18:47 15 Oktober 2018
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    Logo von Google-App auf dem Bildschirm eines Smartphones

    Google-Schock: „Suchmaschine betreibt ‚Auto-Diskriminierung‘, Hass und Hetze“

    © AP Photo / Patrick Semansky
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    Alexander Boos
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    Die Hamburger NGO „Goliathwatch“ kritisiert die „Auto-Diskriminierung“ bei Google. Die sogenannte Auto-Vervollständigung bei der weltweit am meisten genutzten Suchmaschine trage zu „Hass und Hetze“ bei. „Google diskriminiert hier“, warnt IT-Experte Thomas Dürmeier, Chef der Nichtregierungs-Organisation, im Gespräch mit Sputnik.

    „Wir reden hier über die Autovervollständigung bei Google“, sagte Thomas Dürmeier, Geschäftsführer der Hamburger Nichtregierungs-Organisation (NGO) „Goliathwatch“ im Sputnik-Interview. „Das bedeutet: Wenn ich anfange, etwas einzugeben, was schlägt mir Google dann vor? Das haben wir uns angeschaut. Dann haben wir festgestellt, dass Google Richtlinien hat, was die Suchmaschine zeigen bzw. nicht zeigen soll.“

    Es gehe dem IT-Experten um folgende Frage:

    „Lässt Google eigentlich diskriminierende, rassistische oder gewaltverherrlichende Suchvorschläge zu?“ Das IT-Unternehmen wolle das laut eigener Aussage zwar nicht. „Doch wir waren überrascht, als wir beispielsweise eingegeben haben: ‚Flüchtlinge … lassen‘ – da schlug uns dann der Algorithmus Google vor: ‚Flüchtlinge erschießen lassen‘ oder ‚Flüchtlinge nicht entkommen lassen‘.“ Bei „Merkel ist …“ komme: „… Deutschlands Untergang“. Früher sei sogar „Merkel ist Volksverhetzerin“ gekommen. Das sei nicht akzeptabel.

    Meinungsvielfalt hört da auf, wo …

    „Solche diskriminierenden Vervollständigungen passen nicht in die Richtlinien von Google“, so der NGO-Sprecher. „Das ist keine Frage von Zensur. Sondern, die Meinungsvielfalt hört da auf, wo die Würde und die Rechte eines Anderen verletzt werden.“ Hierzu gebe es genügend Beispiele.

    „So schlägt Google als sinnvollen Suchbegriff für ‚Völkermord ist …‘ folgendes vor: ‚Migration ist Völkermord‘“, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung von „Goliathwatch“, die der Redaktion vorliegt. „Die Funktion Autovervollständigung produziert Diskriminierung wie ‚Behinderte dürfen … nicht wählen/nicht heiraten/keine Kinder bekommen‘ oder ‚Klimawandel… ist eine Erfindung der Chinesen‘. Goliathwatch fordert mit seiner Kampagne ‚Stop #HateSearch‘ Google auf, diese Hass und Hetze schürende Autovervollständigung abzuschalten oder einen systematischen Neustart durchzuführen. Wir sind schockiert darüber.“ 

    Nach NGO-Anfrage: Google reagiert bei „Merkel ist …“

    „Als wir die ‚Merkel ist …-Anfrage‘ bei Google gemeldet hatten, hat Google auf jeden Fall soweit reagiert, dass Google die Autovervollständigung ‚Volksverhetzerin‘ rausgenommen hat“, so der NGO-Sprecher. „Das finden wir schon mal gut. Aber man findet leider immer noch: ‚Merkel ist Deutschlands Untergang‘. Da muss sich noch einiges tun.“

    Das passiert, wenn Sie „Merkel ist …“ bei Google eingeben.
    © Sputnik / eigener Screenshot (18.09.2018)
    Das passiert, wenn Sie „Merkel ist …“ bei Google eingeben.

