13:01 13 Dezember 2018
SNA Radio
    Serie „Die Simpsons“

    Drehbuchautor Mike Reiss: Marge und Homer Simpson werden nie fremdgehen

    © Foto: imbd/2014 FOX BROADCASTING
    Panorama
    Zum Kurzlink
    278

    Einer der „Simpsons“-Drehbuchautoren, Mike Reiss, reiste nach Moskau, um beim Synergy Global Forum 2018 über den Erfolg der Serie zu sprechen. Im Interview mit RIA-Novosti und Sputnik erzählt er, warum er seinen Job liebt, über was man sich bei „Die Simpsons“ nie lustig machen sollte und wie ein Missverständnis mit russischen Journalisten entstand.

    Sind Sie zum ersten Mal in Moskau? Wie gefällt es Ihnen hier?

    Nein, ich bin bereits zum vierten Mal hier. Das letzte Mal ist gar nicht so lange her — im Juli zur Fußball-WM. Mir gefällt alles sehr. Ich war vor etwa 20 Jahren mit meiner Frau in Moskau, heute ist es eine absolut andere Stadt. Sie war auch früher interessant, doch jetzt ist es großartig, eine gute Atmosphäre für Touristen.

    „Die Simpsons“ ist ein Dauerbrenner im Fernsehen. Wie hat sich die Kultserie in dieser Zeit verändert?

    Zu Beginn brauchte man ein paar Jahre, einfach um die Animation richtig zu machen, außerdem brauchten wir weitere Zeit, um die Charaktere der Figuren zu finden. Früher hatte niemand animierte Serien mit einem Abstand von einer Woche fertiggestellt. Mir scheint, das ist einer der Gründe, warum die Sendung immer noch beliebt ist – man kann sich jede Episode ansehen und dabei nicht sofort wissen, ob sie in diesem Jahr bzw. vor 20 Jahren gedreht wurde.

    Es gibt nur sieben Staffeln von Futurama, aber bereits 30 von „Die Simpsons“! Worin besteht das Geheimnis des Erfolgs gerade dieser Serie?

    Niemand hat es bislang herausfinden können, warum dem so ist. Ich weiß es selber nicht. Doch es gibt eine Sache, die sehr einfach ist, und die noch niemandem eingefallen ist: Menschen sehen sich eine Serie über eine Familie an – das war’s. Jeder von diesen Zuschauern hat eine eigene Familie, sie sehen die Serie und denken – „Oh, das ist doch genau wie bei uns!“.

    Das betrifft nicht nur Zeichentrickfilme, sondern auch einfache Familienserien. Das ist sehr rätselhaft und tiefgründig – Menschen gefallen einfach solche Projekte. Bei uns erscheint eine Folge pro Woche. Manchmal arbeiten wir den ganzen Tag an einem Witz. Sechs, sieben Menschen sitzen am Tisch und machen sich anstrengend Gedanken, dann entsteht ein Witz. Wissen Sie, niemand wird sich mit so etwas kostenlos befassen (lacht). Nein, das ist ein wahres Vergnügen, ich arbeite mit wunderbaren Menschen seit zehn bis 15 Jahren, wir respektieren uns, untereinander gibt es keinen Neid, wir arbeiten einfach zusammen daran, eine gute Serie zu machen. Ich liebe meinen Job.

    Sind ihre Kollegen in dieser Zeit für Sie zu einer Art Familie geworden?

    Ja. Denken Sie nur daran, es sind 30 Jahre vergangen, und ich gehe immer noch gerne zur Arbeit. Ich liebe diese Typen.

    Gibt es für „Die Simpsons“ ein Ende der Fahnenstange? Haben Sie sich früher darüber Gedanken gemacht: „Na gut, nun sollte Schluss sein“?

    Auch wir haben nicht gedacht, dass sich die Serie so lange hinziehen wird. Die Serie endet, wenn die Zuschauer sie nicht mehr schauen. Doch sie wird immer noch gesehen und geliebt. Wir wollen auch kein Ende setzen. Wir haben rund 20 Drehbuchautoren, doch niemand arbeitet sich zu Tode. Ich arbeite beispielsweise einmal pro Woche – komme mittwochs, weil ich denke, dass mir gute Ideen genau einmal pro Woche einfallen. Einige kommen dreimal pro Woche, doch niemand verbringt fünf Tage pro Woche im Studio.

    Das hört sich so an, als ob Sie den besten Job in der Welt haben!

