09:37 14 Dezember 2018
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    Polizisten in Seattle im Einsatz während der Spanischen Grippe, Dezember 1918

    Mehr Opfer als in Weltkriegen: Spanische Grippe – Die Katastrophe im 20. Jahrhundert

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    Alexander Boos
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    1918 markiert nicht nur das Ende des Ersten Weltkrieges und den Beginn der Novemberrevolution - es war zudem der Ausbruch der sogenannten Spanischen Grippe. „Sie war die größte geopolitische Katastrophe der Geschichte“, bei der „etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung“ damals starben, so Autorin Laura Spinney in ihrem Buch „1918: Die Welt im Fieber“.

    Kein Weltkrieg war so verheerend wie die Spanische Grippe. Für die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney steht fest: Die 1918 ausgebrochene globale Grippe-Welle war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Weltweit sehen viele Historiker, Mediziner und Virologen das ähnlich. Spinney schildert in ihrem Buch „1918: Die Welt im Fieber“ das weltweite Drama der Spanischen Grippe eindrucksvoll und detailliert. Weder der Erste Weltkrieg, Auslöser der Novemberrevolution, noch der Zweite Weltkrieg habe die Welt so sehr erschüttert wie die Spanische Grippe 1918.

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    „Kaiser Wilhelm II. dankte am 9. November 1918 ab, und in den Straßen von Paris jubelten die Menschen.“ Mit diesen Worten beginnt das Buch der britischen Autorin. „Währenddessen lag (…) im 7. Arrondissement (Pariser Stadtbezirk, Anm. d. Red.) der Dichter Guillaume Apollinaire auf dem Totenbett.“ Er verstarb „im Alter von 38 Jahren an der Spanischen Grippe.“

    In ihrem Buch bezeichnet Spinney den „Tod des Dichters (…) als Metapher für das kollektive Vergessen (…)“. Viele „ haben das größte Massaker des 20. Jahrhunderts aus (dem) Bewusstsein gelöscht", schreibt die Journalistin, die schon in den renommierten Wissenschaftsmagazinen „National Geographic“ und „Nature“ veröffentlichte.

    „Wir alle haben das größte Massaker des 20. Jahrhunderts aus unserem Bewusstsein gelöscht. Die Spanische Grippe infizierte jeden dritten Erdbewohner, 500 Millionen Menschen.“ An der Grippe starben Spinney zufolge zwischen März 1918 und März 1920 etwa „50 bis 100 Millionen Menschen, also zweieinhalb bis fünf Prozent der damaligen Weltbevölkerung“.

    Dramatische Todes-Zahlen

    Diese ungeheure Zahl der Grippe-Todesopfer schwanke jedoch. Das zeige, „wie vage die Erkenntnisse über die Spanische Grippe auch heute teils immer noch sind“, schreibt Spinney.

    „Im Vergleich (…) stellt die Spanische Grippe den Ersten Weltkrieg (17 Millionen Tote), den Zweiten Weltkrieg (60 Millionen Tote) – und vielleicht beide zusammen in den Schatten. Die Spanische Grippe bedeutete die größte Vernichtungswelle seit dem Schwarzen Tod (der Pest, Anm. d. Red.) im Mittelalter, ja vielleicht sogar die größte der Menschheitsgeschichte.“

    Der Erste Weltkrieg hat sich zwar vier Jahre hingezogen, „spielte sich aber hauptsächlich an Schauplätzen Europas und des Mittleren Ostens ab. (…) Mit anderen Worten, der Krieg hatte einen geografischen Fokus. Im Gegensatz dazu überflutete die Spanische Grippe von einem Augenblick auf den anderen den gesamten Globus.“ Die meisten Todesopfer habe es in den 13 Wochen zwischen September und Dezember 1918 gegeben.

    Laut der Autorin starben jedoch in den kriegführenden Staaten Europas im Ersten Weltkrieg mehr Menschen durch den Krieg wie durch die Grippe.

