06:55 16 Dezember 2018
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    NATO-Übungen Saber Strike 2018 in Skrunda (Archiv)

    Ausgeplündert und der Nato vermacht: Schicksal des baltischen Erbes der Sowjetarmee

    CC BY-SA 2.0 / Saeima / Ernests Dinka, Saeima
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    Wladimir Weretennikow
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    Vor 20 Jahren wurde im Baltikum das letzte sowjetische Militärobjekt dichtgemacht – die Radarstation in Skrunda. Jetzt steht an dieser Stelle eine Gespensterstadt. Andere Objekte wurden einfach geplündert oder der Nato übergeben. Was mit den Hinterlassenschaften des sowjetischen Militärs im Baltikum geschah – das lesen sie in diesem Artikel.

    Gespensterstadt und ausgeraubte Reste

    Der in den 1960er-Jahren errichtete Stützpunkt in Skrunda wurde kurz vor seiner Schließung umgebaut und modernisiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Radaranlage, die die Starts der ballistischen Raketen von Nato-U-Booten in der Nordsee verfolgte, an Lettland übergeben. Russland zahlte fünf Millionen Dollar pro Jahr für die Pacht. 1994 wurde auf Forderung der lettischen Regierung ein Vertrag über den Abzug der russischen Militärs unterzeichnet; Anfang Mai 1995 wurde das Gebäude der neuen Anlage Darjal von der US-Firma Control Demolition Inc. gesprengt. 1999 wurde auch die Anlage Dnepr außer Betrieb gesetzt. Russland zahlte für das Abtragen der Gebäude und die Säuberung des Gebietes sieben Millionen Dollar. Übrig blieb eine leerstehende Garnison für 5000 Soldaten.

    Zerstörte Kasernen in Skrunda
    © Sputnik / Wiktor Petrowskij
    Zerstörte Kasernen in Skrunda

    Für die Instandhaltung der Anlage wurden von der lettischen Regierung  im Jahr 2000 rund 1,7 Mio. Dollar bereitgestellt. Im Dezember 2009 wurde das Objekt mit einem Startpreis von umgerechnet 220.000 Euro zur Ausschreibung gestellt. Allerdings gab es keine Interessenten. Dafür aber war die Garnison bei Filmproduzenten und Touristen sehr populär.

    „Im Übungszentrum des ehemaligen Militärkomplexes ist heute vieles verwüstet. Doch etwas ist übrig geblieben – ein Schulbuch mit Noten, Sachen der Militärs, Broschüren. Auch die Waffenkammer ist in einem guten Zustand geblieben. Im Wachraum sind die Wände mit Zeitungen aus der damaligen Zeit statt Tapeten beklebt. Das ist sehr informativ – man kann da aus diesen Zeitungen erfahren, was in den damaligen Jahren so los war“, berichtet ein Augenzeuge.

    In der letzten Zeit wird die Gespensterstadt gerne von der lettischen Armee für Übungen genutzt. Im Juli 2016 sagte der lettische Verteidigungsminister Raimonds Bergmanis, dass ein Nato-Gelände dort errichtet werden soll. Ihm zufolge ist dieses Territorium mit einer Fläche von 45 Hektar, das rund 70 Immobilienobjekte umfasst (Kasernen, Wohnhäuser, Schule, Kindergarten, Hotel und Krankenhaus), eine sehr gute Plattform für taktische Übungen in urbaner Umgebung.

    Wohnhäuser in der Garnison in Skrunda
    © Sputnik / Wiktor Petrowskij
    Wohnhäuser in der Garnison in Skrunda

    Insgesamt waren in der Lettischen Sowjetrepublik mehr als 1000 Einheiten mit rund 600 Objekten stationiert. All diese Einrichtungen wurden den lettischen Behörden 1993 übergeben.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Nato trainiert Bombenabwurf in Litauen: Russlands Überleben steht auf dem Spiel

    Das Militärgelände Adazu nahe Riga, das einst die wichtigste Übungsplattform für die Heerestruppen des Rotbanner-Baltikum-Bezirks war, hatte mehr Glück. Es wird auch heute noch aktiv genutzt – Nato-Einheiten werden dort untergebracht, regelmäßig Manöver abgehalten. Das Schicksal vieler anderer Militärobjekte ist weniger beneidenswert.

