17:19 15 Dezember 2018
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    Nachtbürgermeister Hendrik Meier

    Deutschlands erster Nachtbürgermeister: „Kann direkt in die Stadtverwaltung gehen“

    © Foto : ART-WERK / Mikhail Vetlov
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    Alexandra Konkina
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    Deutschlands erster Nachtbürgermeister Hendrik Meier aus Mannheim hat Moskau besucht. In der russischen Hauptstadt ist er als Botschafter der sogenannten Nachtökonomie beim Kreativwirtschaftsforum Art-Werk aufgetreten.

    Im Sputnik-Interview erzählt er von diesem für Deutschland neuen Amt und von seinen Stereotypen über Russland.

    Herr Meier, was macht man eigentlich als Nachtbürgermeister?

    Der Nachtbürgermeister verbindet die einzelnen Akteure des Stadtlebens. Ich bin Vermittler zwischen Stadt, Verwaltung, Betreibern und Anwohnern.

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    Wie wichtig ist ein solches Amt?

    Das Wichtige an dieser Position ist in erster Linie genau dieser verbindende Charakter. Mit einem Nachtbürgermeister, Night Mayor, Night Ambassador usw. gibt es eine Person, die neutral für die jeweiligen Interessen eintritt und dem Nachtleben in seiner Vielfalt unterstützend zur Seite steht.

    Man kann vermuten, dass Sie mit Ihrer Arbeit als Nachtbürgermeister nicht erst beginnen, wenn es dunkel wird. Ist es tatsächlich so?

    Mein Alltag beginnt meist um 10 Uhr vormittags und endet gegen 20 Uhr abends. In dieser Zeit arbeite ich sowohl als Nachtbürgermeister als auch als Veranstalter und Booker. Da beide Jobs stark von der Arbeit am Laptop und Telefon geprägt sind, lässt sich das gut vereinbaren.

    Welche Wahlversprechen haben denn dazu geführt, dass Sie diese Stelle bekommen haben?

    Zum einen habe ich damit geworben, dass ich mich mehr um die Thematiken Müll und Lärm kümmern möchte. Hier konnten wir bereits einige Erfolge verzeichnen wie beispielsweise die Genehmigung für Pfandkisten oder die Initiative Refill, bei der sich Bars dazu bereiterklären, kostenloses Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. Zum Anderen ergeben sich natürlich viele Punkte durch die Gespräche mit den jeweiligen Akteuren. Es geht ja nicht nur darum, was ich verbessern möchte, sondern vielmehr darum, was mir vonseiten der Betreiber, Anwohner usw. zugetragen wird.

    „Night Mayors“ gab es bisher nur in den großen Metropolen. Warum braucht gerade Mannheim einen Nachtbürgermeister?

    Mannheim ist als Kreativstandort (Startup Mannheim, hohe Gründungsdichte etc.) und Musikstadt (UNESCO City Of Music, Popakademie Baden-Württemberg, Hochschule für Musik etc.) mit seinen gut 300.000 Einwohnern und einem regionalen Einzugsgebiet mit mehr als 2 Millionen Einwohnern ein Ort, an dem vieles möglich ist. Durch seine überdurchschnittliche Anzahl an Bar- und Clubbetrieben (130) ist Mannheim in der Region die Ausgehstadt, die sich für ein lebendiges und respektvolles Nachtleben ausspricht.

    Ist das Politik oder nicht? Gehören Sie einer Partei an?

    Ich sehe das eher nicht als Politik und ich selbst bin bei keiner Partei angesiedelt. Aber es ähnelt Politik bestimmt. Ich musste mir ein Wahlprogramm machen, aber es ist breiter als ein Programm einer Partei, da ich mich nicht begrenzt fühle. Ich kann direkt in die Verwaltung gehen und sagen: Ich würde gerne dies und dies machen. Bei einem politischen Prozess, wenn eine Partei die Initiative vorschlägt, würde es viel länger dauern.

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    Kann ein Nachtbürgermeister später in die Politik gehen?

    Ja, ich glaube schon. Als Nachtbürgermeister habe ich viele Leute aus der Stadtverwaltung kennen gelernt und ich weiß, wie alle Prozesse ablaufen. Daraus könnte schon etwas Politisches werden, zum Bespiel ein Kulturamt. Aber man kann auch in eine andere Richtung gehen, als Club- oder Bar-Betreiber.

    Sie sind zum ersten Mal in Russland. Haben Sie Stereotype über das Land gehabt?

    Als „Wessi“ hat man gefühlt immer Vorurteile gegenüber dem Osten, weil man sehr wenig Bezug zu den Menschen und deren Kultur hat. Doch die Menschen, die ich in der kurzen Zeit kennengelernt habe, waren sehr freundlich und zuvorkommend – nicht nur zu mir als „Fremden“ sondern auch untereinander. Das hat mir gut gefallen. 

    Spüren Sie die Neugier der Russen auf Ihre Tätigkeit?

    Definitiv. Beim deutsch-russischen Kreativwirtschaftsforum Art-Werk vergangene Woche in Moskau wurde mir aufs Neue bewusst, wie wertvoll eine solche Stelle für die Akteure des Nachtlebens ist und auch sein kann. Gerade da, wo die Kommunikation zwischen Stadt und Betrieben unzureichend stattfindet, benötigt sie eine Person, die zwischen den Akteuren vermittelt und die jeweiligen Interessen vertritt. Auch eine Weltmetropole wie Moskau und ihre Akteure im kreativen Sektor würden dadurch sehr profitieren.

    Jetzt sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland kompliziert. Könnte die Partnerschaft im Bereich der Kreativwirtschaft einen positiven Beitrag dazu leisten?

    Absolut. Das ist genau das, was wir bei diesem Kreativwirtschaftsforum sehen. Je besser die Menschen vernetzt sind, desto entspannter sind die Beziehungen.

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    Tags:
    Start-up, Bürgermeister, Deutschland, Russland