17:03 20 August 2018
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    Aus für „RTL II News“ – Privatfernsehen will Nachrichten zentral steuern

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    Paul Linke
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    Die in Berlin produzierten „RTL II News“ wird es ab 2019 nicht mehr geben. Stattdessen werden die Nachrichten für den Sender künftig in abgespeckter Form zentral von Köln aus gesteuert – von einem privaten Anbieter, der die gesamte RTL-Gruppe mit Informationen beliefert. Journalisten kritisieren einen weiteren Schritt in Richtung Einheitsbrei.

    Die „RTL II News“ gelten aus journalistischer Sicht nicht unbedingt als Vorzeigeobjekt der deutschen Medienlandschaft. In den Mix aus politischen, nationalen und weltweiten Informationen mischen sich stets Boulevardhemen, Servicemeldungen, Fashiontrends und Promi-News. Doch immerhin: Die Berliner Redaktion arbeitet eigenständig. Sie verschafft dem eher politikverdrossenen Zuschauer des privaten Fernsehsenders RTL II wenigstens einen kleinen Zugang zum weltweiten Informationsfluss.

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    Es übernimmt der Mainstream …

    Doch damit soll in dieser Form nun Schluss sein. Die „RTL II News“ verlieren ab dem kommenden Jahr ihren Sendeplatz um 20 Uhr, werden auf den quotenarmen Programmplatz um 17 Uhr vorverlegt, und die Berliner Redaktion wird aufgelöst. Stattdessen wird die Produktion künftig von der Firma „infoNetwork“ übernommen, einem Tochterunternehmen der Mediengruppe RTL Deutschland.

    Die Produktionsgesellschaft „infoNetwork“ erstellt tägliche und wöchentliche News- und Magazinformate für die gesamte RTL-Gruppe. Dazu gehören unter anderem „RTL Aktuell“, „Punkt 12“, „Guten Morgen Deutschland“, „Explosiv“ und „Exklusiv“, die „VOX News“ sowie das komplette Nachrichtenprogramm von „n-tv“. Darüber hinaus vermarktet die Gesellschaft eigenproduzierte Videos und Formate für TV-Anstalten und Internetanbieter weltweit.

    Alles neu – alles gleich?

    Zu den Plänen erklärte Tom Zwiessler, Bereichsleiter Programm RTL II, gegenüber dem Medienmagazin DWDL:

    „Dank ihrer langjährigen Expertise und ihrem nationalen und internationalen Nachrichten- und Korrespondentennetzwerk ist infoNetwork ein idealer Partner. Wir freuen uns sehr, gemeinsam die Erfolgsgeschichte der ‚RTL II News‘ weiter voranzutreiben.“

    Einen genauen Termin für den Umbau des Programmschemas gebe es noch nicht. Doch bereits Anfang kommenden Jahres dürfte es so weit sein.

    Der Hintergrund der Entscheidung

    Mal wieder sind Finanzen ausschlaggebend: Die Kosten für die Produktion der Nachrichten sollen gesenkt werden. Und obwohl die „RTL II News“ stets ansehnliche Quoten einführen, sogar häufig zu den Top 3 der täglichen Sendungen bei RTL II gehören, haben sich die Gesellschafter des Senders für diesen Schritt entschlossen. Die Gesellschafter, das sind die RTL Group (35,9 Prozent), Tele München (31,5 Prozent), der Heinrich Bauer Verlag (31,5 Prozent) und Hubert Burda Media (1,1 Prozent).

    Der Aufschrei in der deutschen Medienlandschaft ist nun groß. Es hagelt Kritik von Sendeanstalten und dem Deutschen Journalistenverband. Cornelia Holsten, Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, erklärte gegenüber DWDL:

    „In Zeiten von Desinformation und Falschmeldungen sind verlässliche und eigenproduzierte Nachrichten- und Informationssendungen wichtiger denn je. RTL 2 erreicht mit seinem Nachrichtenformat eine Zielgruppe, die sonst eher keine Nachrichtensendung und Politikberichterstattung anschauen würde.“

    Ausgerechtet dieses Programmangebot zu beschneiden, bedeute ein Sparen am falschen Ende.

    Ein verzweifelter Hilferuf …

    Und wie äußert sich die rund 30-köpfige Nachrichtenredaktion von RTL II selbst? Die Mitarbeiter hatten im Vorfeld mit einer ungewöhnlichen Aktion versucht, auf den Missstand aufmerksam zu machen. In einem rund vierminütigen Video-Apell richteten sie sich direkt an die Gesellschafter, um für den Erhalt ihrer Sendung zu kämpfen:

    „Uns ist klar: Man kann mit Nachrichten kein Geld verdienen, man darf mit Nachrichten auch kein Geld verdienen. Wir sind aber fest davon überzeugt, dass es sich für den Sender lohnt, die ‚RTL II News‘ zu erhalten.“

    So „RTL II News“-Moderator Christoph Hoffmann in dem YouTube-Video. Ihre Sendung aus Berlin sei etwas Einzigartiges im deutschen Fernsehen, heißt es weiter.

    Doch die Entscheidung ist gefallen. Eine externe Möglichkeit der Landesmedienanstalten, auf RTL II einzuwirken, gibt es nicht. Da der Sender weiterhin Nachrichten im Programm haben wird – wenn auch um 17 Uhr statt 20 Uhr und nicht mehr selbst produziert, sondern von „infoNetwork“ zugekauft – erfüllt er damit seine Auflagen als Vollprogramm. Der Vorsitzende des Deutsche Journalistenverbands, Frank Überall, gab sich verärgert:

    „Es ist offensichtlich, dass RTL II auf dem Rücken der Journalistinnen und Journalisten einen skrupellosen Sparkurs fahren will.“

    Weiter forderte er, dass für die 20 betroffenen Journalisten andere Beschäftigungsangebote gemacht werden. Eine offizielle Reaktion seitens RTL II jedoch gibt es auf dieses Ansinnen noch nicht.

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    Fazit

    Pressekonferenz im Axel-Springer-Verlag (Archivbild)
    © AFP 2018 / John Macdougall
    Die sowieso schon schrumpfende Vielfalt in der deutschen Medienlandschaft wird noch ein Stück kleiner. Einem meist jungen und nachrichtlich wenig interessierten Publikum wird eine weitere Informationsquelle genommen. Der mediale Einheitsbrei führt seinen Siegeszug in weiteren Wohnzimmern der Republik fort. Erst 2015 waren die „RTL II News“ als eigenständige Redaktion neu gegründet worden. Diese mutige Entscheidung wurde nun rückgängig gemacht. Die Quote wird zeigen, ob RTL II damit nicht einen großen Fehler gemacht hat.

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    Tags:
    TV-Sender, Nachrichten, Desinformation, Umbau, Produktion, Fakes, Medien, RTL II, RTL-Group, Deutschland
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