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03:19 21 September 2019
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    Protestaktion von Greenpeace-Bewegung am Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe (Archivbild)

    „Wir wollen hier sterben“: Einsiedler von Tschernobyl über das Leben im Sperrgebiet

    © AFP 2019 / Valery Hache
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    Nach der Havarie im Atomkraft Tschernobyl wurden die Städte und Dörfer im radioaktiv verseuchten Gebiet evakuiert. Bis heute ist dort das ständige Wohnen verboten. Allerdings haben trotz des Verbots nicht alle das Gebiet verlassen.

    Die einen weigerten sich von Anfang an, ihr Land zu verlassen, andere kehrten später zurück und halfen bei der Beseitigung der Folgen der Katastrophe. Ihre Häuser wurden zerstört, man musste sich Lebensmittel auf Vorrat beschaffen – die Läden waren zu. Heute haben in Tschernobyl einige hundert Menschen ihren ständigen Wohnsitz. Über den nicht einfachen Alltag in der Sperrzone – in diesem Artikel.

    „Meine Adresse — Sowjetunion“

    Walentina Kuchorenko zieht das Schwellwerk der Harmonika. Die Hündin Dana lauschte zu bekannten Liedern, klettert auf das Sofa der Herrin und heult jammernd. „Wir sind mit ihr die Weltstars“, scherzt die 76-jährige Rentnerin. „Bei mir kommen auch Deutsche und Franzosen vorbei. Alle wollen sich eine Oma aus Tschernobyl ansehen. Vor kurzem waren Holländer da – sie schenkten jedem Einwohner einen Elektroherd und eine elektrische Teekanne. Vielen Dank, gute Menschen!“

    Ihre Gäste sind neugierige Touristen, die  im Sommer nach Tschernobyl kommen, um zu sehen, wie die Katastrophe die Gegend veränderte. Doch das erfolgt strikt mit Begleitung.

    Touristen haben die Stadt etwas belebt – für sie wurden einige Geschäfte mit Souvenirs, ein Hotel eingerichtet. Die Reiseführer bieten Führungen für jeden Geschmack an – von ein paar Stunden bis zu einigen Tagen in der Sperrzone.

    Zudem wird Walentina von den Verwandten (sie wurden in spezielle Listen an Kontrollposten aufgenommen) und Freunden (nach vorheriger Abstimmung) besucht. Ihr Sohn ist Schichtarbeiter im AKW.

    In Tschernobyl wohnen jetzt insgesamt rund 300 Menschen, die meisten davon ältere Rentner. Sie weigerten sich nach der Katastrophe, ihren Heimatort zu verlassen. Sie hofften, dass die Stadt früher oder später wieder wie früher sein wird.

    „Es wurde am achten Tag nach der Havarie begonnen, Tschernobyl zu evakuieren. Niemand wusste etwas. Es wurde gemunkelt, dass es eine starke Havarie war. Dennoch glaubte man daran, dass man bald wieder zurückkehrt — uns wurde gesagt, wir sollten Ausweise und Lebensmittel für drei Tage mitnehmen. Es sind bereits 30 Jahre vergangen – die Stadt ist immer noch geschlossen“, erzählt Kuchorenko.

    Ihre Familie hatte das gleiche Schicksal wie viele andere  — die Einwohner von Tschernobyl wurden nach dem Beruf umgesiedelt, oft wurden Verwandte getrennt.

    „Dem Ehemann wurde der Job in einer Stadt und mir in einer anderen, den Schwestern – in einer anderen Stadt gegeben. Manchmal wussten Menschen überhaupt nicht, wo ihre Verwandten sind. Sie weinten in den Zügen, als sie einander suchten, sie starben nicht an Strahlung, sondern an Sehnsucht nach Verwandten“, erinnert sich bitter Walentina.

    Zunächst arbeitete sie in der Stadt Belaja Zerkow, 200 Kilometer südlich von Tschernobyl, und kam für das Wochenende in ihre Stadt zurück.

    Kurze Zeit später wurde sie wie auch ihr Mann in die Liste der Beseitiger der Havariefolgen aufgenommen, um in die Sperrzone gelangen zu können. Das Ehepaar ließ sich wieder auf seinem Grundstück nieder.

    „Ich wurde in dem Haus geboren, bin hier aufgewachsen, habe meine Kinder hier aufgezogen. Der Ort am Fluss ist sehr malerisch. Vor der Havarie kamen da viele Erholungssuchende – sie stellten Zelte auf bzw. hielten sich bei Einheimischen auf“, erzählt sie weiter.

