05:56 24 September 2018
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    S-Bahn-Station Hermannstraße in Berlin-Neukölln

    Schräge Töne gegen schräge Gäste – Musik gegen Obdachlose auf Berliner S-Bahnhof

    CC BY-SA 4.0 / Gunnar Klack / Wikimedia Commons
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    Andreas Peter
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    Die Deutsche Bahn will mit atonaler, also disharmonischer Musik die Obdachenlosen- und Trinkerszene am Berliner S-Bahnhof Hermannstraße verdrängen. Es ist die neueste Idee für die Bahn-Tochter S-Bahn Berlin, die auch der Imageverbesserung dienen soll, aber eher für Spott und Kritik sorgt. Denn international verliefen ähnliche Versuche erfolglos.

    Wer historische Fotos vom 1899 eröffneten Berliner S-Bahnhof Hermannstraße sieht, wird feststellen, dass schon damals, als Bahnhöfe eigentlich noch wie aufwendig gestaltete Gästehäuser aussahen, mit einer bestürzenden Belang- und Lieblosigkeit gebaut werden konnte. Doch selbst diese Tristesse konnte der 1993 neueröffnete S-Bahnhof Hermannstraße locker überbieten. Dennoch ist dieser architektonisch eher abstoßende Ort für die Drogen-, Trinker- und Obdachlosenszene ein magischer Anziehungspunkt. Regelmäßig sieht man mitten im Berufsverkehr, wie Menschen auf den Treppen Drogen und Alkohol konsumieren, wie Obdachlose auf den Treppen oder den überdachten Zugängen ihre Habseligkeiten um ihren Schlafplatz gruppieren.

    Dauer-Sorgenkind S-Bahnhof Hermannstraße

    Der Berliner S-Bahn und jenen Neuköllnern und Fahrgästen, die an den zwielichtigen und bemitleidenswerten Gestalten vorbei müssen, um auf die S-Bahnsteige zu gelangen, ist das schon lange zuwider. Die Polizei tut, was sie kann und darf, aber eben auch nur das. Am Grundproblem von Obdachlosigkeit, Drogensucht und Armut kann auch sie nichts ändern. Nun will die Deutsche Bahn, Mutterkonzern der Berliner S-Bahn und für die Bahnhofsgebäude zuständig, einen neuen Anlauf wagen. Im Rahmen eines Verschönerungsprogramms für 17 der 132 Bahnhöfe Berlins soll auch der S-Bahnhof Hermannstraße profitieren. Und es soll eine Methode getestet werden, die eigentlich bei allen vorangegangenen Testreihen, ob in oder außerhalb Deutschlands, gescheitert ist.

    Schräge Töne gegen schräge Gäste

    Mit sogenannter atonaler Musik, also Musik, die dem gängigen Höreindruck von Melodie, Takt und Harmonie nicht entspricht, soll versucht werden, die unerwünschten Gäste des Bahnhofs zu verdrängen, ohne dass sie mehr oder weniger unsanft vertrieben werden. Starten soll der Test „im Herbst“, wie die Deutsche Bahn auf Nachfrage von Sputnik informiert. Die Bahn weist auch darauf hin, dass nicht die Tochtergesellschaft S-Bahn Berlin, sondern der Konzern-Geschäftsbereich „Station & Service“ den Beschallungstest auf dem S-Bahnhof zu verantworten habe. Welches Musikstück, in welcher Länge und Lautstärke zum Einsatz kommen soll, stehe noch nicht fest.

    Keine Konflikte mit BVG

    Der S-Bahnhof Hermannstraße ist auch Umsteigebahnhof zur gleichnamigen Station der U-Bahnlinie 8. Doch zu musikalischen Kollisionen dürfte es nicht kommen. Denn der Übergang zwischen der bundeseigenen S- und der städtischen U-Bahn befindet sich auf dem S-Bahnsteig, und der wiederum liegt seit dem großen Umbau nach der Wiedervereinigung des Ost- und Westberliner S-Bahn-Netzes eine Etage unterhalb des Bahnhofsgebäudes. Auf Bahnsteigen ist Musik grundsätzlich untersagt, wie die für die U-Bahn zuständigen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf Anfrage von Sputnik betonen. Und es ist wenig wahrscheinlich, dass die Beschallung aus dem oberirdischen Gebäude des S-Bahnhofs in die unteren Bereiche dringt.

