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15:32 21 Oktober 2019
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    Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin

    Nach dem Anschlag in Straßburg: Wie sicher sind jetzt Berliner Weihnachtsmärkte?

    © REUTERS / Fabrizio Bensch
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    Schießerei in Straßburg (11)
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    Aktuell durchkämmen französische Spezialkommandos die Stadt Straßburg nach dem dortigen Terror-Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt durch einen mutmaßlichen Islamisten. Was bedeutet das nun für die Sicherheitslage der Berliner Weihnachtsmärkte? Sputnik hakt bei der Berliner Senatsverwaltung nach und befragt Weihnachtsmarkt-Besucher in der Hauptstadt.

    „Das Sicherheitskonzept für den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz verändert sich trotz des Anschlages in Straßburg nicht“, erklärte Martin Pallgen, Pressesprecher der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport, gegenüber Sputnik am Mittwochvormittag. „Auch unsere Einschätzung der Sicherheitslage bleibt unverändert.“

    Er beschrieb das neue Sicherheitskonzept für den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, welches Anschläge wie das Amri-Attentat von Dezember 2016 verhindern soll. Das Konzept sei dazu ausgelegt, Fahrzeuge am gewaltvollen Hineinfahren in den Weihnachtsmarkt zu hindern. „Es gab in der Innenverwaltung nach dem Anschlag auf den Breitscheidplatz die Bestrebung, eine Projekt-Gruppe einzurichten, um zu prüfen, wie man öffentliche Räume, Straßen und Plätze temporär und auch dauerhaft schützen kann. Es ging um die Frage, wie kann man einen, auch verkehrlich sensiblen wie symbolischen Ort für Berlin angemessen schützen vor Überfahrttaten.“ Das treibe weltweit Sicherheitsexperten um. „Die meisten Terror-Toten der vergangenen Jahre sind durch Überfahrttaten zu verzeichnen.“

    Das Szenario jetzt in Straßburg sei ein anderes: „Hier hat der Täter mit einer Waffe auf Menschen das Feuer eröffnet. Solche Taten kann man nicht mit Straßensperren oder durch Poller verhindern.“

    „Berliner Polizei wird jetzt mehr Präsenz zeigen“

    Der Sprecher der Berliner Senatsinnenverwaltung versicherte:

    „Auch auf solche Szenarien – also auf bewaffnete Täter, die das Feuer eröffnen – ist die Berliner Polizei sehr gut vorbereitet. Es gibt für solche Situationen Sicherheitspläne der Polizei. Weitere Details darüber dürfen an dieser Stelle nicht genannt werden. Aber seien Sie sicher, dass die Polizei in Berlin auf den Weihnachtsmärkten sehr gut gerüstet ist für alle Eventualitäten.“

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    Polizei und Sicherheitskräfte in der Hauptstadt seien entsprechend vorbereitet. „Sie werden jetzt nach dem Anschlag mehr Präsenz auf den Berliner Weihnachtsmärkten zeigen.“

    Das denken Budenbetreiber und Weihnachtsmarkt-Besucher

    Sputnik befragte am Mittwochnachmittag Besucher des Weihnachtsmarktes in Berlin-Mitte am Gendarmenmarkt, ob sie sich durch die Polizei geschützt und sicher fühlen.

    „Ich fühle mich schon sicher“, sagte Bettina Reckzeh vor Ort gegenüber Sputnik. „Ich denke natürlich auch nicht drüber nach. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Weil, das würde den Spaß schon nehmen. Aber der Anschlag in Straßburg ist schon sehr traurig.“

    Torsten Hammacher aus Moers meinte: „Ich fühle mich eigentlich sicher, weil ich auch sehr gut beobachte. Diese Anschläge passieren leider. Aber deswegen sich verunsichern lassen? Nein.“ Er fühle sich auf jeden Fall gut geschützt durch Polizei und Sicherheitskräfte auf dem Berliner Weihnachtsmarkt.

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    „Vorher sind wir darauf hingewiesen wurden, ob wir da Sorge hätten“, sagte Susanne Engel. „Aber eigentlich nicht. Wir fühlen uns trotzdem sicher.“ Ihre Freundin Barbara Junghans, die mit ihr auf dem Weihnachtsmarkt war, ergänzte: „Zumindest um diese Zeit. Wenn es nachher dunkel wird, ab 16 Uhr, ist das anders.“

    „Im Grunde fühle ich mich sicher“, erklärte Rebecca Wäldner auf dem Gendarmenmarkt. Weil es „so eine kleine Wahrscheinlichkeit“ sei, selbst Opfer eines Terror-Anschlags zu werden. „Ich fühle mich jetzt auf dem Weihnachtsmarkt hier nicht unsicherer als auf dem Alexanderplatz zum Beispiel“, sagte sie. „Deswegen: Man soll nicht so viel dran denken. Man kann auch vom Auto überfahren werden.“

    Es bringe nichts, sich zuviele Sorgen zu machen, betonte Sonja Winkler, die neben ihr stand. „Man kann jeden Tag an irgendeinem Hirnaneurysma sterben“, meinte sie. „Da denkt keiner darüber nach.“

    Außerdem „sind die Sicherheitskontrollen auch dementsprechend“, machte Matthias Redlitz klar. Dazu ergänzte Rebecca: „Ich habe vorhin den Mitarbeiter der Sicherheitskontrolle (am Eingang des Weihnachtsmarktes, Anm. d. Red.) angemeckert. Weil er nur meine Vordertasche kontrolliert hatte und nicht meine hintere.“

    „Was heißt sicherfühlen?“, erklärte vor Ort ein Budenbetreiber. „Wenn es danach geht, dann könntest Du noch nicht einmal in die Bäckerei oder in die U-Bahn oder irgendwo anders hingehen“, so der Mitarbeiter der „Neuburger Marktbackstube“ aus Bayern. Das Unternehmen betreibt einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt im Herzen von Berlin.

