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03:11 20 August 2019
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    Karabinieren in Straßburg

    „Fanatisierte Einzeltäter sind Alptraum jedes Ermittlers“ – Rainer Wendt zu Straßburg

    © REUTERS / Vincent Kessler
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    Ilona Pfeffer
    Schießerei in Straßburg (11)
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    Während die Suche nach dem mutmaßlichen Täter von Straßburg andauert, kommen immer mehr Informationen über den Verdächtigen ans Licht. Offenbar wird der Mann sowohl in Frankreich als auch in Deutschland als Gefährder eingestuft. Hätte der Anschlag vor diesem Hintergrund nicht verhindert werden können? Nein, sagt DPolG-Vorsitzender Rainer Wendt.

    Drei Tote, 13 Verletzte, sechs davon noch in Lebensgefahr – das ist die vorläufige Bilanz am Tag nach dem Anschlag von Straßburg. Nach dem flüchtigen Täter fahnden rund 700 Beamte, in Frankreich gilt die höchste Terrorwarnstufe. 

    Der Verdächtige: Chérif C., 29 Jahre alt, gebürtiger Straßburger mit nordafrikanischen Wurzeln. Wegen Einbruchs- und Gewaltdelikten ist der Mann schon 27 Mal verurteilt worden und hat mehrere Haftstrafen abgesessen, auch in Deutschland. Die Behörden haben ihn als Gefährder eingestuft und beobachtet. Und trotzdem konnte er bewaffnet in die Sicherheitszone des Straßburger Weihnachtsmarktes eindringen und das Feuer auf die Besucher eröffnen. Unwillkürlich fühlt man sich an den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin erinnert und stellt sich die Frage: Warum konnte die Tat nicht verhindert werden?

    „Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Sie wissen, dass dieser Gefährder im Visier der französischen Behörden war. Aber wir können auch in Deutschland nicht jeden Gefährder lückenlos überwachen oder in seinen Kopf hineinschauen, wann er eine Tat plant. Diese fanatisierten Einzeltäter sind der Alptraum jedes Ermittlers, weil sie eben unberechenbar sind“, kommentiert Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG).

    Nach den Erfahrungen der letzten Jahre sei man in Deutschland und Europa auf solche Fälle eingestellt und gut vorbereitet und habe in guter Zusammenarbeit wirksame Konzepte entwickelt.

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    „Die Engmaschigkeit einer Kontrolle richtet sich danach, welche Erkenntnisse und Erfahrungen die Beamten mit diesem Menschen haben. Das heißt, zu jedem einzelnen dieser sogenannten Gefährder findet eine Fallkonferenz statt – da werden alle Erkenntnisse zusammengetragen.“

    Es seien Profis, die diese Arbeit machen, doch auch diese seien keine Hellseher. Und es sei die traurige Wahrheit, dass man auch in Zukunft mit terroristischen Anschlägen werde rechnen müssen. 

    Zunächst hielten sich offizielle Stellen damit zurück, Aussagen darüber zu treffen, ob bei dem Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt ein islamistischer Hintergrund besteht. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag sprach der zuständige Staatsanwalt jedoch davon, dass der Täter laut Zeugenaussagen „Allahu akbar“ gerufen haben soll. Die Pariser Antiterrorabteilung hat die Ermittlungen übernommen.

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    Durch die Proteste der Gelbwesten war die Stimmung in Frankreich zuletzt ohnehin aufgeheizt, einen Zusammenhang mit der Tat von Straßburg schließt Wendt jedoch aus.

    „Ein Zusammenhang besteht ganz sicher nicht – den müsste man sehr, sehr spekulativ herbeiführen. Aber es ist schon so, dass Terroristen weltweit in einem Wettbewerb der Aufmerksamkeit, in einem Wettbewerb des Schreckens sind. In den letzten Tagen und Wochen liegt die Aufmerksamkeit in Frankreich bei diesen Protesten, die teilweise sehr gewalttätig verlaufen sind. Wenn sich also jemand dazu entschließt, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dann sind Frankreich und ein Weihnachtsmarkt natürlich das geeignete Angriffsziel. Aber noch einmal: Man wird es nicht verhindern können. Der entschlossene Einzeltäter, der vorher keine Spuren hinterlässt, im Netz keine Informationen preisgibt, der keine Dinge kaufen muss und alles schon hat – den aufzuhalten, ist ausgesprochen schwierig, es ist fast unmöglich.“

    Das komplette Interview mit Rainer Wendt zum Nachhören:

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    Tags:
    Ermittlung, Attentäter, Schießerei, Frankreich