    „Einige Objekte, die die lokalen Streitkräfte noch nutzen wollten, wurden zunächst überwacht. Danach kam es jedoch zur Plünderungen. Gestohlen wurde alles – auch Betonplatten auf Flugplätzen. Niemand überwachte das. Besonders wertvoll war Metall, weshalb die Silos keine Chancen hatten. Ich kenne viele Beispiele, bei denen die Eigentümer des Grundstücks als erste alles klauten“, erzählt der Chefredakteur der militärhistorischen Zeitschrift „Baltfort“, Juri Melkonow.

    Attraktion für Touristen

    2017 wurde in Lettland der Raketen-Atom-Stützpunkt Dwina R12 nahe Tirza demontiert. Dabei handelte es sich um eine riesige Anlage aus vier unterirdischen, 30 Meter tiefen Silos und einer Kommandostelle. Ein Augenzeuge, der diesen Ort vor der Demontage besuchte, berichtete in seinem Blog: „Wir klettern nach oben. Im Zentrum ist ein riesiges, etwa anderthalb Meter großes Loch. Man kann kaum glauben, dass hier früher richtige militärische Schlagkraft in die Luft ging. Ich ging an den Rand und wollte ins Innere blicken, doch ich hatte Angst, unten war eine unglaublich tiefe Kluft“. Ihm gelang es auch, die unterirdischen Räume zu inspizieren: „Sehr viele Räume, Korridore, Gänge. An vielen Orten waren am Boden sehr tiefe Risse, wir treten sehr vorsichtig auf, prüfen den Ort vor jedem Schritt“.

    Der Eigentümer der Firma „Demontage“, die sich mit diesem Objekt befasste, Matins Malnieks, sagte, dass es in Lettland insgesamt zwölf sowjetische Raketenstützpunkte gegeben habe, darunter fünf unterirdische. Alle wurden vernichtet, das Objekt in Tirza war das letzte. Malnieks beklagte, dass diese Aufgabe sehr schwierig gewesen sei. „Das ist ein zehngeschossiges unterirdisches Gebäude, das in mehrere Stufen aufgeteilt war und aus sehr festem Beton gebaut war“. Es wurde Spezialtechnik eingesetzt – starke Bagger mit hydraulischen Hämmern und Demontage-Scheren. Der Raketenstützpunkt wurde sechs Monate lang abgetragen.

    Stele vor dem Eingang ins Haus der Offiziere in Skrunda
    © Sputnik / Wiktor Petrowskij
    Stele vor dem Eingang ins Haus der Offiziere in Skrunda

    Erst vor kurzem begriff Lettland, dass die ehemaligen sowjetischen Militärgelände besser als Touristen-Attraktionen genutzt werden können. Der Verband für Landwirtschaftstourismus erstellte eine Karte mit diesen Objekten – insgesamt 70 Orte. Verbandsvorsitzende Asnate Ziemele fordert, dass die Hinterlassenschaft der sowjetischen Armee wieder in Ordnung gebracht werden solle. „Vielleicht wird sich jetzt etwas ändern. Wir machen die Öffentlichkeit allmählich darauf aufmerksam, wie schlecht diese Objekte ausgestattet und überwacht werden. Denn das ist unsere Geschichte, viele interessieren sich für das Erbe der Sowjetunion“, so Ziemele.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Nahe russischer Grenze: Litauen meldet Errichtung von Nato-Luftwaffenübungsplatz

    Der Unternehmer Raivis Federovich, der einen sowjetischen Militärbunker im Bezirk Andrejosta in Riga kaufte, richtete dort nun ein Museum ein. „Ich interessierte mich für solche Dinge bereits als Kind, als ich in den 1990er-Jahren ferngesehen habe. Die Bunker und Armeestützpunkte wurden damals von einer negativen Seite gezeigt, dass es Orte mit erhöhter Gefahr, verschmutzte Objekte sind. Doch bei mir wurde das Interesse geweckt. Nach 20 Jahren bekam ich die Möglichkeit, diese Orte zu besuchen. In der Kindheit konnte ich mir kaum vorstellen, dass es so viele gibt“, erzählt Federovich. Unter den Exponaten seines Museums gibt es ein altes KGB-Handy, eine Schlüsselmaschine, verschiedene Gasmasken, Uniformen.

    Im benachbarten Litauen wird der militärische Flugplatz Zokniai bei Siaule seit 2004 für Nato-Luftpatrouillen genutzt. 2016 wurde die Modernisierung von fünf Geländen angekündigt, die dem sowjetischen  Verteidigungsministerium gehörten. Bis 2020 sollen die Übungsplätze nahe Pabrade, Gaiziunaui, Kairai und Kazlu Ruda vollständig umgebaut werden.

