13:37 10 Dezember 2018
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    die Erde (Symbolbild)

    Die Gefahren für die Erde vom All aus gesehen – Zwei Kosmonauten warnen

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    Tilo Gräser
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    Erinnerungen an ihre Raumflüge und Sichten auf aktuelle Entwicklungen haben am Samstag in Berlin zwei „Interkosmonauten“ ausgetauscht. Bei der „Fiesta de Solidaridad“ haben Arnaldo Tamayo Mendez und Sigmund Jähn geschildert, wie grenzenlos die Erde aus dem All aussieht, und zugleich vor den Folgen der aktuellen Konfrontationspolitik gewarnt.

    „Cuba Si, Yankee No!“ – so begrüßte Arnaldo Tamayo Mendez, Brigadegeneral der kubanischen Streitkräfte und Abgeordneter der kubanischen Nationalversammlung, am Samstag in Berlin all jene, die zur „Fiesta de Solidaridad“ in den Lichtenberger Stadtpark gekommen waren. Doch der heute 76-Jährige Tamayo war nicht wegen seiner offiziellen Funktionen da. Er wurde vor allem als der erste und bisher einzige kubanische und lateinamerikanische Kosmonaut empfangen. Gemeinsam mit Juri Romanenko war er am 18. September 1980 mit Sojus 38 ins All gestartet, hielt sich eine Woche lang an Bord der Orbitalstation Salut 6 und landete nach acht Tagen wieder auf der Erde.

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    Mit ihm war der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn, zu dem Fest gekommen, das traditionell jährlich von der Arbeitsgemeinschaft „Cuba Si“ in der Linkspartei organisiert wird. Die beiden Fliegerkosmonauten kennen sich, seitdem sie sich im Sternenstädtchen bei Moskau auf ihre Raumflüge im Rahmen des „Interkosmos“-Programms vorbereiteten. Jähn, heute 81, war vor nunmehr 40 Jahren am 26. August 1978 gemeinsam mit Waleri Bykowski in Sojus 31 zur Salut 6-Station gestartet.

    Der erste Kosmonaut Kubas und Lateinamerikas, Arnaldo Tamayo Mendez, stellte klar: Cuba Si, Yankee No!
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der erste Kosmonaut Kubas und Lateinamerikas, Arnaldo Tamayo Mendez, stellte klar: "Cuba Si, Yankee No!"

    „Interkosmos“ öffnete kleinen Ländern Weg ins All

    Tamayo erinnerte an das „Programm, das Raumfahrern aus neun verschiedenen Ländern den Flug ins All gemeinsam mit sowjetischen Kosmonauten ermöglichte“, – „ein friedliches Programm, zu dem wir aus unseren Ländern Forschungsprojekte beigetragen haben“. Eine seiner Aufgaben sei es gewesen, mit Hilfe der Multispektralkamera MKF-6M aus der DDR eine neue topographische Karte von Kuba zu erstellen.

    Der kubanische Raumfahrer erinnerte daran, dass das „Interkosmos“-Programm selbst armen und unterentwickelten Ländern wie Kuba, Vietnam oder der Mongolei ermöglichte, Weltraumforschung zu betreiben. Er hob hervor, dass das „erst durch den Sozialismus möglich wurde“. Das Programm habe für alle beteiligten Länder Ergebnisse geliefert, „die sehr interessant und nützlich waren“. So sei bei seinem Raumflug 1980 erstmals im Rahmen der Hirnforschung ein Elektro-Enzephalogramm eines Kosmonauten aufgezeichnet worden. Dabei habe sich gezeigt, dass die Schwerelosigkeit die Hirntätigkeit des Menschen beeinflusse.

    Eine große Raumfahrer-Familie

    Beide Fliegerkosmonauten bestätigten, dass sie immer noch Kontakt zu ihren früheren Raumfahrer-Kollegen haben. Jähn kündigte an, dass zum 40. Jubiläum seines Fluges am 26. August vier sowjetische bzw. russische Kosmonauten in die Raumfahrt-Ausstellung seines Heimatortes Morgenröthe-Rautenkranz kommen würden. Dazu gehöre der damalige Bordingenieur von Salut 6, Alexander Iwantschenkow. Vladimir Remek, als Tschechoslowake der erste „Interkosmonaut“ vor 40 Jahren, komme ebenfalls nach Morgenröthe-Rautenkranz.

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    „Wir Kosmonauten bilden praktische eine große Familie“, unabhängig von der Herkunft, egal ob Kosmonaut oder Astronaut, sagte Kubas Kosmonaut Tamayo. Die internationale „Association of Space Explorers“ (ASE) organisiere jährlich gemeinsame Treffen. Er berichtete, dass nach seinem Flug 1980 auf Anregung Fidel Castros am Strand von Varadero ein Erholungsheim für Raumfahrer eingerichtet worden sei, dass es noch heute gebe und weiter für alle offen stehe, die ins All flogen, „unabhängig davon, aus welchem Land sie kommen“.

