08:59 17 Dezember 2018
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    Ein eingefrorenes Virus

    100 Jahre nach „Spanischer Grippe“: Welcher Virus bedroht heute die Welt?

    © AP Photo / Carolyn Kaster
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    Alexander Boos
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    Könnte eine globale „Seuche“ erneut die Menschheit heimsuchen? Vor 100 Jahren brach die sogenannte „Spanische Grippe“ aus und forderte weltweit fast 100 Millionen Todesopfer. „Wir können nicht ausschließen, dass eine Grippe-Pandemie wieder auftritt“, erklärt Charité-Mediziner Dr. Wilfried Witte. Im Sputnik-Interview erläutert er Hintergründe.

    Die im März 1918 ausgebrochene sogenannte „Spanische Grippe“ ist im 20. Jahrhundert „die gravierendste Erkrankung gewesen“. Das sagte Wilfried Witte, Oberarzt an der Berliner Charité im Bereich Anästhesiologie und Intensivmedizin, im Sputnik-Interview. „Es ist in letzter Konsequenz eine Frage der Risikokommunikation. Sie können das nicht ausschließen, dass eine solche Grippe-Pandemie wieder auftritt.“

    Mediziner sprechen lieber von der „Influenza-Pandemie 1919/20“ als von der „Spanischen Grippe“. Influenza ist das lateinische Wort für Grippe. Der Name „Spanische Grippe“ entstand, nachdem erste Nachrichten über die Seuche aus Spanien veröffentlicht worden waren. Als neutraler Staat im Weltkrieg fielen die Berichte über die Krankheit nicht wie in anderen betroffenen Ländern der Zensur zum Opfer.

    „Die Spanische Grippe infizierte jeden dritten Erdbewohner, 500 Millionen Menschen“, schreibt die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney in ihrem Buch „1918: Die Welt im Fieber“ (Bonn, Sonderausgabe für die Bundeszentrale für Politische Bildung, 2018). An der Grippe starben ihr zufolge zwischen März 1918 und März 1920 etwa „50 bis 100 Millionen Menschen, also zweieinhalb bis fünf Prozent der damaligen Weltbevölkerung“.

    „Das Virus wandelt sich“

    Es habe in letzter Zeit „immer wieder Pandemien gegeben“, so Anästhesist und Historiker Witte, der auch Sprecher des Arbeitskreises „Geschichte der Anästhesie“ der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie & Intensivmedizin ist, einer medizinischen Fachgesellschaft mit über 13.000 Mitgliedern.

    Die letzte Grippe-Pandemie brach 2009 mit der „Schweinegrippe“, wohl in Mexiko, aus. Sie wird in Fachkreisen „Pandemie H1N1“ genannt. „Die war allerdings nicht schwerwiegend.“ Wichtig bei der medizinischen Betrachtung der Grippe sei das Virus selbst: „Denn dieses Virus wandelt sich – vereinfacht gesagt – immerzu und kann sich in alle Richtungen entwickeln. Das hängt aber sehr von den Umgebungsfaktoren ab. Man muss für die Zeit der Spanischen Grippe davon ausgehen, dass die desaströten Bedingungen, die der Weltkrieg geschaffen hat, eine Rolle gespielt haben.“

    Historische Rückschau: „Deutsches Reich hatte kein Krisen-Management“

    Umso erstaunlicher sei es, „wenn Sie sich das als Historiker anschauen“, erklärte der Berliner Mediziner: „Beispielsweise für das Deutsche Reich, was ich gemacht und belegt habe.“

    Im Deutschen Reich wurde versucht, „das Ganze (die Grippewelle, Anm. d. Red.) von offizieller Seite weitestgehend zu ignorieren. Es gab überhaupt gar kein übergeordnetes Krisenmanagement.“ Die Grippe habe „ganz andere Bilder produziert als der Krieg. Aber der Krieg – da konnte keiner dran vorbei. Nicht alle Infizierte starben innerhalb von ein paar Tagen. Sondern viele starben im Verlauf von einer Woche daran, meist an Lungenentzündung. Was die Leute im Deutschen Reich gemacht haben: Sie haben das aufgefasst als eine Folge des Krieges. Und deswegen war es kein großes Thema.“

    Kann die „Spanische Grippe“ heute wiederkehren?

