13:56 18 Oktober 2018
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    Medizin-Studenten in Klinikum (Archivbild)

    Deutschlands Heilpraktiker am Ende? AfD-Vorstoß sorgt für Aufregung

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    Panorama
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    Marcel Joppa
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    Die AfD-Fraktion im Bundestag sorgt mit einem Vorschlag für Aufregung bei Deutschlands Heilpraktikern. Die Partei will eine Gesetzesänderung erreichen: Der Beruf soll zum Facharzt hochgestuft werden, der herkömmliche Heilpraktiker würde damit vom Markt verschwinden. Als Grund nennt die AfD den Datenschutz und Gesetze aus dem Nationalsozialismus.

    Ein aktueller Vorstoß der AfD-Fraktion im Bundestag richtet sich an Deutschlands Heilpraktiker: Laut der Partei würde die neue Datenschutzgrundverordnung der EU dafür sorgen, dass Patientendaten nur noch von Ärzten mit Staatsexamen erhoben werden dürfen – nicht jedoch von Heilpraktikern. Die Idee: Der Heilpraktikerberuf müsse in dieser Form vom Markt verschwinden und den Ärzten angeglichen werden.

    Eine falsche Behauptung?

    Die von der AfD angestrebte Gesetzesänderung trifft in der Branche auf große Irritationen. Rund 47.000 praktizierende Heilpraktiker gibt es in Deutschland. Die Präsidentin des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker, Ursula Hilpert-Mühlig, spricht von einer falschen und sehr plakativen Darstellung der Alternative für Deutschland:

    „Wir dürfen sehr wohl im Zusammenhang mit dem sogenannten Behandlervertrag, den wir automatisch mit einem Patienten schließen, wenn dieser unsere Praxis betritt, für eigene Zwecke personen- und gesundheitsbezogene Daten erheben. Es ist nicht der Fall, dass wir das nicht dürfen.“

    Nur bei einer Überweisung beispielsweise zu einem Orthopäden und der damit verbundenen Weitergabe der Patientendaten müsse wiederholt das Einverständnis des Patienten eingeholt werden. Doch dieser Vorgang sei völlig gängig.

    Nicht nachvollziehbar – nicht praktikabel

    Die AfD strebt dennoch eine Änderung an: Heilpraktiker sollen nach dem Willen der Partei eine staatliche Abschlussprüfung und damit eine Höherqualifizierung zum Facharzt absolvieren. Diese Idee sei allerdings weder nachvollziehbar noch praktikabel, so Hilpert-Mühlig:

    „Um staatlich zugelassener Arzt zu werden, müssten Eingangsvoraussetzungen für eine Hochschulzulassung gegeben sein. Diese Voraussetzung ist beim Heilpraktiker nicht gegeben. Ein Heilpraktiker hat keine staatlich geregelte Ausbildung. Also auf welcher Grundlage soll dieses Studium laufen?“

    Der Vorschlag der AfD sieht auch vor, dass die Höherqualifizierung der Heilpraktiker nur in Teilgebieten erfolgen solle, zum Beispiel in der Naturheilkunde oder der Psychosomatik. Hilpert-Mühlig sieht darin keine Vorteile, sondern ausschließlich eine Einschränkung für ihre Branche:

    „Was ich aus allen Vorschlägen der AfD herauslese, ist, dass der Heilpraktiker nur noch auf das Gebiet der Naturheilkunde oder der Psychosomatik eingeschränkt werden soll. Was uns jetzt ausmacht, die ganze Therapievielfalt, die sich individuell an den Beschwerden der Patienten ausrichten kann, würde wegfallen. Wir wären dann nur eine Art Schmalspur-Naturheilkundler.“

    Das sei eine massive Einschränkung der bisherigen Arbeit und keine Erweiterung. Deshalb lehne der Fachverband Deutscher Heilpraktiker diesen Vorstoß vehement ab.

    Nationalsozialisten versus Heilpraktiker

    Laut AfD sei der Heilpraktikerberuf eine Erfindung der Nationalsozialisten gewesen, der 1939 mit dem Heilpraktikergestz umgesetzt wurde. Auch deshalb sei es nun Zeit für eine Veränderung. Hilpert-Mühlig sieht in dieser Aussage eine Verdrehung der Tatsachen:

    „Man sollte in der Historie genau nachlesen. Das Heilpraktikergesetz von 1939 ist ein Gesetz der Nationalsozialisten zum Aussterben des Berufes als Heilpraktiker! Es durfte nicht mehr ausgebildet werden. Und mit dem Fall der Nationalsozialisten wurde das Ausbildungsverbot wieder rückgängig gemacht.“

    Denn das Ausbildungsverbot sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar gewesen, so die Expertin weiter. Die Behauptung der AfD sei also nicht korrekt.

    Ausbildung mit Eigenverantwortung

    Die Partei spricht sich dafür aus, dass Heilpraktiker dieselbe Entwicklung erfahren sollten, wie einst Dentisten: Diese Berufssparte wurde 1952 durch Höherqualifizierungen mit Zahnärzten zusammengeführt. Laut Hilpert-Mühlig könne man dies jedoch gar nicht vergleichen:

    „Dentisten hatten eine staatlich geregelte Ausbildung. Und auf diese staatliche Regelung wurde dann noch einmal eine Zusatzausbildung draufgesetzt, damit sie dann zum Zahnarzt hochgestuft werden konnten. Das ist beim Heilpraktiker nicht möglich. Wir haben keine staatlich geregelte Ausbildung.“

    Heilpraktiker regeln ihre Ausbildung in berufsständischer Eigenverantwortung. Das Modell nach Vorbild des Dentisten sei demnach nicht übertragbar.

    Gespräche nicht ausgeschlossen

    Von der umfassenden Darstellung der AfD zeigt sich Hilpert-Mühlig überrascht. Die politische Diskussion über eine Qualitätsverbesserung der Ausbildungsregelungen in der Branche gebe es schon lange. Der Fachverband Deutscher Heilpraktiker wolle sich dem generell auch nicht verschließen, im Gegenteil:

    „Wir als großer Berufsverband sind absolut dafür, darüber zu sprechen und uns dabei einzubeziehen. Aber uns irgendetwas überzustülpen, dagegen wehren wir uns. Es ist so eine Sache, über uns zu reden, aber nicht mit uns.“

    Der Beruf des Heilpraktikers sei absolut schützenswert, so Hilpert-Mühlig weiter. Denn es werde viel Gutes geleistet. Das zeige auch der Fakt, dass es kaum Schadensfälle in dem Berufsstand gebe und die Qualität der Behandlungen in der Regel hoch sei. Auch deshalb glaubt Hilpert-Mühlig nicht, dass der Vorschlag der AfD im Bundestag eine Mehrheit bekommen könnte.

    Das Interview mit Ursula Hilpert-Mühlig zum Nachhören:

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    Tags:
    Heilpraktiker, Mediziner, Alternativmedizin, Arzt, Verbot, Medikamente, Gesundheit, Medizin, Nationalsozialismus (Nazismus), Partei Alternative für Deutschland (AfD), Bundestag, Ursula Hilpert-Mühlig, Deutschland