09:08 16 Juli 2018
SNA Radio
    Fans vor dem WM-Spiel in Nischni Nowgorod

    „Mit GULAG Angst gemacht“: Was Fans von Russland erwartet und was sie gekriegt haben

    © Sputnik / Ramil Sitdikow
    Panorama
    Zum Kurzlink
    71804

    Mit düstersten Ammenmärchen versuchten westliche Medien und Politiker ihre Mitbürger von einer Reise zur Fußball-WM in das Wodka-Land abzuhalten. Trotzdem sind Massen von Fans nach Russland gekommen und staunen: Sauberkeit, perfekte Organisation und lockeres Flair entsprechen dem, was sie über ihren Gastgeber gehört haben, ganz und gar nicht.

    Peter Sven, Deutschland*

    Ich bin mit einem Kumpel aus Finnland hier. Wir haben mal ein Semester lang in Shanghai zusammen studiert. Wir lieben Fußball, und so eine Meisterschaft ist für uns die Gelegenheit, Russland zu besuchen. Wenn man als Fan registriert ist, ist es einfacher, das Visum zu bekommen. Außerdem sind die Züge und die öffentlichen Verkehrsmittel in den Ticketpreisen enthalten.

    Die deutsche Presse hat alles dafür getan, dass die Fans zuhause bleiben. Sie schrieben, dass vor der Meisterschaft streunende Hunde massenweise vergiftet wurden, dass einem auf der Straße ohne Grund das Smartphone weggenommen und die persönlichen Daten gestohlen werden, dass Russland überhaupt nicht in der Lage ist, so eine Meisterschaft auszurichten. Aber letztlich hat uns die Presse auch geholfen, hierhin zu kommen: Als ich im April meinen Sommerurlaub plante, stieß ich auf einen Artikel darüber, dass es immer noch WM-Tickets gibt. Also habe ich versucht, welche zu kaufen. 

    Wir flogen nach Sankt Petersburg. Die Stadt ist ja voll von Geschichte und Kultur, die auch mich persönlich als Deutschen betrifft. Aber auch abends kann man sich in der Stadt gut entspannen. Die kleinen gemütlichen Kneipen sind ziemlich günstig und alles schmeckt gut. Wir haben gelesen, dass das Wetter in Petersburg häufig mies ist. Aber auch damit hatten wir Glück: Es schien fast immer die Sonne.

    Nach drei Tagen sind wir mit dem Zug nach Moskau gefahren. Wir sind hier nur zwei Tage, aber eines kann ich ganz sicher sagen: Diese Stadt schläft nie. Ein Stau um drei Uhr morgens hat in meinem Instagram mehr Likes gekriegt als die Abschlussfotos. Obwohl es unglaublich viele Menschen sind, muss ich sagen, dass die Organisation erstklassig ist. Im Stadion und auf den Straßen sind überall freiwillige Helfer und es gibt ja auch genug Einheimische, die Fremdsprachen sprechen.

    Niemand sieht dich an als einen Feind. Alle sind interessiert, wer du bist, woher du kommst, wie dir das erste Spiel der russischen Sbornaja gefallen hat. Ich habe es gesehen, das Eröffnungsspiel. Ich bin echt gespannt, wie die deutschen Medien auf die russischen Erfolge reagieren werden.

    (* Rückübersetzung aus dem Russischen)

    Kaspar Peterson, Dänemark

    Meine Freundin wollte überhaupt nicht, dass ich nach Russland fahre. Mit mir mitkommen wollte sie schon gar nicht, die Frauen meiner Freunde wollten es auch nicht. Jetzt sind wir halt acht Männer – nicht das Schlechteste, was einem passieren kann. Das dänische Außenministerium hat uns auch gewarnt, wir müssen aufpassen, weil es in Russland viele Taschendiebe gibt und es irgendwo am Stadtrand gefährlich sein kann.

    Aber angenehm überrascht waren wir schon am Flughafen. Wir haben erwartet, dass man uns durchsucht, alle Taschen umkrempelt, aber alles ging sehr schnell und ohne Stress. Wir fuhren mit dem Taxi zum Hotel – für einen nach unseren Maßstäben lächerlichen Preis. Wir waren in der Fan-Zone, um für unser Team mitzufiebern, haben uns ein Dreitagesticket für die Metro gekauft – kostet so viel wie bei uns eine Fahrt mit der U-Bahn. Außerdem kann man Busse und sogar Züge kostenlos nutzen, zwei Tage vor und zwei Tage nach dem Spiel. 

    Die Stimmung in der Fan-Zone vor der Moskauer Uni ist einfach irre. Da haben wir auch unseren russischen Kumpel Anton kennengelernt. Der will uns jetzt die Stadt zeigen. Wir sind natürlich wegen des Fußballs hier, aber wir wollen noch vieles Andere erleben. Also können wir seine Hilfe gut gebrauchen.