    Musikattacken gegen unerwünschte Gäste schon früher erfolglos

    In der BVG erinnert man aber auch an die eigenen Erfahrungen. Die BVG stellte ihren Versuch rasch wieder ein, mit klassischer Musik auf dem U-Bahnhof Adenauerplatz für einen freiwilligen Rückzug ungebetener Gäste zu sorgen, vor allem der Drogendealer. Denn statt ihnen waren alsbald Fahrgäste, Mitarbeiter und Händler genervt. Auch andere deutsche Städte haben mit mehr oder weniger aggressiven Musikattacken auf ungebetene Gäste nicht die gewünschten Erfolge erzielt. Bleibt also abzuwarten, ob die S-Bahn Berlin diesmal Erfolg hat.

    S-Bahn Berlin hat Erfahrung mit Obdachlosen

    Dabei ist die S-Bahn Berlin weder unerfahren noch komplett erfolglos, wenn es darum geht, Obdachlose und Suchtkranke, die ja leider häufig beides gleichzeitig sind, nicht nur als lästige Probleme, sondern als Menschen zu betrachten, die Hilfe brauchen, weil sie sich selbst nicht mehr helfen können. Erst im vergangenen Jahr investierte die Berliner S-Bahn 65.000 Euro in ein zunächst zeitlich befristetes Gemeinschaftsprojekt mit der Berliner Stadtmission. Ziel war es, mit mobilen Einsatzhelfern jene Obdachlosen und Suchtkranken zu erreichen, die S-Bahnzüge und Bahnhöfe als Schlafplätze benutzen und dabei notgedrungen andere Fahrgäste belästigen.

    „Problem“ ist eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen

    Das Projekt zeigte sehr rasch, dass von den schätzungsweise 8.000 Menschen, die in Berlin auf der Straße leben, „nur“ etwa 200 zu jener Gruppe gehören, die aus den unterschiedlichsten Gründen selbst bei schwerster Verwahrlosung und gesundheitlichen Problemen jede Hilfe hartnäckig verweigern und sich deshalb auch nicht von noch so raffiniert ausgedachten Strategien beeindrucken lassen, sie zu vergraulen. Das Projekt bestätigte ebenfalls die langjährige Erfahrung vieler Sozialarbeiter, dass die meisten „Maßnahmen“ gegen Obdachlosigkeit und Suchtverhalten diese Phänomene nicht lösen, sondern nur verdrängen, und genau das und nur das ist auch das Ziel dieser Maßnahmen.

    Fahrgäste der S-Bahn wollen, dass Obdachlosen geholfen wird

    Dabei wollen die Fahrgäste der Berliner S-Bahn gar nicht, dass Obdachlose und Suchtkranke nach dem Prinzip „aus den Augen aus dem Sinn“ einfach nur an den Rand der Städte und der Gesellschaft gedrängt werden, wie eine Umfrage der S-Bahn Berlin im Vorfeld des Hilfsprojektes mit der Stadtmission ergab. Die Kunden der Berliner S-Bahn wollen mehrheitlich, dass Obdachlosen geholfen wird. Eigentlich eine ideale Basis, um dauerhaft und nachhaltig einer zugegebenermaßen schwierigen Klientel zu helfen, statt sie immer wieder mit verschiedenen Methoden nur einmal quer durch die Stadt zu treiben, um sie und ihr Elend nicht sehen zu müssen.

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    Tags:
    Obdachlose, S-Bahnverkehr, Passagier, Kampf, Musik, BVG, Deutsche Bahn, Neukölln, Berlin