19:28 22 Oktober 2018
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    Herzlicher Empfang in Nowgorod

    „Titanen on Tour“ ziehen in den Kreml ein

    © Foto : Possardt
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    Armin Siebert
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    Über ein Vierteljahr war ein Treck mit Planwagen und Pferden im Zeichen des Friedens von Brandenburg nach Russland unterwegs. Die „Titanen on Tour“ haben nun ihr Ziel Weliki Nowgorod, die älteste Stadt Russlands, erreicht und eine Friedensglocke überreicht. Der mittelalterliche Kutschenzug sorgte vor Ort für große Begeisterung.

    Am 23. Juni begaben sich in der Pferdestadt Brück in Brandenburg acht Planwagen mit Pferden und je zwei bis drei Begleitpersonen auf eine 2300 Kilometer lange Friedensreise nach Russland. Sputnik berichtete. Vergangenes Wochenende haben die „Titanen on Tour“, wie sie sich nennen, ihr Ziel Weliki Nowgorod, die älteste Stadt Russlands, erreicht. Hier wurde feierlich eine Friedensglocke überreicht, die auf der gesamten Reise mitgeführt wurde.

    Reise in die Herzen der Gastgeber

    Vor Ort wurde der Tross begeistert von Presse, Politik, den geistlichen Oberhäuptern der Stadt und vor allem den Einwohnern empfangen. So erging es den Friedensmissionaren überall auf ihrer Reise – auch in Polen und im Baltikum. Aber besonders frenetisch war der Empfang in Russland, zumal hier auch die örtliche Politik den Treck finanziell und logistisch unterstützte und die Teilnehmer persönlich vom Gebietsgouverneur empfangen wurden.

    Nun sind von Pferden gezogene Planwagen an sich schon ein ungewohnter Anblick, auch in der russischen Provinz. Aber es ist die Botschaft, die von den deutschen Enthusiasten überbracht wird, die die Menschen in Russland besonders berührt. In Zeiten eines zunehmenden, von der Politik gesäten Misstrauens zwischen den Völkern schmilzt so eine mühevolle Reise die Herzen der Gastgeber. Viele Russen staunten, dass die deutsche Delegation in Zeiten von Flugzeug und Bahn den beschwerlichen und langsamen Weg des Pferdetransports gewählt hatte, um möglichst lange eine Wirkung für ihre Friedensbotschaft zu entfalten.

    Völkerfreundschaft trotz Differenzen

    Immerhin mussten viele der deutschen Teilnehmer für diese Reise ihren Jahresurlaub nehmen. Manche Friedensreisende sind allerdings auch nur für ein paar Tage zum Kutschenlager hinzugestoßen, um ein Zeichen zu setzen und dabei gewesen zu sein. So auch Monika Tharann, Geschäftsführerin der Stiftung West-Östliche Begegnungen, die den „Titanen on Tour“ gleich zweimal hinterhergeflogen ist. Zur Halbzeit der Reise war sie im russischen Kaliningrad dabei und hat die Pferdebotschafter als Übersetzerin unterstützt. Und nun ließ sie es sich nicht entgehen, auch beim Finale in der 218.000-Einwohner-Stadt Weliki Nowgorod dabei zu sein.

    Die West-Östlichen Begegnungen unterstützen die „Titanen on Tour“ mit einer Förderung. Tharann findet im Sputnik-Interview, dass man die Mittel nicht besser hätte einsetzen können: „Für unsere Stiftung ist dieses Projekt eine einmalige Sache. Wir hatten vier Partnerländer dabei, die durch dieses Projekt miteinander verbunden wurden, obwohl sie auf der großen politischen Ebene nicht auf einer Linie sind.“

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    Organisationspower und stilles Gedenken

    Tharann berichtet, dass die Teilnehmer in allen Ländern der Route sehr gastfreundlich empfangen wurden. Allerdings war die Begeisterung in Russland besonders groß. Auch die Organisationskraft der russischen Partner sei noch einmal auf einem anderen Level gewesen.

    „In Russland war eine ganz andere Power auch von Seiten der Administration dahinter. Da wird man viel intensiver begrüßt und auch begleitet. Die Teilnehmer haben erzählt, dass sie fast an jedem Abend in Russland ein Live-Kulturprogramm erlebt haben. Damit wurde klar, dass auf russischer Seite diesem Projekt eine sehr hohe Aufmerksamkeit zuteil wurde“, berichtet Tharann.

    Die Reise diente auch der Versöhnung. Noch immer ist der Zweite Weltkrieg präsent in den Familiengeschichten der Russen und auch der Deutschen. Viele Denkmäler auf dem Weg des Pferdetrecks erzählen von den Leiden des Krieges. An der Flamme für die gefallenen Soldaten in Weliki Nowgorod legten die Treckteilnehmer einen Kranz nieder.

