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    Der Kosmodrom Baikonur in Kasachstan

    ESA-Chef Wörner: Auf der ISS gibt es kein Visum - ein schönes Beispiel für die Erde

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    Natalia Pawlowa
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    Die Internationale Raumstation ISS ist ein Beweis, dass man auch in politisch schwierigen Zeiten gut kooperieren kann. Dies erklärte der Chef der Europäischen Weltraum-Agentur ESA, Johann-Dietrich Wörner, im Exklusivinterview mit Sputnik. Er sprach über die Mars- und Mond-Programme sowie darüber, wie lange die ISS noch im Orbit funktionieren werde.

    Sputnik: Herr Wörner, das Jahr 2018 nähert sich seinem Ende zu. Die Internationale Raumstation ist 20 Jahre alt geworden. Wie bewerten Sie die internationale Zusammenarbeit auf der ISS in den vergangenen Jahren?

    Wörner: Die ESA ist einer der Partner der Internationalen Raumstation. Außerdem sind dort Russland, die Amerikaner, die Japaner und die Kanadier. Die ISS ist ein Beweis dafür, dass man auch in politisch schwierigen Zeiten gut kooperieren kann. Wir haben gesehen, dass einige Probleme, die es an der Internationalen Rumstation gab – ich erwähne den Sojus-Start, der abgebrochen werden musste,  ich erwähne die merkwürdige Situation, dass in einem Sojus-Modul ein Loch gefunden wurde – das alles hat aber die Zusammenarbeit zwischen den Partnern in keinster Weise beeinträchtig. Wir haben die 20 Jahre der Internationalen Raumstation in Moskau gemeinsam gefeiert. Und wir von der ESA sind sehr froh, dass wir diese gemeinsame Zusammenarbeit über nationale Grenzen, über Kontinente hinweg haben.

    Sputnik: Sie haben den jüngsten Fehlschlag am 11. Oktober erwähnt. Wie schätzen Sie die Sicherheitssysteme der Sojus-Rakete ein?

    Wörner: Wir hatten ein Problem, dass der Start fehlgeschlagen ist, aber ganz wichtig ist, dass das Sicherheitssystem der Sojus für alle möglichen Eventualitäten während eines Startes Lösungen hat. Entweder, wenn es noch dicht am Boden ist, indem der obere Teil mit der Kapsel nicht nur abgesprengt wird, sondern auch durch entsprechende Raketentriebwerke weggezogen wird. Oder, wie in diesem Fall, dass einfach der obere Teil, d.h. die Sojus-Kapsel selber, dann die Kugel, die als Aufenthaltsstation dient, und auch der Service-Teil, der untere Teil – alle drei Teile wurden abgesprengt, und damit konnten die beiden, der Kosmonaut und der Astronaut, sicher wieder auf der Erde landen. Das zeigt also, und das ist ganz wichtig, dass solche Systeme auch für den Fall einer Fehlfunktion eine Reserve haben. Und insofern haben wir volles Vertrauen in die Sojus auch weiterhin.

    Sputnik: Russische Sojus-Raketen bringen seit vielen Jahren zuverlässig Menschen und Fracht ins All. Am 3. Dezember hat die Sojus MS-11 eine neue internationale Besatzung zur ISS gebracht. Der Start vom Raumbahnhof Baikonur in Kasachstan war erfolgreich. Auch der jüngste Fehlschlag am 11. Oktober lag nicht an der Technik. Wie lange werden die Sojus-Raketen noch starten können?

    Wörner: Das ist eine Frage, die innenpolitisch entschieden werden muss. Die Sojus-Rakete ist eine sehr erfolgreiche Rakete. Aber ob und wann sie ersetzt wird durch einen Nachfolger, das ist eine Entscheidung Russlands. Die Rakete ist nicht mehr dieselbe, wie die, die in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts geflogen ist, sondern sie ist vielfach verbessert worden. Und insofern ist es auch ein System, was immer noch modern ist, aber ich höre, dass man auch in Russland eine weitere Entwicklung plant. Und das ist sicherlich auch vernünftig.

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    Sputnik: Die Projekte der Europäischen Weltraum Agentur ESA und der russischen Weltraum Agentur Roskosmos rufen ein großes Interesse hervor. Es geht um das ExoMars- und Mond-Programm. In wieweit sind sie erfolgreich?

    Wörner: Wir haben mit Roskosmos seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit. Das betrifft nicht nur die Internationale Raumstation, sondern wir denken auch daran, zusammen ein Landegerät für den Mond zu bauen: Luna-27 und Luna-29. Wir überlegen gemeinsam, zum Mond zu fliegen – robotisch.   Wir haben mit Roskosmos, einem der  zuverlässigsten Partner, über viele Jahre hinweg erfolgreich arbeiten können. Wir haben jetzt auch ein Projekt  ExoMars, mit dem wir bereits 2016 zum Mars geflogen sind und den Mars seitdem umrunden. Für das Jahr 2020 planen wir den zweiten Teil der Mission, bei dem ein Landegerät auf dem Mars abgesetzt werden soll und auch ein Rover den Mars erkunden soll und dabei ganz gezielt nach Leben suchen soll. Also, er soll tief in die Marsoberfläche bohren, um ganz gezielt nach so etwas wie Leben zu schauen. Auch da ist die Zusammenarbeit  sehr vielversprechend. Ich hatte die Gelegenheit, anlässlich der 20-Jahr-Feier für die ISS die Firmen zu besuchen und zu sehen, wie bei „Lawotschkin“ (Raumfahrtunternehmen in Chimki bei Moskau) an diesem Modul für ExoMars gearbeitet wird. Wir sind damit sehr zufrieden und freuen uns über diese enge Zusammenarbeit.