    Straßburg nach Anschlag komplett abgeriegelt

    Am Dienstagabend eröffnete gegen 20 Uhr ein bewaffneter Mann in der Nähe des Weihnachtsmarkts in Straßburg plötzlich das Feuer und zielte mit seiner automatischen Handfeuerwaffe direkt in die Besuchermenge. Die französische Polizei vermutet einen Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund. Sie fahndet derzeit nach dem Täter.

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    Nach aktuellem Erkenntnisstand seien zwei Menschen bei dem Anschlag ums Leben gekommen, berichtet die Nachrichtenagentur DPA. Eine weitere Person sei hirntot, zitierte sie den Pariser Antiterror-Staatsanwalt Rémi Heitz am Mittwochmittag in der elsässischen Metropole. „Zwölf Menschen wurden verletzt, sechs von ihnen sehr schwer.“

    Täter drang in Sicherheitszone auf Weihnachtsmarkt ein

    „Die französischen Behörden sind sich sicher, den Täter zu kennen“, berichtet das „ZDF“. „Es soll sich um einen 29 Jahre alten Mann aus Straßburg handeln, der als potenzieller Gefährder eingestuft wurde.“ Bei dem mutmaßlichen Täter handle es sich um Cherif C. (29). Nach DPA-Informationen soll der Verdächtige ein französischer Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln sein.

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    Wie der Straßburger Bürgermeister Roland Ries sagte, „war der Täter in eine Sicherheitszone um den Weihnachtsmarkt gelangt und hatte von dort aus geschossen“, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. „Das Zentrum wurde daraufhin abgeriegelt, Stadtverwaltung und die Sicherheitsbehörden forderten die Bürger dringend auf, in den Häusern zu bleiben.“ Überwachungskameras auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt hätten den Täter bei der Tat aufgezeichnet.

    Paris lässt alle Weihnachtsmärkte in Frankreich kontrollieren

    Die Regierung in Paris ließ nach dem Anschlag nach Angaben der DPA die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausrufen. Diese Maßnahme umfasse verstärkte Kontrollen an den Grenzen des Landes. Auch Weihnachtsmärkte würden nun stärker kontrolliert. Laut der Nachrichtenagentur AFP durchkämmen aktuell Spezialkommandos der französischen Polizei die Innenstadt von Straßburg.

    Nach der Tat entstand ein Schusswechsel zwischen dem mutmaßlichen Täter und patrouillierenden Polizisten nahe des Straßburger Weihnachtsmarkts. Der Täter konnte fliehen, es wird weiter nach ihm gefahndet. Bei den Schusswechseln mit Sicherheitskräften wurde er vermutlich verwundet.

    Ist verletzter Täter nach Deutschland geflohen?

    Französische Sicherheitsbehörden gehen nach DPA-Informationen davon aus, dass der mutmaßliche Attentäter von Straßburg zusammen mit seinem 34 Jahre alten Bruder Sami C. auf der Flucht ist. Beide gelten demnach als islamistisch radikalisiert. „Unsere Ermittler haben vier Menschen aus dem Umfeld des 29 Jahre alten Tatverdächtigen Chérif C. in Gewahrsam genommen“, sagte der Pariser Antiterror-Staatsanwalt Heitz am Mittwoch in Straßburg.

    Es sei möglich, so das „ZDF“, dass der Tatverdächtige nach Deutschland geflohen sei. „Die Bundespolizei kontrollierte in der Nacht und am Mittwochmorgen mehrere Grenzübergänge.“ Wie ein Sprecher der französischen Polizei laut der „WAZ“ am Mittwoch mitteilte, „ist die Polizei in Kehl, Iffezheim, Breisach und Rheinau im Einsatz.“ Allesamt Orte an der deutsch-französischen Grenze.

    Nach Kenntnis der deutschen Justiz habe der Verdächtige bereits etliche Jahre in deutschen Gefängnissen verbracht, oftmals wegen verübter Einbrüche. „Vom Amtsgericht Singen wurde Chérif C. (im Sommer 2016, Anm. d. Red.) wegen schweren Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe (von zwei Jahren und drei Monaten, Anm. d. Red.) verurteilt und war in Deutschland in Haft“, meldet die „Tagesschau“. „Nach dem Verbüßen der Strafe wurde er im Jahr 2017 nach Frankreich abgeschoben.“ Zuvor hatte C. unter anderem eine Zahnarztpraxis in Mainz sowie eine Apotheke in Engen im Süden Baden-Württembergs überfallen.

    Das Radio-Interview mit Martin Pallgen (Senatsverwaltung) zum Sicherheitskonzept für den Breitscheidplatz zum Nachhören:

    Die Radio-Umfrage bei Berliner Weihnachtsmarkt-Besuchern zum Nachhören:

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    Themen:
    Schießerei in Straßburg (11)
    Tags:
    Weihnachtsmarkt, Terroranschlag, Attentat, Sicherheit, Schießerei, Weihnachtsmarkt, Bundesministerium des Inneren (BMI), Anis Amri, Straßburg, Berlin, Deutschland, Frankreich