02:32 17 Dezember 2018
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    Polzei vor dem Landesgericht Oldenburg während des Prozesses gegen Niels Högel (Archivbild)

    Nach mutmaßlich hundertfacher Mordserie: Mediziner fordern „mehr Obduktionen“

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    Paul Linke
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    Die Niedersächsische Landesregierung hat nach Bekanntwerden der Mordserie durch den Krankenpfleger Niels Högel ein neues Bestattungsgesetz verabschiedet. Das soll dafür sorgen, dass unnatürliche Todesfälle schneller entdeckt werden. Mediziner kritisieren das Gesetz und fordern mehr Obduktionen.

    Seit Jahrzehnten bemängeln Rechtsmediziner, dass das deutsche Leichenschau-System viele Tötungen nicht erkennt. Einer Studie von Rechtsmedizinern der Universität Rostock zufolge sei eine korrekte Todesbescheinigung die große Ausnahme. Absolut fehlerfrei seien von 10.000 geprüften Todesbescheinigungen lediglich 223 gewesen. Dabei stellten die Rechtsmediziner 3.116 schwerwiegende und 35.736 leichte Fehler fest. Insgesamt hätten 27 Prozent aller Scheine mindestens einen schwerwiegenden Fehler aufgewiesen.

    Hätte der Fall Högel verhindert werden können?

    So konnte auch jahrelang der Ex-Pfleger Niels Högel ungehindert morden. Högel ist ein zu lebenslanger Haft verurteilter Serienmörder aus Niedersachsen. Er beging die vermutlich größte Mordserie der bundesdeutschen Kriminalgeschichte. Hunderte Ermittlungsverfahren wegen Mordverdacht wurden gegen ihn eingeleitet.

    Eine Änderung des Bestattungsgesetzes, welche im Juni 2018 durch den niedersächsischen Landtag beschlossen wurde, soll nun ähnliche Fälle von Mord oder Fehlern in der Behandlung von Patienten schneller und besser aufdecken.

    Gesetz bringt „unnötige Belastung“

    Ob dies tatsächlich Verbesserungen mit sich bringt, bezweifeln einige Ärzte und Beamte. So werden neue Kategorien geschaffen, nach denen Auffälligkeiten an einer Leiche der Polizei oder der Staatsanwaltschaft gemeldet werden müssen. So soll nach den neuen Änderungen beispielsweise immer dann die Polizei alarmiert werden, wenn jemand während einer Operation oder in den 24 Stunden danach stirbt.

    Gegenüber dem NDR bezeichnete die Polizei das neue Gesetz als „unnötige Belastung“. Neben ungeklärten Todesursachen im Eigenheim müssen die Beamten jetzt auch bei Todesfällen während oder nach Operationen hinzugezogen werden. Doch selbst erfahrene Ermittler können nicht sagen, was bei der Operation schiefgelaufen ist, teilte der Bund Deutscher Kriminalbeamter mit.

    Mehr Obduktionen?

    Für viele Rechtsmediziner und Pathologen gehen die Gesetzesänderungen nicht weit genug. Prof. Dr. Michael Klintschar, Leiter der Rechtsmedizinabteilung an der Medizinischen Hochschule in Hannover, sagte gegenüber dem NDR, dass das Gesetz zwar gute Schritte in die richtige Richtung gehe, „wenn man allerdings wirklich mehr unentdeckte Tötungen erkennen will, dann gibt es nur einen Weg: Mehr Obduktionen“. Deswegen schlug Professor Klintschar vor, 15 Prozent aller Toten im Krankenhaus nach einem Zufallsprinzip zu obduzieren. „Das könnte mögliche Täter abschrecken“, so Klintschar.

    Nach Angaben von Professor Karl-Friedrich Bürrig vom Bundesverband Deutscher Pathologen habe es bei circa 90.000 Todesfällen in Niedersachsen – davon 40.000 in Krankenhäusern – nur 500 Obduktionen pro Jahr gegeben. So stimmt Bürrig zwar dem Rechtsmediziner Klintschar zu, dass stichprobenartige Obduktionen in einer erhöhten Anzahl eine Verbesserung mit sich bringen würden, doch wenn man die Zahlen in Proportion setze, werde deutlich, „dass die klinische Obduktion, wie sie stattfindet, kein Instrument ist, um so etwas aufzudecken“. Da müsse es andere Mechanismen geben. „Und das müssen Rechtsmediziner leisten – nicht Pathologen“, erklärte Bürrig gegenüber Sputnik.

    „Andere Mechanismen“

    Die niedrige Zahl hänge mit dem stark schwindenden Interesse an klinischen Obduktionen zusammen. „Es liegt daran, dass Obduktionen in der Ausbildung von Ärzten nicht mehr vorkommen. Es liegt auch daran, dass man die Angehörigen fragen muss, ob sie mit einer Obduktion einverstanden sind.“ Somit sei das Interesse der behandelnden Ärzte in den Hintergrund gerückt, so Bürrig.

    Ein weiteres Instrument, um Tötungen vorzubeugen, sei eine „qualifizierte äußere Leichenschau“, erklärt der Pathologe. Doch diese gebe es nicht. Denn im Flächenstaat Niedersachsen wäre das zu teuer. „Sie müssten Leute ausbilden, die eine qualifizierte äußere Leichenschau machen, um unter Umständen etwas aufzudecken“, so die Vermutung des Mediziners. Solche Instrumente seien qualifiziert dafür, um die vermutete Anzahl nicht natürlicher Todesfälle tatsächlich aufzudecken. Die Politik müsse hier ganz klar Stellung zur Finanzierbarkeit der eingebrachten Vorschläge von Bürrgig und Klintschar beziehen, betont Professor Bürrig.

    Das niedersächsische Sozialministerium teilte gegenüber dem NDR mit, dass das neue Gesetz in Zukunft sehr wohl für mehr Obduktionen sorgen werde. Doch ob diese Entwicklung tatsächlich kommt, wird sich noch zeigen müssen. Ein „Zufallsprinzip“, wie es Klintschar fordert, oder eine „qualifizierte äußere Leichenschau“, wie dies Bürrig vorschlägt, wird im Landesgesetz jedenfalls vorerst nicht erwähnt.

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Karl-Friedrich Bürrig zum Nachhören:

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    Tags:
    Obduktion, Mordserie, Niels Högel, Niedersachsen, Deutschland