08:08 10 Dezember 2018
SNA Radio
    Grenzübergang Nasib: Die Familie von Jadwad Yousef Amin aus Deraa kehrt nach Syrien zurück

    Nicht nur auf Wunsch Assads: Syrische Flüchtlinge wollen zurück in ihre Heimat

    © Foto : Karin Leukefeld
    Panorama
    Zum Kurzlink
    Karin Leukefeld
    351847

    Mehr als fünf Millionen Menschen sind laut UNO vor dem Krieg in Syrien ins Ausland geflohen, zumeist in Nachbarländer. Im Inland gibt es den Angaben nach mehr als sechs Millionen Flüchtlinge. Die meisten von ihnen wollen in ihre Heimat zurück. Doch das ist nicht so einfach, berichtet Karin Leukefeld aus Syrien.

    Die Rückkehr nach Hause wünschen sich die meisten der syrischen Flüchtlinge, die seit sechs Jahren in den Nachbarländern Jordanien, Türkei oder Libanon leben, ebenso die Inlandsvertriebenen  innerhalb Syriens. Anfang Juli 2018 rief die syrische Regierung sie auf, heimzukehren und sich am Aufbau ihrer zerstörten Heimat zu beteiligen. Präsident Bashar al Assad verkündete eine befristete Amnestie für Deserteure, die sich der Wehrpflicht entzogen hatten.

    Wehrpflichtige innerhalb Syriens hatten demnach vier Monate Zeit sich zu melden. Wehrpflichtige außerhalb Syriens wurde eine Frist von sechs Monaten gewährt. Die Amnestie bedeutet, nicht bestraft zu werden. Der Wehrdienst allerdings muss angetreten werden. Hat eine Familie nur einen Sohn, ist dieser ohnehin von der Wehrpflicht befreit. Familien, die es sich leisten können, können ihre Söhne vom Wehrdienst freikaufen.

    Aus der Türkei kehren inzwischen viele Menschen in den Norden Syriens zurück, der in weiten Teilen von der türkischen Armee oder mit der Türkei verbündeten Kampfgruppen kontrolliert wird. Mit Libanon und Jordanien vereinbarte die syrische Regierung, wie die Rückkehr der Flüchtlinge organisiert werden könne.

    Keine Hilfe von der UNO

    Rückkehrer, die über den seit Anfang Oktober wieder geöffneten Grenzübergang Nassib zwischen Syrien und Jordanien zurückkehren, zeigten der Autorin ihre Dokumente, die sie vom syrischen Konsulat an der Botschaft in Amman erhalten hatten. Der „Laissez Passer“ ermöglicht es den Familien, in ihre Heimat nach Syrien zurückzukehren. 

    Das geschieht jeweils auf eigene Kosten. Unterstützung vom UN-Flüchtlingshilfswerk gibt es nicht. Die Bedingungen für eine Rückkehr seien in Syrien nicht gegeben, erklärte der Hohe UN-Flüchtlingskommissar Philippe Grandi bereits Ende August vor Journalisten in Beirut. Es sei zwar die beste Lösung für die Flüchtlinge, müsse aber „freiwillig und tragbar“ sein.

    Das Problem sei, dass die Infrastruktur und die Versorgung in vielen Gebieten Syriens unzureichend seien. Die Flüchtlinge hätten Angst vor Vergeltung oder dass sie zum Wehrdienst eingezogen würden. Es bestehe Unsicherheit hinsichtlich ihres Eigentums, ihrer Dokumente und der Sicherheitslage im Land. „Damit mehr Menschen sich zur Rückkehr entschließen, muss mehr Vertrauen aufgebaut werden“, so Grandi. Der UNHCR müsse in den Gebieten, in die Flüchtlinge zurückkehrten, präsent sein.

    Rückkehr mit allen Mitteln

    Seit September sind allein aus dem Libanon mehr als 50.000 Menschen zurückkehrt. Die Hälfte sei „auf eigene Faust“ gegangen, erklärte Generalmajor Abbas Ibrahim, Leiter der Nationalen Sicherheitsbehörde (Inlandsgeheimdienst) in Beirut. Die Rückkehr der anderen Hälfte sei gemeinsam von libanesischen und syrischen Behörden organisiert worden. Die Rückkehrwilligen ließen sich registrieren, die syrische Seite überprüfe dann in Damaskus deren Status. Etwa zehn Prozent der Anträge würden von dort zurückgewiesen.

