im Sputnik-Interview. Er berichtet aus seiner Zeit als Kirchenanrainer: „Ich hätte mir vorstellen können, den ganzen Kirchturm zum Mond zu schießen, respektive zu sprengen, oder mit Raketen oder Flugzeugen abzuschießen – und die anderen Kirchtürme rundum gleich auch noch. Es ist normal für uns Lärmgestörte, dass wir auf Lärm aggressiv reagieren oder auf jeden Fall reagieren. In diesem Fall war es eigentlich nicht aggressiv, sondern höchst raffiniert.“

    Solche Lösungen wie die Zeitschaltuhr an der Wäldemer Kirche seien aber nicht von Dauer. Sobald man so etwas merke, gebe es eine Notlösung: „Und die Glocken sind das erste, was wieder aufgestellt wird.“

    Glockenschlag: Tag und Nacht

    Dass es in der Schweiz, speziell in der Ostschweiz, viele kurze Türme mit riesigem Geläut gebe, könnte geschichtliche Gründe haben. Die Stadt St. Gallen in der nordöstlichen Schweiz könne man auch „das Zentrum des Glockenlärms“ bezeichnen, so Büechi. Er beschreibt das Glockenschlags-Regime folgendermaßen:

    „Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es in fast jedem Dorf einen Viertelstundenschlag, manchmal auch einen Halbstundenschlag, oder es wird achtmal die Zeit in der Stunde geschlagen. Meistens ist es ein Viertelstundenschlag. Und der geht durch – Tag und Nacht. Hier in Trogen hat man dann am Fenster 60 Dezibel gemessen. Das ist sehr laut und hängt natürlich von der Entfernung ab.“

    Dazu komme noch das kultbedingte Läuten. Das sei viermal am Tag fünf Minuten und am Sonntagmorgen eine halbe Stunde. Zeitschlag und Läuten würden sich hierbei ergänzen. Glockenlärm ist aber nicht nur ein Schweizer Problem. Auch die Berliner Christus-Kirche in der Kreuzberger Hornstraße beispielsweise wird vom Portal „Leises Berlin“ als Lärmort angeprangert. Ihre Glocken läuten täglich um 8, 12 und 18 Uhr.

    „Lärm macht krank“

    Dass Lärm ungesund ist, ist mittlerweile allgemein bekannt. Die Lärmwirkungsstudie NORAH („Noise-Related Annoyance, Cognition, and Health“, auf Deutsch etwa „Zusammenhänge zwischen Lärm, Belästigung, Denkprozessen und Gesundheit“) beispielsweise untersucht, wie sich Verkehrslärm auf die Gesundheit und die Lebensqualität von Menschen auswirkt. Rainer Guski, Leiter der NORAH-Gesamtstudie, sagt, dass ein hoher Anteil von Depressionen als Folge von Lärm festgestellt wurde – unabhängig von der Art des Lärmes. Auch Herz-Kreislauf-Störungen können durch Lärm hervorgerufen werden.

    „Lärm macht krank“, weiß auch Büechi. „Es gibt in der Schweiz 500 Tote pro Jahr durch Verkehrslärm. Ich schätze einfach mal, dass da ein paar Dutzend Tote wegen Kirchenglockenlärm auch dazu kommen könnten. Es geht also um Leben und Tod. Auch wenn man das nicht so schnell versteht, aber Lärm macht krank. Das weiß man aus der Flug- und Lärmforschung. Man kann auch sagen, es gibt mehr verlorene Lebensjahre, das macht es ein bisschen schöner, aber es gibt Tote durch Lärm. Das ist zu wenig bekannt.“

    Überflüssige Traditionen

    Der Verein IG Stiller setzt sich für die Nachtruhe ein. In Bezug auf Glockengeläut sagt Büechi, dass Tradition nicht immer per se gut sei. Man sollte überprüfen, ob die eine oder andere Tradition noch Sinn mache. Er erinnert in diesem Zusammenhang auch an die Sklaverei, die weibliche Genitalbeschneidung und andere sinnlose Traditionen wie die Hexenverbrennung.

    Eigentlich bräuchte es auch gar keine neuen Gesetze. Die Nachtruhe ist in der Schweiz eigentlich schon festgesetzt. Büechi fordert:

    „Man müsste eigentlich nur die bestehenden Gesetze auf den heiligen Lärm ausdehnen. Man müsste eigentlich nicht mehr zwischen heiligem und unheiligem Lärm unterscheiden. Die IG Stiller wehrt sich natürlich gegen jeglichen Lärm und auch gegen jeglichen religiösen Lärm. Wir würden auch den Muezzin bekämpfen, wenn der hier wäre. Da sind wir neutral. Eine ruhige Nacht wäre schon schön, auch ohne diese aufbrausenden Motorfahrer.“

    Das komplette Interview mit Samuel Büechi zum Nachhören:

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    Tags:
    Tradition, Kirche, Glocke, Lärmbelästigung, IG Stiller, Leises Berlin, Samuel Büechi, Schweiz