08:29 21 November 2018
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    Russlands Präsident Wladimir Putin fängt einen Hecht

    „Putin fängt einen Hecht“ – russische Witze auf Ausstellung in St. Petersburg

    © Sputnik / Alexej Nikolskij
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    Natalia Pawlowa
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    Russlands Politikgeschichte wird auf einer Ausstellung in St. Petersburg in Form von Witzen präsentiert. Es handelt sich um den Zeitraum vom Beginn der Sowjetmacht bis Anfang des 21. Jahrhunderts. Politische Witze entstanden als Reaktion auf Unterdrückung der Freiheiten und halfen den Menschen, Dampf abzulassen, allerdings unter Haftandrohung.

    Die Ausstellung im Museum für politische Geschichte (MPG) bietet Witze über die Machthaber des Landes, das politische System der Sowjetunion, sowie über den Alltag im heutigen Russland. Die Witze werden mit echten Gegenständen aus der jeweiligen Zeit illustriert.

    Die Hülse aus einem 6-Zoll-Geschoss des Panzerkreuzers Aurora, mit dessen Salve die Revolution von 1917 begann, begleitet den Witz: „Was ist schlimmer als die Atombombe? Die Salve der Aurora. Lediglich ein Schuss brachte siebzig Jahre Zerstörung.“

    Sowjetische Witze waren eine Art Reaktion des Volkes auf pathetische Parolen der Regierung. Unzufriedene Bürger machten sich damit Luft. Laut Augenzeugenberichten haben auch KGB-Offiziere politische Witze erfunden, um die Unzufriedenheit zu reduzieren. Alexander Smirnow, Kurator der Ausstellung, machte im Gespräch mit Sputnik auf verschiedene Stadien dieser einzigartigen Volkskunst aufmerksam.

    „Anders als im Westen, wo man Witze erzählte, um zu lachen, bestand das Phänomen der sowjetischen Witze darin, dass man in der Sowjetunion in den 20er bis 50er Jahren unbewusst versuchte, die innere Angst zu überwinden und sich als freier Mensch zu fühlen. Daher sind die Witze aus den 1930er Jahren hart und gnadenlos.“

    Ein Witz über Lenin und Stalin: „Stalin besucht den sterbenden Lenin und sagt: Wladimir Iljitsch, übergeben Sie mir die Macht. Lenin antwortet: Mein Freund, ich denke nicht, dass die Leute Ihnen folgen werden. Stalin erwidert: Wer mir nicht folgt, wird Ihnen folgen.“

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    Bis in die späten 1920er Jahre ließ der Staat die Anekdoten außer Acht. Unter Stalin galten Witze jedoch als Aufruf zum Sturz der Sowjetmacht. Laut Artikel 58 des Strafgesetzbuches wurde das Erzählen und Anhören von Witzen mit einer Gefängnisstrafe von minimal sechs Monaten bedroht. Die Strafhöhe war nach oben eigentlich unbegrenzt.

    Ich erzähle euch eine Anekdote.
    © Foto : Museum politischer Geschichte
    Ich erzähle euch eine Anekdote.

    „Menschen wurden bis Anfang der 1960er Jahre nach Artikel 58 verhaftet. Danach wurde der Artikel geändert. Während des „Tauwetters“ unter Chruschtschow (Staatschef der UdSSR von 1953 bis 1964) wurden die Gefangenen bekanntlich freigelassen. Aus Dokumenten geht jedoch hervor, dass Menschen für Witze sogar höhere Gefängnisstrafen bekamen. Und erst unter Breschnew (sowjetischer Staatschef von 1966 bis 1982) wurden Menschen für Witze nicht mehr verurteilt, obwohl Breschnew Dissidenten verfolgte“, so Smirnow.

    Das Genre des politischen Witzes erreichte in den 1960er bis 1980er Jahren des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Eine Vielzahl von Witzen erschienen im Eigenverlag („Samisdat“). Unter Gorbatschow seit Beginn der Perestroika wurden sie bereits offiziell veröffentlicht. In den 1990er Jahren machte man Witze über neue Personen, darunter Russlands Präsident Boris Jelzin und den Parteichef der liberalen „Jabloko“ Grigori Jawlinski.

    Über das Wirtschaftsprogramm „500 Tage von Jawlinski“ (Übergang von Plan- zu Marktwirtschaft) erzählte man diesen Witz: „Man fragt Jelzin: Boris Nikolajewitsch, Sie unterstützen das 500 Tage-Programm. Und was weiter? Jelzin erwidert: Da schrieb ein Schussel 500 Tage statt 500 Jahre. Deshalb ist nichts daraus geworden!“

    „In den 2000er Jahren verschwindet das Genre allmählich“, bedauert Smirnow. „Junge Leute können sich heute nicht vorstellen, wie populär früher Witze waren. Jeder Freundeskreis hatte seine Anekdoten. Jetzt haben die Menschen andere Möglichkeiten, ihre Emotionen und ihre Unzufriedenheit auszusprechen, wie etwa bei Kundgebungen oder im Internet. Das ist schon eine andere Ebene der Beziehungen zwischen dem Volk und der Regierung. Aber der Witz lebt weiter“, ist sich der Museumsmitarbeiter sicher.

    Leonid Breschnew
    © Foto : Museum politischer Geschichte
    Leonid Breschnew

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    Die Ausstellung endet mit einem Witz über Präsident Putin:

    „Putin fängt einen Hecht. Plötzlich sagt der Fisch mit menschlicher Stimme: Lass´ mich gehen, ich werde dir jeden Gefallen tun. Putin lacht: Was kannst du für mich tun? Ich bin Präsident eines großen Landes! Ich mache gleich ein Foto und lasse Fischsuppe kochen. Der Hecht bittet: Lass´ mich los. Putin überlegt und sagt: Mach´ alle russischen Beamten klug, ehrlich, selbstlos und fleißig. Der Hecht wird traurig und sagt leise: Lass´ Fischsuppe kochen…“

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    Tags:
    Geschichte, Witze, KGB, Wladimir Putin, UdSSR, Russland