    • Grenzübergang Nasib: Die Familie von Jawdad Yousef Amin aus Deraa kehrt nach Syrien zurück
      Grenzübergang Nasib: Die Familie von Jawdad Yousef Amin aus Deraa kehrt nach Syrien zurück
      © Foto : Karin Leukefeld
    • Grenzübergang Nasib Syrien-Jordanien: Reisende Händler fahren nach Jordanien zurück
      Grenzübergang Nasib Syrien-Jordanien: Reisende Händler fahren nach Jordanien zurück
      © Foto : Karin Leukefeld
    • Grenzübergang Nasib Syrien-Jordanien: Hunderte Syrer kehren täglich aus Jordanien zurück
      Grenzübergang Nasib Syrien-Jordanien: Hunderte Syrer kehren täglich aus Jordanien zurück
      © Foto : Karin Leukefeld
    • Grenzübergang Nasib Syrien-Jordanien: Taxis und Busse fahren über die Grenze nach Syrien
      Grenzübergang Nasib Syrien-Jordanien: Taxis und Busse fahren über die Grenze nach Syrien
      © Foto : Karin Leukefeld
    • Hiba (auf dem Foto) war 6 Jahre im Zaatari Lager in Jordanien und kehrt zu ihrem Mann zurück
      Hiba (auf dem Foto) war 6 Jahre im Zaatari Lager in Jordanien und kehrt zu ihrem Mann zurück
      © Foto : Karin Leukefeld
    • Jadwad Yousef Amin (r.) aus Deraa, 20 Jahre: Amman kehrt jetzt mit Familie nach Syrien zurück
      Jadwad Yousef Amin (r.) aus Deraa, 20 Jahre: Amman kehrt jetzt mit Familie nach Syrien zurück
      © Foto : Karin Leukefeld
    • Grenzübergang Nasib: Die Familie von Jadwad Yousef Amin aus Deraa kehrt nach Syrien zurück
      Grenzübergang Nasib: Die Familie von Jadwad Yousef Amin aus Deraa kehrt nach Syrien zurück
      © Foto : Karin Leukefeld
    1 / 7
    © Foto : Karin Leukefeld
    Grenzübergang Nasib: Die Familie von Jawdad Yousef Amin aus Deraa kehrt nach Syrien zurück

    Die Rückkehr wird mit syrischen offiziellen Bussen, mit Privatfahrzeugen oder anderen, einfachen Transportmitteln organisiert. Nach dem Grenzübertritt werden die Menschen medizinisch untersucht, die Kinder geimpft. In Syrien kümmert sich eine parlamentarische Kommission um die Rückkehrer, sie untersteht dem Ministerium für Familie und Soziale Angelegenheiten.

    Unterschiedliche Positionen im Libanon

    Die meisten Rückkehrer aus dem Libanon gehen zurück in ihre Dörfer oder zu Angehörigen im Umland von Homs, Hama und Aleppo. Dabei handelt es sich zumeist um die dort lebende Landbevölkerung, die sich kaum an den politischen Protesten oder dem bewaffneten Aufstand beteiligte. Sie flohen vor dem Krieg dorthin, wo sie Zuflucht fanden.

    Die Führung Libanons, der gegenwärtig ohne Regierung ist, ist in Sachen Rückkehr der syrischen Flüchtlinge gespalten. Der libanesische Präsident Michel Aoun, Außenminister Gibran Bassil und ein Teil des Parlaments um die Hisbollah begrüßen und fördern die Rückkehr. Der designierte Ministerpräsident Saad Hariri und seine Verbündeten lehnen die Rückkehr hingegen ab. Sie fordern UN-kontrollierte Schutzzonen in Syrien, in die Flüchtlinge zurückkehren können. Das wiederum lehnt die syrische Regierung ab.