    Allein Deutschland „verlor viermal so viele“ Bürger durch die Kriegswirren als durch Infektionen. Die Grippe beeinflusste dennoch den Krieg. „Drei Viertel der französischen Truppen und über die Hälfte der britischen Streitkräfte erkrankten an der Influenza. Auf deutscher Seite waren 900.000 Mann außer Gefecht gesetzt. Doch: Auf allen anderen Kontinenten – mit Ausnahme der Antarktis – fielen mehr Menschen der Grippe als dem Krieg zum Opfer.“

    Symptome der Spanischen Grippe

    So etwas wie die Spanische Grippe habe die Welt zuvor noch nie durchlitten, so Autorin Spinney. In ihrem Buch beschreibt sie die besonderen Symptome der historischen Krankheitswelle. Zunächst zeigen sich bei den Infizierten bekannte Grippe-Symptome wie rauer Hals, Kopfweh, Fieber und Schwindelgefühl.

    Die Harmlosigkeit der bekannten Symptome täuscht, denn die Spanische Grippe „nahm rasch einen dramatischen Verlauf.“

    Nach kurzer Zeit litten die Infizierten an Atemproblemen.

    „Auf ihren Wangen erschienen mahagonifarbene Flecken und binnen weniger Stunden breitete sich diese Röte über das ganze Gesicht aus. (…) Sobald sich jedoch eine ‚violette, lavendel- oder malvenfarbene Nuance ins Rot mischte‘, waren die Aussichten (der Heilung, Anm. d. Red.) düster.“

    Dunkelblaue bis schwarze Hautflecken, dunkle Hände, Füße und Nägel seien für die Ärzte die Anzeichen eines nahenden Grippe-Todes gewesen.

    Ursprung des Virus

    Jede Pandemie entstehe, wenn „ein krankheitserregender Mikroorganismus auf einen Menschen trifft“.

    Dies muss bei Albert Gitchell, einem Koch aus dem US-Bundesstaat Kansas, vor dem 4. März 1918 der Fall gewesen sein. An jenem Tag „meldete er sich in Camp Funston (einem Ausbildungslager der US Armee, Anm. d. Red.) auf der Krankenstation mit rauem Hals, Fieber und Kopfschmerzen. Schon um die Mittagszeit gab es hunderte weitere Fälle.“ In der Medizingeschichte gilt dieser Moment als offizieller Ausbruch der Spanischen Grippe. Spinney schreibt: „Möglicherweise war Gitchell gar nicht der erste Mensch, der die Spanische Grippe bekam. Wir wissen aber jetzt, dass er zu den ersten registrierten Erkrankungsfällen zählte. (…) In den anschließenden Monaten folgten 500 Millionen Menschen.“

    Die Spanische Grippe wird laut der Britin auch als „Influenza“ bezeichnet. Der Name „Spanische Grippe“ entstand, nachdem erste Nachrichten über die Seuche aus Spanien veröffentlicht wurden.

    Als neutraler Staat im Weltkrieg fielen die Berichte über die Krankheit nicht wie in anderen betroffenen Ländern der Zensur zum Opfer.

    Globale Epidemie

    1917 befanden sich die Streitkräfte der USA immer noch im Ersten Weltkrieg und kämpften auf Seiten der Entente gegen das Deutsche Reich und dessen Verbündete. Damals „sammelten sich junge Männer (…) in US-Militärcamps“ als Soldaten für den Kriegseinsatz. „Camp Funston war eines dieser Camps. Von dort wurden die Soldaten (…) direkt nach Frankreich verlegt.“

    So brachten junge US-Soldaten den Grippe-Virus nach Europa. Einen Monat nach der Ansteckungswelle in Kansas – Mitte April 1918 – „hatte die Epidemie die Schützengräben der Westfront erreicht“. Anschließend verbreitete sich die Krankheit Richtung Osten über den europäischen Kontinent bis nach Russland.