    Der erste deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn berichtete unter anderem, wieviel Post er zu seinem 80. Geburtstag 2017 bekam
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der erste deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn berichtete unter anderem, wieviel Post er zu seinem 80. Geburtstag 2017 bekam

    Junggebliebene Kosmos-Veteranen

    Jähn blickte auf die Zeit nach seinem Raumflug vor 40 Jahren zurück und meinte, danach habe er mehr gearbeitet als vorher. Er bedankte sich für die viele Post zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr und entschuldigte sich dafür, dass er nicht allen habe antworten können. Heute wünsche er sich mehr Ruhe und Zeit, auch etwas anderes machen zu können, gestand der Kosmonaut ein und bat: „Nicht mehr schreiben!“.

    Tamayo stellte klar: „Wir sind zwar inzwischen alt, aber noch nicht fertig!“ Zuvor hatte er gesagt: „Vom Alter her sind wir inzwischen Veteranen, aber im Herzen sind wir jung geblieben.“ Er berichtete von seiner Tätigkeit als Berater der kubanischen Armee und als Abgeordneter der Nationalversammlung Kubas. Ihm sei wichtig, mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verbunden zu bleiben und seine Erfahrungen an die jüngeren Generationen zu vermitteln. „Der außerirdische Raum ist weiter ein Bereich, den gerade die Jugend weiter erforschen kann und muss.“

    Kuba bleibt im Kosmos

    Der kubanische Kosmonaut berichtete, dass es inzwischen nach den Unterbrechungen infolge des Untergangs der Sowjetunion 1991 neue Kontakte zwischen Kuba und Russland gebe, um die gemeinsame Raumforschung fortzusetzen. Dazu würden derzeit konkrete Projekte mit dem staatlichen russischen Raumfahrtkonzern „Roskosmos“ besprochen und vorbereitet.

    Die Unesco hatte Tamayo 2017 mit ihrer Medaille für Raumfahrtwissenschaft ausgezeichnet. „Für Kuba bedeutet diese Auszeichnung eine Anerkennung seines Beitrags im Bereich der Wissenschaft und zu den weltweiten Bemühungen, diese in den Dienst der Entwicklung zu stellen, wie dies wesentlich für die Erfüllung der Agenda für Nachhaltige Entwicklung ist“, berichtete die kubanische Zeitung „Granma“.

    Keine Grenzen aus dem All erkennbar

    Er selbst habe es als „großes Privileg“ empfunden, „die Möglichkeit zu haben, mit meinen Augen unseren Planeten aus einiger Entfernung betrachten zu können. Dadurch ist etwas mehr noch unser Bewusstsein geschärft worden, dafür, dass wir unseren Planeten behüten und beschützen müssen gegen alle Aggressionen, die auf ihn und seine wunderschöne Natur verübt werden.“

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    Tamayo beschrieb seine große Freude, die Erde mit ihren Kontinenten von oben zu sehen. An die „Fiesta“-Gäste gerichtet, fügte Tamayo hinzu: „Aus dieser Höhe waren keinerlei Grenzen zwischen den unterschiedlichen Ländern zu sehen – genauso wie ich jetzt hier keinerlei Grenzen zwischen Deutschland und Kuba, zwischen den Menschen sehe.“ Bei den Beziehungen zwischen den Völkern sei es nicht wichtig, wie weit die Länder voneinander entfernt lägen. Es gebe überall Probleme, die gemeinsam gelöst werden müssten.

    Sorgen angesichts des irdischen Treibens

    Auf den Blick von oben auf die Erde und die aktuellen Konflikte auf dieser angesprochen, sagte Jähn: „Das ist eine Frage, die mir als Problem oft durch den Kopf geht.“  Der erste deutsche Raumfahrer erinnerte sich an den Anblick des Amazonas-Gebietes und wie er dort 1978 bereits die Schneisen durch das Dschungelgebiet sah, geschlagen „von Leuten, die nichts weiter im Sinn haben als Gewinn zu machen, Gnade Gott, was mit dem Land passiert“.