    Der schwierige Neuanfang

    Ein großes Problem bei der Rückkehr der Flüchtlinge nach Syrien ist die schwierige ökonomische Lage. Zerstört vom Krieg, aber ebenso den harten Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union (EU) und der Finanzsanktionen der USA, liegt die Wirtschaft des Landes am Boden. Wichtige Weizen- und Baumwollanbaugebiete sowie die Ölquellen und Wasserressourcen im Euphrat-Tal sind unter Kontrolle der syrischen Kurden und der mit ihnen verbündeten US-geführten „Anti-IS-Allianz“.

    Dem syrischen Staat wird der Zugang zu den nationalen Ressourcen verweigert. Die wichtigen Anbaugebiete in der Provinz Idlib (Al Ghab) werden von bewaffneten Gruppen kontrolliert und gelten als Kampfzone. Es fehlt an Ersatzteilen, an Geld, an Saatgut und nicht zuletzt an qualifizierten Arbeitskräften, um das Land wieder auf die Beine zu bringen.

    Während Russland, Iran, Indien und China umfangreiche Investitionen in Syrien zugesagt haben, verweigern Europa, die USA und die Golfstaaten die Aufhebung der Sanktionen und finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau. Syrische Nichtregierungsorganisationen haben wiederholt die UNO gebeten, dem Land mit Ausbildungs- und Wiederaufbauhilfe zu helfen.

    Hilfe nur nach Regime Change?

    Doch bisher gibt es nur „Nothilfe“ in Form von Nahrungsmitteln oder Hygieneartikeln in Paketen, Matratzen, Winterkleidung. Die Bundesregierung gehört zu einem der wichtigsten Geberländer für die UNO. Doch Bundesaußenminister Heiko Maas hat wiederholt erklärt, dass nur dann Wiederaufbau in Syrien unterstützt werde, wenn dort politische Reformen garantiert seien.

    Das treffe die Bevölkerung, heißt es in UNO-Mitarbeiterkreisen in Damaskus. „Der Westen will, dass Assad verschwindet. Aber ob es einem gefällt oder nicht, er ist da und wird auf absehbare Zeit bleiben.“ Wenn man dem Land jetzt nicht beim Wiederaufbau helfe, werde das den Krieg, Zerstörung, Flucht und Vertreibung verlängern. Die Menschen wollten „keine Hilfe sondern Arbeit“, doch die Geberländer schöben einem erweiterten Engagement der UNO einen Riegel vor. Mehr als Nothilfe werde nicht finanziert.

    Massiver Brain-Drain schadet

    Die UN-Vertreter hätten Projekte vorgeschlagen, mit denen ein Klima geschaffen werden könne, in das die Menschen gern und hoffnungsvoll zurückkehren würden – durch Ausbildung, Mikrokredite, Hilfe bei der Landwirtschaft. Niemand sei vom Krieg unberührt geblieben, so die Quelle, die namentlich nicht genannt werden kann. Die Männer seien tot oder gefangen. Krieg und Sanktionen hätten die Elite vertrieben. Das Land leide unter einem massiven „ Brain-Drain“, dem Verlust von Fachkräften und Wissenschaftlern.

    Dennoch sei zu beobachten, dass die Menschen nicht aufgeben. Die Syrer seien sehr „unternehmerisch“ und in der Lage mit Hilfe von Unterstützung aus sinnvollen Projekten in kurzer Zeit einen Betrieb zu gestalten. Hilfe gäbe es zudem von Familienangehörigen und Nachbarn, viele kleine Hilfsorganisationen seien im ganzen Land aktiv. Für das, was der Staat nicht leisten könne oder wolle, habe die Bevölkerung untereinander für einen „Gesellschaftsvertrag“ geschlossen. Das gelte es zu unterstützen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Deeskalationszonen, Objektivität, Anti-IS-Koalition, Wiederaufbau, Geopolitik, Krieg, Investitionen, Auswärtiges Amt, UN, Uno, EU, Michel Aoun, António Guterres, Heiko Maas, Baschar al-Assad, Westen, Nahost, Idlib, Europa, Libanon, Jordanien, Indien, Iran, Syrien, USA, Russland, China