    Nicolas Jorg, Frankreich

    Wir waren in Wolgograd, beim Spiel England gegen Tunesien. Man sieht, dass Russland seine Geschichte und den Sieg im Zweiten Weltkrieg sehr wertschätzt: An den Denkmälern sind viele Blumen und etwas Vergleichbares mit der Statue der „Mutter Heimat“ habe ich noch nie gesehen. Aus Wolgograd fuhren wir mit dem Zug nach Moskau. Wir riesig euer Land doch ist! Aber ihr müsstet es besser nutzen: So viele Felder liegen brach.

    In der Hauptstadt sind die Menschen, wie mir scheint, offener als in der Provinz. Fremdsprachen sprechen sie besser. Den ersten Schritt zu machen, ist wohl das Schwierigste, aber kaum kommt man mit euch Russen ins Gespräch, schon seid ihr offenherzig und erzählt einem alles.

    Wir sind schon in ein paar Kaufhäusern und Museen gewesen. Die Sicherheitschecks am Eingang nerven erst, aber Frankreich hat auch Terroranschläge erlebt, deswegen kann ich das verstehen. Und außerdem hat man uns zuhause mit dem GULAG Angst gemacht. Hier haben wir erfahren, dass es den längst nicht mehr gibt. Wir wollen aber auch gar keine Gesetze brechen. Wir trinken zum Beispiel kein Bier auf der Straße, obwohl das bei uns ganz normal ist.

    Jorge Barriga, Mexiko

    Wir sind zu dritt hierher geflogen. Als unsere Freunde erfuhren, dass wir zur Fußball-WM fahren, waren sie grün vor Neid. Sie scherzten dann immer, von wegen wir würden erfrieren und ohne Russisch nicht klarkommen. Aber ich weiß ja ganz genau, sie würden alles dafür geben, mit uns tauschen zu können. Fast zwei Tage hat die Reise nach Moskau gedauert: Erst aus unserer Heimatstadt Morelia nach Mexiko-Stadt, von dort aus nach Paris und erst dann zu euch nach Moskau. Ist nicht gerade angenehm, so eine Reise, aber die war es wert.

    Am nächsten Tag war dann das Spiel Mexiko gegen Deutschland. Unser erstes Spiel bei einer WM und unser erster Sieg! An dem Tag waren wir bis in den Morgen in der Stadt unterwegs. Ich werdet es nicht glauben, aber in der Nacht habe ich nicht mal was getrunken, so gut war die Stimmung. Einer nach dem anderen kamen Russen auf uns zu – Jungs und Mädels –, wollten ein Foto mit uns machen. Jemand wollte mir meinen Sombrero gegen eine Fellmütze tauschen.

    Aber das alles ist erst der Anfang. Wir fahren noch nach Rostow-am-Don und von dort aus nach Jekaterinburg. Und wenn unsere Mannschaft den ersten Gruppenplatz macht, fahren wir auch nach Sankt Petersburg. Ich hoffe, unser Team kommt ins Finale. Dann werde ich aber eine schwere Entscheidung treffen müssen: Ich habe ein Rückticket für den 5. Juli, aber je länger ich hier bin, desto länger will ich hierbleiben. Ich erkläre ganz offiziell: I love Russia.

    Sigret Carbidda, Brasilien

    Ich komme gebürtig aus Brasilien, lebe aber seit mehreren Jahren mit meinem Mann in den USA. Dort gibt es viele Vorurteile über mein Land und über Russland. Deshalb war es keine Überraschung, dass unsere Freunde skeptisch waren, als wir erklärten, zur Fußball-WM fahren zu wollen. Aber wir haben nicht auf sie gehört.

    Das ist unsere dritte WM. Wir sind erfahrene Fans, mein Mann und ich. Der größte Vorteil dieser WM ist die Sauberkeit. Die Moskauer Metro ist überhaupt kein Vergleich mit der New Yorker U-Bahn. In New York huschen ständig Ratten rum, aber hier ist eine U-Bahn-Station herrlicher als die andere.

    Diese WM ist auch eine gute Gelegenheit, Russland zu bereisen. Sonst wäre es schwer, zu entscheiden, wohin man in diesem riesigen Land reisen soll. Wir haben uns etwas spät gekümmert und nur Tickets für die Spiele in kleineren Städten bekommen. Erst waren wir ein wenig enttäuscht, aber dann hat man uns gesagt, dass es nicht genug ist, nur die Hauptstadt zu sehen, um ein Land kennenzulernen. Also warten wir jetzt gespannt auf die anderen Städte.

    Zum Thema:

    „Leere Regale und düstere Gestalten“: US-Reporter „enttäuscht“ von WM-Stadt Moskau
    Fußball-WM: Last-Minute-Sieg für Deutschland - Fans jubeln in Berlin
    Huh! Isländer im WM-Fieber mit Wikinger-Rufen - VIDEO
    Tags:
    Medienattacke, Vorteile, Eindrücke, Fans, Fußball-WM, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, Fußball-WM 2018, Mexiko, Dänemark, St. Petersburg, Moskau, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Russland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren