09:19 22 Oktober 2018
SNA Radio
    Luxuswohnungen in Prora (Archivbild)

    Gestern Nazi-Ruine – heute Luxusresort

    © AFP 2018 / Tobias Schwarz
    Panorama
    Zum Kurzlink
    86513

    Über viele Jahre hinweg interessierte sich kaum jemand für das 4,5 Kilometer lange Riesen-Gebäude am Ostseestrand von Prora. Heute reißt man sich darum. Luxuswohnungen strahlen um die Wette, die Geschichte wird ohne schlechtes Gewissen übermalt.

    1936 legte die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ den Grundstein des zukünftigen Ferienresorts, wo bis zu 20.000 Menschen Platz finden sollten. Angeblich hat Adolf Hitler persönlich den Auftrag für das längste Bauwerk der Nationalsozialisten gegeben. Entstanden ist eine Kette von acht Häuserblockes mit jeweils sechs Etagen zwischen den Ostseeorten Binz und Sassnitz auf der Insel Rügen. Damals gedachte man, Arbeitnehmer mit einem günstigen Traumurlaub zu belohnen. Heutzutage aber werden es sich wohl größtenteils nur die Schönen und Reichen leisten können, dort zu unterzukommen. Zwar gibt es eine Jugendherberge und ein Dokumentationszentrum, um die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Doch der Großteil der Häuserblocks wurden an erfolgreiche Investoren verkauft, die dort nun Luxuswohnungen und Hotelzimmer vermieten. 


    Somit wurde die Geschichte wortwörtlich mit weißer Farbe überstrichen. Wo früher ein graubrauner Stahlbetonklotz in die Höhe ragte, strahlen jetzt weiße Fassaden mit großen Fenstern und Balkonen um die Wette. Wo der Denkmalschutz wohl geblieben ist, könnte man sich fragen.   

    2016 eröffnete das Hotel „Prora Solitaire“ seine Pforten, der Andrang von Touristen ist groß. Dass das Gebäude ein Überbleibsel des Nationalsozialismus ist, ist nicht mehr zu sehen. Die Gäste scheint es auch nicht sonderlich zu interessieren. Der Rheinländer Markus Georg Reintgen dokumentierte acht Jahre lang die Veränderung des Komplexes. Im Gespräch mit dem Nordkurier kritisiert er das Projekt scharf: „Es ist absehbar, dass das in Bau befindliche „neue Prora“ die Erinnerung an Monumentalarchitektur und Sozialgeschichte zweier Diktaturen auslöschen wird. Dabei ist zu befürchten, dass Prora gerade seine Mahn- und Denkmalfunktion weitgehend verlieren wird. Das ‚Wohnen im Denkmal’ verkommt zu einer beliebigen Formel der Aufwertung von Wohnraum.“

    Die Blöcke haben ihren Zweck gefunden: ob Jugendherberge, Luxushotel, Ferienwohnungen oder Museum. Um den letzten verbleibenden Block wird noch gefeilscht. Der Landkreis Vorpommern-Rügen teilte mit, dass es zwei Kaufinteressenten gebe. Die Angebote müssten nun verglichen werden, um bis Oktober eine Entscheidung zu treffen.  Dann wäre die ehemalige Nazi-Ruine endgültig kommerzialisiert.

     

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Propaganda-Projekt Prora: „Der Ort selbst ist ja nicht böse“
    Der „Koloss von Prora“: Ferien auf Hitlers Urlaubsfundament
    Tags:
    Sommersaison, Luxus, Strand, Urlaub, Prora, Ostsee, Deutschland