    So ist es auch. Für eine Serie ist es auch gut so. Niemand kommt müde zur Arbeit, niemand muss irgendwelche Ideen rauswürgen.

    „Die Simpsons“ reagieren gewöhnlich auf das aktuelle Geschehen, in einzelnen Episoden tauchen häufig Promis auf. Wen werden wir in Zukunft sehen?

    Oh, ich kann mir das nie im Gedächtnis behalten, denn wir schreiben gewöhnlich ein Drehbuch ein Jahr im Voraus. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wann diese Episoden in Russland gezeigt werden. Wir blicken so weit voraus, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wen wir einplanen.

    Haben Sie Tabuthemen?

    Wir haben so etwas im Prinzip nicht. Doch was beispielsweise die Familienbeziehungen betrifft, werden wir es nie zulassen, dass es in der Ehe von Homer und Marge zu einem Fremdgehen kommt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Homer Marge schlägt. Zudem kommt es in den USA häufig zu Schießereien. Wir werden sicher keine Witze über Schießereien machen. Doch es gibt andere Shows, wo so etwas vorkommen kann, wie South Park. Bei uns aber nicht.

    Was denken Sie über “Die Simpsons — Der Film”? War es eine gute Idee, die Serie auf die große Leinwand zu bringen?

    Wir hatten eigentlich nicht vor, das zu machen. 15 Jahre lang wurde versucht, die Drehbuchautoren zu überreden: Wollen wir ein Drehbuch für einen Film schreiben… Wir wollten aber nicht. Doch eines schönen Tages haben wir uns dafür entschieden – und was, wenn wir eine tolle Idee für einen Film haben? Wir haben „Die Simpsons — Der Film“ innerhalb von drei Stunden erfunden. Am Wichtigsten ist, dass er den „Simpsons“-Fans gefallen hat.

    Möchten Sie noch einen machen?

    Es sind rund zwölf Jahre vergangen. Wir werden keinen neuen machen, so lange uns keine tolle Idee einfällt. Sobald dies geschieht, werden wir uns sofort ins Studio begeben. Ich denke, sie werden glücklich sein.

    Wissen Sie, wie viele Staffeln uns noch erwarten?

    Keine Ahnung! Wir sind immer noch eine der erfolgreichsten Serien. Es gibt also keinen Grund, aufzuhören.

    Haben Sie sich irgendwann diesen russischen Zeichentrickfilm angesehen?

    „Mascha und der Bär“? Ja, der gefällt mir sehr!

    Einige ausländische Experten werfen diesem Zeichentrickfilm Propaganda vor. Was meinen Sie dazu?

    Ich weiß nicht. Was meinen Sie? Gibt es dort Propaganda?

    Nein.

    Ich denke auch so. Ich verstehe nicht, wovon sie reden. Ich denke, „Mascha und der Bär“ wird in den USA ausgestrahlt, doch ich habe ihn mir bei den Zeichentrickfilmfestspielen in Bosnien angesehen. Mir wurden einige Episoden gezeigt, und ich sagte: „Das ist der beste Zeichentrickfilm! Wollen wir ihm den Hauptpreis geben“. Die Organisatoren sagten mir, dass sie ihn nicht jedes Jahr mit einem Preis auszeichnen können. Ich denke, dass es ein Klassiker ist, der eines der besten Beispiele von Zeichentrickfilmen ist.

    In einem Interview für die russische Presse sagten sie einst, dass sie vielleicht nach Russland umziehen werden…

    Ach so, ich wusste ja…

    Was genau?

    Ich habe so etwas nicht gesagt! Das ist sehr komisch. Ein Journalist stellte zwei kurze Fragen, auf die ich zwei kurze Antworten gab. Aus ihnen wurde ein langer Artikel gemacht, in dem überhaupt nichts stimmte. So kam es zu diesem Missverständnis. Der Journalist sprach wohl darüber, dass Steven Seagal nach Russland umgezogen ist… Ich antwortete, wie viele Amerikaner antworten würden – es ist gut, eine Ersatzvariante zu haben. Viele in Hollywood sagen, dass sie aus den USA nach Kanada umziehen würden, wenn Donald Trump wieder Präsident wird. Ich denke, dass ich irgendwohin umziehen könnte, doch in ein englischsprachiges Land. Doch mir gefällt Russland sehr, und wie ich damals im Artikel sagte, bin ich zur Hälfte Russe.

    Können Sie etwas auf Russisch sagen?

    „Njet“ und „Spasibo“. Das war’s.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Tabu, TV-Serie, Propaganda, Erfolg, Serie, Russland, USA