    Er habe voller Respekt auf die Erde geschaut und später oft darüber nachgedacht, „welche komischen Tiere sind wir denn, dass wir das kaputt machen, was uns ernährt, was auch für die Kinder, die nächsten Generationen sehr wichtig ist“. Angesichts der Politik „mancher Regierungen“ mit Rüstung bis hin zu Atomwaffen „glaubt man schon, dass unsere Zukunft nicht so klar vor uns liegt, wie wir das gerne möchten. Ich wünsche mir, dass es mit dieser Rüstung rückwärtsgeht und nicht vorwärts. Das wünsche ich auch meinen Kindern, Enkeln, und Urenkeln, die ich auch schon habe.“

    Warnung vor Kriegstreiberei

    Tamayo beantwortete am Samstag in Berlin auch Fragen zur aktuellen Entwicklung seines Landes. Er machte allen Zweiflern klar, dass Kuba sozialistisch bleibe und sich weiterhin dem Druck der USA nicht beugen werde. Gegenwärtig werde eine neue Verfassung vorbereitet, die von der gesamten Bevölkerung beraten werde. Das wie auch die personellen Veränderungen seit dem Tod von Fidel Castro 2016, so die Übergabe von Funktionen an Jüngere, dienten dem Ziel, „mehr Sozialismus“ zu erreichen und diesen zu stärken. „Wir werden weiterhin allen Aggressionen Widerstand leisten!“ Das gelte auch für die fortgesetzte „brutale Blockade durch unseren großen Nachbarn“.

    Die Politik des Westens gegenüber Russland habe einen „sehr starken inhaltsreichen militärischen Aspekt“, begründete Raumfahrer-Kollege Jähn seine Sorgen mit Blick auf das aktuelle Verhältnis zwischen Deutschland und Russland. Als Militär denke er beispielswiese angesichts der westlichen Politik zur Ukraine: „Nachtigall, ick hör‘ Dir trapsen.“ „Die Krim ist der militärische Zugang zu dem großen Land Russland“, erinnerte der erste deutsche Kosmonaut. Gerade vom Schwarzen Meer, vom Süden her sei Russland verwundbar.

    „Wenn ich dann weiß, dass auch wieder deutsche Soldaten an dieser Grenze stationiert sind und Aufgaben haben, kommt mir schon das Gruseln. Vor allem dann, wenn man wie viele ehemalige DDR-Bürger Freunde in Russland hat, fragt man sich schon: Wo steuert dieses Nato-Europa hin?“ Er habe davor Angst, gestand Jähn ein und wünschte sich, dass es keinen Krieg mehr mit Russland und seinen Völkern gebe.

    Buntes „Fiesta-Programm“

    Vor und nach ihrem gemeinsamen Auftritt auf der Bühne im Lichtenberger Stadtpark erfüllten Tamayo und Jähn zahlreiche Autogrammwünsche. Beim Fest in Berlin-Lichtenberg, Anlass ist jedes Jahr der Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba am 26. Juli 1953, der als Beginn der kubanischen Revolution gilt, gab es außerdem eine Diskussion über die Entwicklungen in Lateinamerika. Auftritte verschiedener Bands wie unter anderem „Sistema Sonidero“ aus Berlin und „Che Sudaka“ aus Barcelona sorgten mit lateinamerikanischer Musik für gute Stimmung. An zahlreichen Infoständen der kubanischen Botschaft, von Solidaritätsorganisationen und Verlagen gab es für die Besucher viele Informationen über Kuba und Lateinamerika.

    • Die Berliner Band Sistema Sonidero eröffnete die Fiesta de Solidaridad
      Die Berliner Band "Sistema Sonidero" eröffnete die "Fiesta de Solidaridad"
      © Sputnik / Tilo Gräser
    • Jähn und Tamayo erfüllten zahlreiche Autogrammwünsche, im Hintergrund ein Foto einer ihrer früheren Begegnungen
      Jähn und Tamayo erfüllten zahlreiche Autogrammwünsche, im Hintergrund ein Foto einer ihrer früheren Begegnungen
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    • Kubas Kosmonaut (links) mischte sich unter die Fiesta-Besucher
      Kubas Kosmonaut (links) mischte sich unter die "Fiesta"-Besucher
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    • Die Band Che Sudaka aus Barcelona sorgte zum Fiesta-Abschluss für Stimmung
      Die Band "Che Sudaka" aus Barcelona sorgte zum "Fiesta"-Abschluss für Stimmung
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    • Sigmind Jähn (links) und Arnaldo Tamayo Mendez (rechts) mit Moderator und Dolmetscher auf der Bühne der Fiesta
      Sigmind Jähn (links) und Arnaldo Tamayo Mendez (rechts) mit Moderator und Dolmetscher auf der Bühne der Fiesta
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    • Arnaldo Tamayo Mendez (links) und Sigmund Jähn gemeinsam in Berlin
      Arnaldo Tamayo Mendez (links) und Sigmund Jähn gemeinsam in Berlin
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    Kosmonauten, Konflikte, Sozialismus, Entwicklung, Raumfahrt, Anerkennung, Grenze, Sojus, Die LINKE-Partei, Sigmund Jähn, Mongolei, Vietnam, Kuba, UdSSR, Krim, Deutschland