    Dennoch kehrte die Familie nicht mehr zum gewöhnlichen Alltag zurück. „Es wurde lange versucht, uns aus diesem Ort zu vertreiben – laut dem Gesetz ist das Wohnen hier bis heute verboten. Wir waren einst beim Sohn zu Besuch. Nach der Rückkehr stellten wir fest, dass die Haustür zugesperrt ist und alle Sachen draußen stehen. Danach wurde das Haus einfach zerstört, ohne jegliche Erklärungen. Wir zogen zu Freunden um, doch ihr Haus wurde anschließend ebenfalls zerstört. Endlich ließen wir uns in einem leeren Haus nieder“, sagte Walentina.

    Die Ruinen eines Parks in Pripjat
    © Sputnik / Alexey Furman
    Die Ruinen eines Parks in Pripjat

    Ihr Haus steht an der Leningradskaja Straße – alle Straßennamen sind seit Sowjetzeiten geblieben wie auch das Lenin-Denkmal. „Die Dekommunisierung hat uns nicht erreicht und wird uns wohl auch kaum erreichen. Wie es im Lied heißt –‚Meine Adresse ist kein Haus und keine Straße, meine Adresse ist die Sowjetunion‘“, sagt die Bewohnerin von Tschernobyl.

    Mit der Zeit wurden die Einsiedler jedoch in Ruhe gelassen. „Wir schrieben Briefe an die Staatsanwaltschaft, an Gorbatschow. Wir baten nur um eines – uns in Ruhe zu lassen. Welche Einsiedler sind wir denn? Hier wohnten doch unsere Urgroßväter! Im Ergebnis wurde der Administration klar, dass wir nicht wegfahren werden. Wir wurden hier geboren und werden auch hier sterben“, sagte Kuchorenko.

    Häuser ausgeplündert

    Auch Galina Woloschina hat nicht vor, Tschernobyl zu verlassen. Ihre Eltern weigerten sich damals überhaupt, wegzufahren. Und sie kehrte wenige Tage nach der Evakuierung zurück.

    „Für acht Menschen wurden 36 Quadratmeter Wohnfläche in Dneprodserschinsk zugeteilt – zu wenig Platz. Hier haben beide Söhne eigene Häuser. Sie haben ihre Ausbildung in Kiew erhalten und arbeiten nun als Busfahrer – für die Schichtarbeiter“, erzählt die Rentnerin.

    Sie ist die Vorsitzende der Gesellschaft „Wiedergeburt von Tschernobyl“. Sie kümmert sich um die Buchführung für Einsiedler und um organisatorische Fragen.

    Die aktuellste Frage sind jetzt die Beerdigungen. „Menschen sterben regelmäßig, alle sind schon alt. Vor der Havarie wohnten in der Stadt rund 15.000 Menschen, nach der Havarie blieben 1500, nun sind es nur 284 Menschen. Allerdings leben wir recht lange – die Oma Fedora lebte 102 Jahre“, erzählt Galina.

    Messung der radioaktiven Strahlung in Tschernobyl (Archivbild)
    © Sputnik / Igor Kostin
    Messung der radioaktiven Strahlung in Tschernobyl (Archivbild)

    Heute sei es in Tschernobyl einfacher, als in der ersten Zeit nach der Havarie. „Die Administration der Sperrzone zierte sich nicht im Umgang mit uns, sie hielt uns für verrückt. Nach der Evakuierung wurde der Strom für ein halbes Jahr abgeschaltet. Es gab Probleme mit der Lebensmittelversorgung. Wir machen bis heute aus Gewohnheit Vorräte, obwohl jetzt die Läden und auch eigene Cafés geöffnet wurden. In den Häusern gibt es aber nach wie vor keine Heizung, ich heize mit Holz“, sagt Woloschina.

    Viele Gebäude haben nun eine andere Zweckbestimmung. In der Schule befindet sich nun eine Poliklinik, in den Wohnhäusern – Gemeinschaftswohnungen für Schichtarbeiter.

    Die verlassenen Häuser wurden ausgeplündert. Das drohte auch der Eliaskirche.

    „Nach der Havarie übernachteten wir abwechselnd vor ihrer Tür, um den heiligen Ort vor Plünderern zu schützen. Die Kirche verfiel allmählich. Vater Sergij hat geholfen. Er stammt aus Tschernobyl, kam oft zu den Gräbern seiner Verwandten. Dann nahm er diese Kirche unter seine Obhut, ließ sich hier nieder und renovierte die Kirche zusammen mit anderen Einsiedlern. Besonders belebt ist der Ort am 26. April und 9. Mai – an diesen Tagen kommen viele ehemalige Einwohner“, erzählt Galina.