    Kampfjet der US-Streitkräfte F-22 Raptor auf dem Stützpunkt Zokniai, Litauen
    © AFP 2018 / Petras Malukas
    Kampfjet der US-Streitkräfte F-22 Raptor auf dem Stützpunkt Zokniai, Litauen

    Die Gelände, die Litauen als sowjetisches Erbe bekam, waren in einem sehr schlechten Zustand. Sie sollen umgebaut werden. Derzeit wird über das Objekt Kazlu Ruda (60 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt) diskutiert. Dort soll ein Flugzeuggelände eingerichtet werden, wo Nato-Flugzeuge Angriffe gegen Bodenziele üben können. Am Projekt ist die Ingenieur-Einheit Red Horse der US-Luftstreitkräfte beteiligt; die Finanzierung soll von der European Reassurance Initiative übernommen werden.

    Museum und Gemüselager

    Die Litauer gehen mit dem sowjetischen Erbe weniger vernünftig um. In den 1960er-Jahren wurde bei Plunge der Raketenstützpunkt Plokstine errichtet. 1978 wurde er geschlossen, die Silos für Dwina-Raketen anschließend im Rahmen des INF-Vertrags konserviert. Seit den 1990er-Jahren werden dorthin Touristen gebracht. Nach zehn Jahren wurde ein vollwertiges Museum eröffnet; die Innenausstattung des sowjetischen Stützpunktes wiederhergestellt.

    Museumsbesucher Artjom Atschkassow berichtet in seinem Blog: „Der Wiederaufbau des Stützpunktes als Museum des Kalten Krieges wurde 2009 von einer Gruppe von Enthusiasten begonnen. Das alles erfolgte via Internet, in Foren für Spezialisten von Befestigungsanlagen. Auf den Aufruf des litauischen Spezialisten reagierten russische Militärs, die in diesem und ähnlichen Objekten gedient hatten. Sie halfen beim detaillierten Wiederaufbau der Innenausstattung der Silos-Anlage, darunter die Uniform der Militärs und die Ausstattung. Gerade deswegen ist wohl im Museum die ‚sowjetische Besatzung‘ kein Thema, dafür aber wird viel über den Kalten Krieg Auskunft gegeben“.

    Wie die litauische Zeitschrift „Nedelia“ berichtet, wurden in Palanga die vor 50 Jahren errichteten sowjetischen Bunker in Gemüsegärten und Keller umgebaut. „In kalten dunklen und trockenen Kellern kann gut Gemüse aufbewahrt und Pilze gezüchtet werden. Experten zufolge ist der historische Wert der Bunker in Palanga nicht geringer als der der Burg Trakai, sie sollten nur noch in einen angemessenen Zustand gebracht werden“, so die Zeitung.

    Kampfjet F-35 Lightning II der 5. Generation auf dem Stützpunkt Ämari bei Tallinn. 25. April 2017
    © AFP 2018 / RAIGO PAJULA
    Kampfjet F-35 Lightning II der 5. Generation auf dem Stützpunkt Ämari bei Tallinn. 25. April 2017

    Das bekannteste sowjetische Objekt in Estland ist der Stützpunkt Ämari, der 1945 gebaut wurde. Nach dem Nato-Beitritt 2004 wurde der Stützpunkt umgebaut; bis 2015 diente er als multifunktionaler Komplex. Heute sind auf dem Stützpunkt Luftpatrouillen-Einheiten der Nato stationiert, alle sechs Monate entsenden die Nato-Länder ihre Flugzeugstaffel.

    Ausländische Piloten sollen vor allem an Ämari Gefallen gefunden haben. Dieser Stützpunkt ist attraktiv nicht nur wegen seiner Nähe zu Tallinn, sondern auch wegen seiner zahlreichen Bequemlichkeiten. So gibt es hier einen Golfplatz und eine spezielle Speisekarte für ausländische Gäste, damit sie sich wohl fühlen. Die sowjetischen Piloten konnten davon nur träumen.

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    Tags:
    Demontage, Attraktion, Touristen, Erbe, Übungen, Kalter Krieg, US-Luftstreitkräfte, KGB, NATO, Nordsee, UdSSR, Lettland, Baltikum