    • Der Glockenwagen in russischer Hand
      Der Glockenwagen in russischer Hand
      © Foto : Helmut Kautz
    • Die Friedenglocke für Nowgorod
      Die Friedenglocke für Nowgorod
      © Foto : Romil Fedorow
    • Kreml von Nowgorod
      Kreml von Nowgorod
      © Foto : Helmut Kautz
    • Pope mit mir auf Moped
      Pope mit mir auf Moped
      © Foto : Helmut Kautz
    • Titanen on Tour im Kreml von Nowgorod
      Titanen on Tour im Kreml von Nowgorod
      © Foto : Grit Rensch
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    Der Glockenwagen in russischer Hand

    Russische Armee bringt „Titanen“ ans Ziel

    Gegen Ende der Fahrt wurde es noch einmal knapp. Russland wurde erst nach 1852 Kilometern am 24. September erreicht. Für die restlichen 450 Kilometer blieben nur zwei Wochen. Kurz vor dem Ziel half sogar die russische Armee, den Transport sicher nach Weliki Nowgorod zu geleiten. Um den Zeitplan einhalten zu können, sind die Pferdewagen von russischen Soldaten auf Transportfahrzeuge verladen worden.

    Am 5. Oktober erreichten die „Titanen on Tour“ das Ziel Weliki Nowgorod. Dort haben die lokalen Behörden sogar ermöglicht, dass der Zug der Titanen in den Nowgoroder Kreml einziehen durfte, der als Geburtsstätte Russlands gilt.

    Tharann erzählt, dass in Nowgorod „die ganze Stadt auf den Beinen war“.

    „Einmalig an diesem Projekt ist, dass man auf der einen Seite so viel lokale Bevölkerung erreicht hat, aber auf der anderen Seite auch mit den Behörden vor Ort, mit den Bürgermeistern, mit der Stadtleitung intensiven Kontakt hatte“, erzählte Tharann.

    Brandenburger Glocke im Kreml

    Im Rahmen einer feierlichen Begrüßungsveranstaltung mit vielen Menschen wurde das Gastgeschenk, eine extra für die Reise gegossene Bronzeglocke, samt Planwagen überreicht. Einen ersten Platz fand die Glocke auf dem Gelände des berühmten Nowgoroder Kremls, in der Nähe des Bronzedenkmals „1000 Jahre Russland“. Später soll sie in das Ensemble des Kremls eingebunden werden, in dem just genau eine Glocke fehlt. Diese Lücke soll nun die Glocke aus Brandenburg füllen.

    Die Titanen hatten die Glocke auf der gesamten Reise über 2300 Kilometer mitgeführt. Sie wurde an jedem Standort geläutet. Darauf zu sehen ist das Wort „Frieden“ in den Sprachen aller sechs durchquerten Länder. Miniaturausgaben der Glocke wurden unterwegs auch den anderen Gaststationen als bleibende Erinnerung überreicht.

    Auch Monika Tharann findet das Gastgeschenk sehr gelungen:

    „Die Idee der Friedensglocke ist besonders wirksam und bleibend. Diese Glocke ist ein so tolles Symbol. Ich habe selbst die Überraschung bei den Empfangenden erlebt. Und damit haben sie etwas Bleibendes.“

    Auch Brandenburgs Ministerpräsident begeistert

    Inzwischen hat sich auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke zur Ankunft des Pferde-Friedenstrecks geäußert und die Teilnehmer als „Botschafter der Völkerverständigung“ gewürdigt. Woidke sagte:

    „Dieses herausragende Projekt setzt ein starkes Zeichen für ein friedliches Miteinander in Europa. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer engagieren sich ehrenamtlich und in einmaliger Weise für Verständigung und Freundschaft und gegen Hass und Ausgrenzung. Meinen großen Dank an sie. Ich freue mich, dass dieses wichtige Signal seinen Ursprung in Brandenburg genommen hat.“

    Woidke ergänzte weiter: „Ich bin mir sicher, dass der Friedenstreck eine Menge bewegt und mit seiner Aktion die Menschen vor Ort näher zusammengebracht hat. Auch wenn die Tour nun zu Ende geht, bleiben die Begegnungen und Eindrücke unvergessen. Ich wünsche dem Friedenstreck eine gute Heimreise.“

    Stopp an estnischer Grenze

    Der Rückweg der „Titanen“ nach über drei Monaten gestaltet sich nun per Flugzeug etwas schneller. Bereits am Sonntag fand in Brück in Brandenburg ein Gottesdienst statt, auf dem die ersten 18 zurückgekehrten Mitglieder des Friedenstrecks begrüßt wurden. Für den 12. Oktober ist eine Pressekonferenz mit allen Teilnehmern der Friedenstour in der Pferdearena in Brück geplant. Alle Planwagen sollen bis dahin vor Ort sein.

    Den Rücktransport der Kutschen will die russische Seite übernehmen. Sie gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht. Am Wochenende standen die Pferde und Wagen noch an der russisch-estnischen Grenze. Inzwischen mussten sie sogar zurück nach Weliki Nowgorod verbracht werden – die estnischen Grenzer forderten spezielle Dokumente an, die erst noch neu einzuholen sind.

    Noch müssen also Daumen gedrückt werden, dass die Besucher beim Willkommensfest in Brück Ende dieser Woche die Möglichkeit haben werden, mit den Kutschern und Treckteilnehmern zu plaudern und auf den Wagen mitzufahren.

    Nur einer wird definitiv nicht dabei sein: Der Glockenwagen. Er ist als Geschenk in Weliki Nowgorod geblieben.

    Das Interview mit Monika Tharann zum Nachhören:

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    Tags:
    Begegnung, Glocke, Dialog, Frieden, Estland, Polen, Deutschland, Russland