    Sie hat Verständnis für jene, die aus Angst vor radioaktiver Strahlung weggefahren sind. Doch sie glaubt nicht, dass die Strahlung in Tschernobyl jemandem geschadet hat. „Im Gegenteil – nach der Havarie gab es einen Baby-Boom. Ich esse wie früher Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten und fühle mich sehr gut. Spezialisten für Strahlungsdosismessung haben mehrmals alles geprüft – das Strahlungsniveau ist seit langem normal. Hoffentlich wird die Stadt bald wieder eröffnet und wiederbelebt“, sagt die Rentnerin.

    „Voller Sehnsucht“

    Außer ihren Söhnen wohnen in Tschernobyl noch rund 20 Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter.

    Die meisten sind mehrere Jahre nach der Katastrophe nach Tschernobyl zurückgekehrt, um bei der Beseitigung der Havariefolgen mitzuhelfen und ihren alten Eltern zu helfen.

    „Ich lernte in der 10. Klasse. Am nächsten Montag nach der AKW-Explosion kamen nur sieben Leute zum Unterricht – per Rundfunk war empfohlen worden, zu Hause zu bleiben. Doch wer kann die Jugendlichen zu Hause halten, wenn Schützenpanzerwagen durch die Straßen fahren und am Himmel Hubschrauber sind. Das ist doch interessant. Statt Untersucht wurden wir geschickt, um Sand aufzuladen. Wir freuten uns natürlich darauf“, erinnert sich Sergej Wyssozki an die Ereignisse von 1986.

    Einige Tagen später wurde er zusammen mit der Mutter in das Dorf Borodjanka evakuiert, der Vater wurde in eine andere Stadt geschickt. Später vereinigte sich die Familie wieder und schaffte es, eine Zweizimmerwohnung in Wassiljkow zu bekommen.

    Niemand hatte Zweifel daran, dass die Evakuierung nur zeitweilig sei und nach drei Jahren alle nach Hause zurückkehren würden.

    „Danach ging ich zur Armee. Nach der Armee arbeitete ich in Wassiljkow, anschließend am Bahnhof in Kiew. Allerdings war ich voller Sehnsucht nach der Heimat, endlich ließ ich mich im Haus meiner Oma nieder. Ich wurde in einer Firma angestellt, die sich mit der Deaktivierung des AKW befasst“, erzählt Sergej.

    In Tschernobyl traf er seine zweite Ehefrau.

    „Wir haben bislang keine Kinder – hier ist es verboten, Kinder zur Welt zu bringen. Wenn wir ein Kind bekommen, müssen wir wegfahren. Doch eine Frau hat geheim eine Tochter zur Welt gebracht und da großgezogen. Die Eltern stritten lange mit der Stadtverwaltung vor Gericht, doch letztendlich bekamen sie das Recht zugesprochen, ihr Kind in Tschernobyl aufzuziehen. Soweit ich weiß, ist das Mädchen absolut gesund“, so Sergej.

    Er hat ebenso keine Angst vor der radioaktiven Strahlung. „Ich denke, bei uns ist es weniger gefährlich als in anderen großen Industriestädten, beispielsweise Donezk.“

    Sperrgebiet in Weißrussland nahe AKW Tschernobyl
    © Sputnik / Wiktor Tolotschko
    Sperrgebiet in Weißrussland nahe AKW Tschernobyl

    Experten sind allerdings anderer Meinung. „Die radioaktive Situation in Tschernobyl ist jetzt ziemlich normal – man kann sich hier einige Tage lang ohne Schaden für die Gesundheit aufhalten. Doch ständig in der Stadt zu wohnen, ist eine andere Sache. Die Halbwertzeit des radioaktiven Cäsiums 137 wie auch anderer Stoffe beträgt 30 Jahre. Das heißt, dass seine Strahlungsmenge nur um die Hälfte abgenommen hat. Es bestrahlt täglich den Menschen sowohl von außen als auch von innen her – wenn es mit Lebensmitteln in den Körper kommt. Obwohl sich die radioaktiven Stoffe jetzt tiefer im Boden befinden und die Stadt aktiv gereinigt wurde, ist die Strahlung geblieben“, sagt Professor Michail Balonow vom Forschungsinstitut für Strahlenhygiene.

    Die Strahlung könne zu onkologischen Erkrankungen führen, so der Wissenschaftler. Einige alte Einwohner Tschernobyls hätten einfach wegen ihres Alters die aktive Phase der Krankheit nicht erreicht, meinte er.

    „Die latente Periode macht bis zu 20 Jahren aus – viele starben früher aus anderen Gründen. Bei den restlichen Einsiedlern ist das Risiko der Krebserkrankung höher“, so der Experte.

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