    Google habe „im Endeffekt zwei Rahmenrichtlinien. Diese hat sich das Unternehmen selbst gesteckt. Sie wollen keine Diskriminierung, sie wollen keine Pornographie und keine Aufrufe zu Straftaten. Das ist die Selbstregulierung bei Google.“ Daneben gebe es einen weit gefassten Rechtsrahmen. „Wenn Leute in ihrem Ruf geschädigt werden, muss Google reagieren. Wir hatten sogar schon ein Urteil des Bundesgerichtshof zum Thema Rufschädigung auf Google. Da wurden dem Unternehmen schon Auflagen auferlegt.“ Damit bezog Dürmeier sich auf das Urteil VI ZR 489/16 vom Februar 2018. Demnach müsse die Suchmaschine erst dann reagieren, wenn sie sehr konkrete Hinweise auf eine klar ersichtliche Rechtsverletzung wie zum Beispiel eine persönliche Rufschädigung erhalte.

    Google: „Vervollständigung geschieht automatisch“

    Ein Pressesprecher von Google Deutschland mit Sitz in Hamburg erklärte gegenüber Sputnik am Dienstag:

    „Die Vervollständigung von Suchanfragen wird automatisch und ohne menschliches Zutun durch einen Algorithmus generiert. Wir geben uns Mühe, unangemessene Vervollständigungen zu vermeiden, dies gelingt uns aber leider nicht immer. Wenn Nutzer der Meinung sind, dass eine Vervollständigung gegen unsere Richtlinien für die automatische Vervollständigung verstößt, können sie sie uns mit Hilfe des Links direkt unter den Vervollständigungen melden.“

    Der Unternehmenssprecher nannte daraufhin folgende Website: www.blog.google/products/search/

    Autovervollständigung: Was ist das?

    Bei einem Algorithmus handelt es sich um eine mathematisch festgelegte und technisch durchgeführte Vorgehensweise zur Lösung von Problemen bzw. zur Umsetzung von Arbeitsschritten. In der Informatik spielen Algorithmen eine große Rolle und stellen eine Grundlage für die Programmierung dar.

    „Das ist wie so eine Art Reiseführer durchs Internet“, erklärte Dürmeier. „Man will eigentlich sinnvolle, gute Ziele im Internet erreichen. Google ist da schon fast mehr als eine Suchmaschine.“

    Was muss sich ändern bei Google?

    „Um das jetzige Problem von Suchvorschlägen zu ändern“, forderte der Goliathwatch-Chef, „müsste man jetzt sofort die Generierung der Suchvorschläge abschalten. Das wäre auch mit keinen großen Einschränkungen verbunden.“ Früher habe Google auch mit dieser Methode funktioniert. „Das Zweite ist: Google müsste die Struktur im Algorithmus, die das generiert, ändern. Damit dieser Hass und Rassismus nicht mehr vorgeschlagen wird.“ Da sei Google einfach „viel zu sehr an seinen Werbe-Kunden orientiert, anstatt am Endverbraucher.“ Das ist das Grundproblem  des IT-Unternehmens und Suchmaschinen-Anbieters. Google könnte das „viel, viel besser“ lösen.

    „Direkt vor dem Berliner Firmensitz von Google fordert Goliathwatch mit der Kampagne

    ‚Stop #HateSearch‘ das Ende dieser Autodiskriminierung“, heißt es weiter in der bereits zitierten Pressemitteilung der Hamburger NGO. „Falls Google an dieser Funktion festhalten will, müssen alle Vorschläge von einem transparenten Redaktionsteam geprüft werden. Jeder kann auf der Webseite von Goliathwatch solche Google-Fälle melden, um die Reaktion von Google zu dokumentiert. Mit einer bundesweiten Unterschriftensammlung soll der Chef von Google-Europa, Philipp Justus, überzeugt werden.“

    Das Radio-Interview mit Dr. Thomas Dürmeier (Goliathwatch) zum Nachhören:

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    Tags:
    Hetze, Hass, Suche, NGO, Flüchtlinge, Rassismus, Diskriminierung, Bundesgerichtshof, Google, Thomas Dürmeier, Angela Merkel, Deutschland