    „Der Virus von 1918 würde heute nicht mehr so gefährlich sein können, wie er damals gewesen ist“, schilderte Medizin-Historiker Witte. Der technisch-medizinische Fortschritt sei mittlerweile natürlich sehr stark präsent. Wichtig sei „nach dem Zweiten Weltkrieg“ auch die Gründung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1946 mit Sitz in Genf.

    „So etwas wie eine Ebola-Infektion“ könne natürlich jederzeit die Menschheit heimsuchen. „Selbst die WHO hat festgestellt, da könne immer noch eine völlig neue Krankheit kommen, die wir noch gar nicht auf dem Schirm haben. Wie damals SARS (trat erstmals 2002 in China auf, Anm. d. Red.), das auch aus dem Nichts kam. Es geht vor allem darum, wenn etwas passieren sollte, es frühzeitig zu erkennen. Damit man – auch international – schnell reagieren könnte. Beispielsweise im Bereich der medikamentösen Maßnahmen einen entsprechenden passgenauen Impfstoff zu entwickeln.“

    „Es gibt da aber durchaus Entwicklungen. Es ist zu hoffen, dass es mit den heutigen Möglichkeiten irgendwann gelingen wird, einen Impfstoff zu entwickeln, der länger und breiter abdeckt.“

    Impfstoff-Entwicklung: Dem Virus auf der Spur

    „1933 ist das Grippe-Virus entdeckt worden in London“, erinnerte er.

    In Deutschland habe damals auch der medizinische Bereich der Grippe-Bakteriologie stark am Virus geforscht, aber letztlich sei der Durchbruch in England erfolgt. Die Entdeckung trieb die Impfstoff-Entwicklung voran. „In den frühen 30er Jahren in Großbritannien, den USA, aber auch in der UdSSR. Da war es beispielsweise ab 1936 in Leningrad (der sowjetische Bakteriologe und Virologe, Anm. d. Red.) Anatoli Smorodinzew, der Jahrzehnte am Thema geforscht hatte.“

    Allerdings gebe es bis heute keinen „General-Impfstoff“, der den Menschen vorbeugend verabreicht werden könnte, um die Geimpften dann auf Dauer immun gegen einen Grippe-Infekt zu machen.

    Warum die Grippe lange vergessen wurde

    „Die Spanische Grippe war über Jahrzehnte überhaupt kein Thema“, sagte Charité-Mediziner Witte. Eben auch, weil die dramatischen Ereignisse des Ersten Weltkriegs die damalige Pandemie überlagerten. „Es gab im Wesentlichen – von einigen Ländern auf diesem Planeten abgesehen – keine wirkliche kollektive Erinnerung an die Spanische Grippe. Sie geriet eher in Vergessenheit. In letzter Konsequenz muss man sagen, dass erst ab den 90er Jahren Untersuchungen dazu angestellt werden konnten.“ Damals sei es zu Exhumierungen gekommen, die mit Hilfe der Molekularbiologie untersucht wurden. Das US-amerikanische Militär hatte in jener Zeit auch „gewebliche Überreste“ von damaligen Grippeopfern gefunden und genauer in Augenschein genommen.

    Diese Aussagen bestätigt Wissenschaftsjournalistin Spinney. In den unmittelbar folgenden Jahrzehnten nach der Pandemie „beschäftigten sich – außer den Versicherungs-Mathematikern – nur Epidemiologen (Forscher, die Ausbreitung und Ursachen von Krankheiten in Bevölkerungen untersuchen, Anm. d. Red.), Virologen und Medizinhistoriker mit ihr.“ Daher habe die Menschheit die Grippe auch kollektiv vergessen, so die Autorin. Erst seit Ende der 1990er Jahre sei „die Zahl der historischen Darstellungen zur Spanischen Grippe förmlich explodiert“.

    Die internationale Wissenschafts-Gemeinde habe festgestellt, „dass in weiten Teilen der Welt – Südamerika, Mittlerer Osten, Russland, Südostasien und Festland-China – fast nichts über die damaligen Ereignisse bekannt war. Die auf Europa und Nordamerika fokussierten Berichte verzerren“ das Bild und die Analyse zur historischen Grippe. Heute jedoch würden unzählige Wissenschaftsbereiche zu der damaligen Tragödie forschen. Nun „können wir allmählich rekonstruieren, was damals in jenen Teilen der Welt geschah“.

    Das komplette Radio-Interview mit Dr. Wilfried Witte zum Nachhören:

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    Tags:
    Gesundheit, Impfstoff, Grippe, Pandemie, WHO, Sowjetunion, UdSSR, Europa, Spanien, Deutschland