    „Im Mai 1918 gab es Berichte von Grippefällen in Breslau, (…) Polen und im russischen Hafen Odessa, 1.300 Kilometer östlich“ der Westfront. Im gleichen Monat erreichte „(d)ie Influenza (…) Nordafrika.“ Innerhalb von drei Monaten erreicht sie Südafrika, wo im August 1918 die ersten Infizierten gemeldet wurden. Die Grippe „bewegte sich um Afrika herum und gelangte noch vor Ende des Monats nach Bombay (dem heutigen Mumbai)“. Kurz darauf sei sie in China angekommen. Nun war auch Asien infiziert. „Ende Mai brach die Grippe in Japan aus, im Juli war sie in Australien angelangt.“

    Grippe-Symptome entwickelt auch ein junger Sekretär in der US-Marine, der spätere US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Anfang September 1918.  Damals fuhr er „von Frankreich nach New York zurück auf dem Truppentransporter der SS Leviathan. Er musste auf einer Krankenbahre an Land getragen werden.“ Trotz seiner Genesung hat er wie viele andere US-Militärs die Grippe von den europäischen Schlachtfeldern wieder zurückgebracht.

    Deutlich stärker entfesselte sich die Epidemie zum zweiten Mal in Nordamerika. Von dort wanderte sie Richtung Südamerika. Auch wenn Brasilien „nur eine kurze Influenzawelle im Herbst 1918“ erlebte, gab es zahlreiche Grippe-Fälle in Chile, Peru und anderen lateinamerikanischen Staaten.

    Prominente Opfer

    Roosevelt war nicht die einzige bekannte Persönlichkeit, die sich damals mit der Spanischen Grippe infizierte oder mit ihr beruflich zu tun hatte. Beispielsweise betreute der Schweizer Psychotherapeut Carl Gustav Jung – ein Weggefährte Sigmund Freuds – in einem Internierungslager in den Schweizer Alpen infizierte britische Offiziere in den letzten Kriegsmonaten. 

    Zu den heute prominenteren Todesopfern gehörte der New Yorker Unternehmer Friedrich Trump, der Großvater des heutigen US-Präsidenten Donald Trump. Der aktuelle Chef im Weißen Haus profitierte sogar finanziell vom Tod seines Ahnen. „So kassierten die Witwe und der Sohn des nach Amerika ausgewanderten Pfälzers, der an der Grippe gestorben war, die Lebensversicherung“, berichtet dazu kürzlich das „Göttinger Tageblatt“. „Sie investierten das Geld in Grundbesitz. Heute ist der Enkel des Einwanderers Präsident der Vereinigten Staaten.“

    Laura Spinney kennt weitere prominente Krankheitsfälle. Im Juli 1918 „infiziert sich ein türkischer Armeeoffizier namens Mustafa Kemal in Wien auf dem Rückweg nach Konstantinopel (dem heutigen Istanbul)“, nachdem er „an der Westfront die deutschen Linien“ inspizierte. Nach seiner Genesung wird er Gründer und erstes Staatsoberhaupt der türkischen Republik, die moderne Nachfahrin des untergegangen Osmanischen Reiches. 

    Im September des letzten Kriegsjahres „hatte sich die Grippe in nahezu ganz Europa ausgebreitet und lähmte erneut die Kämpfe an den Fronten“. Auch der berühmte tschechische Schriftsteller Franz Kafka („Der Prozess“) „infizierte sich am 14. Oktober in Prag und erlebte, ans Bett gefesselt, durchs Fenster den Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie“.

    Laura Spinney: „1918: Die Welt im Fieber“, Bonn, 380 Seiten, Sonderausgabe für die Bundeszentrale für Politische Bildung, 2018, ISBN: 978-3-7425-0208-7, Print: 4,50 €. Das Buch kann über die Bundeszentrale für Politische Bildung oder im Handel bezogen werden.

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    Tags:
    Pandemie, Grippewelle, Grippe, Forschung, Jahrestag, Opfer, Novemberrevolution 1918, Erster Weltkrieg, Kaiser Wilhelm II, Europa, Spanien, Deutschland, USA