    Sputnik: ExoMars beschäftigt sich mit der Entstehung von außerirdischem Leben. Wie sind heute die Chancen, Leben auf dem Mars zu finden? Bei der Mission geht es um die Suche nach Leben, und zwar nach Methan. Wie weit sind die Wissenschaftler?

    Wörner: Es ist eine große Frage. Es wurde gerade jetzt festgestellt, dass auch in der Erde, tief im Erdinneren, noch kleine Lebewesen vorhanden sind. Das bringt uns noch weiter in unseren Überlegungen, es lohnt noch, auf dem Mars dann nachzuschauen. Auf der Mars-Oberfläche gibt es sicherlich kein Leben mehr, aber vielleicht im Inneren aus den früheren Zeiten? Das ist eine sehr spannende Mission. Wir wissen, dass gerade jetzt auch die Amerikaner eine Mars-Mission haben, und das Schöne ist, dass diese Missionen mittlerweile nicht mehr wie in den 60-er Jahren des 19. Jh. im Wettlauf im All ausgeführt werden, sondern man ergänzt sich. Das, was die Amerikaner jetzt untersuchen, das untersuchen wir nicht und umgekehrt. Insofern ist diese Zusammenarbeit auf internationaler Ebene für die Forschung, für die Raumfahrt sehr positiv zu bewerten. 

    Sputnik: Bei einer Pressekonferenz sagte Roskosmos-Chef Rogosin, dass eine künftige Mond-Mission eine Frau leiten könnte. Sind Sie damit einverstanden?

    Wörner: Ich werde häufig gefragt im Sinne der Nationalität. Im Sinne der Gleichberechtigung und von Diversität freue ich mich, wenn es eine Frau oder ein Mann ist, wenn es ein russischer Kosmonaut ist oder ein europäischer Astronaut oder ein Amerikaner. Wir sollten an der Stelle nicht mehr den Wettbewerb von Geschlechtern und Ländern machen, sondern einfach die Menschheit sehen. Natürlich wäre es auch sehr schön, wenn eine Frau dann auf dem Mond wäre.

    Sputnik: Kann die internationale Zusammenarbeit im Weltraum als Vorbild für die internationale Zusammenarbeit auf der Erde dienen?

    Wörner: Ich glaube, diese Frage muss man auf jeden Fall mit ja beantworten. Wir fliegen ja über nationale Grenzen hinweg in der Raumfahrt und wir verhalten uns auch so, das heißt, wir arbeiten zusammen. Man braucht kein Visum, wenn man in der Internationalen Raumstation vom amerikanischen zum russischen Teil oder wieder zurückgehen will, man braucht keinen Reisepass vorzuzeigen, wenn man auch in das europäische Modul geht oder in das japanische. Das ist ein sehr schönes Symbol für die Zusammenarbeit im Weltall und ein Vorbild für die Zusammenarbeit auf der Erde.

    Sputnik: An welchen Projekten werden ESA und Roskosmos im Jahr 2019 arbeiten?

    Wörner: Wir werden weiter gemeinsam darüber diskutieren, wie wir die Mondexploration voranbringen können. Das gilt nicht nur zwischen Roskosmos und ESA, sondern da sind wir auch mit anderen Raumfahrtagenturen im Gespräch – mit den Amerikaner und Japaner. Wir, die Chefs dieser Agenturen, treffen uns ziemlich regelmäßig, wir überlegen gemeinsam und diskutieren darüber, wie und was wir machen können, und jede Agentur soll einen Beitrag leisten. Aber auch die Industrie ist in vielen Bereichen eigenständig tätig. Das erfreut mich immer, wenn es uns gelingt, Dinge nach vorne bringen zu können. Deshalb kann man nicht konkret sagen, was das Jahr 2019 bringen wird – die Minister entscheiden zukünftige Gelderfragen. Aber ansonsten arbeiten wir zusammen und planen Aktivitäten für die Zukunft.

    Sputnik: Herr Wörner, was glauben Sie, wie lange noch wird die Internationale Orbitalstation im All funktionieren. Kann sie als Plattform für weitere Flüge zu anderen Planeten dienen?

    Wörner: Meine Information ist die, dass aus technischen Gründen eine längere Möglichkeit der Nutzung gegeben ist. Wir werden sehen, wie wir damit in Zukunft umgehen. Ich glaube schon, dass es Sinn macht, die Internationale Raumstation über 2020–2024 hinaus zu nutzen. Ob die Raumstation auch eine Basis für Flüge weiter ins All ist, das glaube ich eher nicht. Da müssen wir an neue Modelle denken.

     

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    Kosmonaut, Astronauten, Raumschiff, Rakete, Sojus, Europäische Raumfahrtbehörde (ESA), Roskosmos, Johann-Dietrich Wörner, Internationale Weltraumstation ISS, Weltraum