18:53 20 April 2019
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    Soldat der nordkoreanischen Ehrenwache in Pjöngjang (Archivbild)

    Honeckers Nordkorea-Dolmetscherin: In unseren Medien noch immer das „Reich des Bösen“

    © Sputnik / Walerij Scharifulin/ TASS/ Pool
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    Armin Siebert
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    Bis zum Ende der DDR war Helga Picht die wichtigste Dolmetscherin bei Treffen mit dem sozialistischen Bruderstaat Nordkorea. Nun hat die 84-jährige bei Berlin wohnende Koreanistik-Professorin nach 30 Jahren erstmals wieder Pjöngjang besucht und Sputnik exklusiv ihre Eindrücke geschildert.

    Frau Picht, in unserem Interview im Sommer sagten Sie,  dass Sie seit dreißig Jahren nicht mehr in Nordkorea waren. Jetzt haben Sie das Land doch noch einmal besucht. Wie kam es dazu?

    Ich hatte mich zu dieser Reise entschlossen, weil ich finde, dass gegenwärtig in Korea Dinge vor sich gehen zwischen den beiden Staaten, die es so noch nie gab. Das hat mich interessiert und ich wollte es mit eigenen Augen sehen.

    Als sich nun die Möglichkeit zu so einer Reise bot, bin ich gleich zu meinem Arzt und hab ihn erst einmal gefragt, ob er das für verrückt hält oder nicht. Aber nein, er hat mir zugeraten.

    Organisiert wurde die Reise von Bodo Quart, der seit ein paar Jahren touristische Reisen nach Nordkorea anbietet. Und ich muss sagen, sie haben sich hervorragend um mich gekümmert auf der Reise. Ich war ja nun die Älteste. Es war großartig. Für mich war es ein sehr großes emotionales Erlebnis.

    Wie war Ihr Eindruck? Wie geht es den Menschen jetzt dort?

    Als ich das erste Mal 1955 in Nordkorea war, kam ich ja in ein absolut zerstörtes Land mit halbverhungerten Menschen. Und auch von der Mentalität, zum Beispiel auch was die Gleichberechtigung der Frau betrifft, war Korea bis in die 1970er Jahre, als ich dort eine Zeitlang lebte, im Vergleich zu uns Mittelalter. Heute ist Pjöngjang eine moderne quirlige Großstadt. Und das haben wir auch in den anderen großen Industriestädten, wie Chongjin, Hamhung und Wonsan erlebt. Ich erlebte ein aufblühendes Land. Wobei ich, ehrlich gesagt, Wolkenkratzer nicht besonders schön finde. Das hat mir auch schon in Seoul, in Südkorea, nicht besonders gefallen.

    Was hat Sie besonders beeindruckt auf der Reise?

    Wir sind ja durch ganz Nordkorea gefahren und alles war beeindruckend. Es ging uns blendend. Wir wurden fantastisch versorgt und in großen Hotels untergebracht. Besonders berührt hat mich die friedliche Stimmung in Pjöngjang – ganz im Gegensatz zu dem, was uns hier im Westen erzählt wird, dass Nordkorea den Weltfrieden bedroht. 

    Und was hat Ihnen nicht gefallen?

    Das Reiseprogramm war so voll gepackt, dass ich keine Zeit hatte, mal ein paar Schritte allein zu gehen. Ich hab das auch kritisiert und gesagt, wenn Sie wollen, dass man ihr Land kennenlernt, dann muss man auch mal ein bisschen Luft haben. Wir hatten auch einen seltsamen Reiseleiter, der offenbar Angst hatte, dass ich, da ich Koreanisch spreche, irgendwas Falsches machen könnte, dass ich zu sehr mit den Leuten ins Gespräch kommen könnte. Das hat mir gar nicht gefallen.

    Was war für Sie der Höhepunkt der Reise?

    Das war ganz am Ende in Pjöngjang die Besichtigung der Militärparade  – bemerkenswert: ohne Atomraketen!  Und die Teilnahme am Abschluss der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der KDVR im riesigen Stadion auf der Insel Nyngrado mit seinen 100.000 Zuschauerplätzen. Überraschend und  höchst bemerkenswert war dort das Abschlussbild unter der Riesenüberschrift: „Souveränität – Frieden – Freundschaft“ und der Schlussteil mit der eindrucksvollen Darstellung der Szene in Panmunjom, als die beiden höchsten Repräsentanten Nord- und Südkoreas, Kim Jong-un und Moon Jae-in, Arm in Arm den 38. Breitengrad überschritten. Das riss alle Teilnehmer der Schau von den Plätzen und endete mit einem Riesenbeifall. Für mich nunmehr 84jährige war das eine Reise nicht nur in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft eines hoffentlich dauerhaft friedlichen einheitlichen Koreas. Und im kommenden Frühjahr plane ich nun zusammen mit meiner Enkelin auch noch einmal nach Südkorea zu reisen.

    Wie schätzen Sie die Entwicklung im Laufe dieses für Korea denkwürdigen Jahres 2018 ein?

    Ende 2017 hatte ich große Sorgen wegen der Entwicklungen in Nordkorea. Damals hatte Präsident Trump ja gedroht, Nordkorea mit Stumpf und Stiel zu zerstören. Und Nordkorea seinerseits war dabei, Atombomben zu produzieren. Und dann kam es ja zur Neujahrsansprache des nordkoreanischen Staatsoberhauptes am 1. Januar 2018 und damit wurde eine neue Zeit eingeläutet. Übrigens wird Kim Jong-un im Westen ja immer als „Machthaber“ bezeichnet – das ist eine Diskriminierung. Jedenfalls lese ich seit über fünfzig Jahren die Neujahrsreden der nordkoreanischen Staatsoberhäupter. Und diesmal sagte Kim Jong-un: „Nordkorea wird die vorhandenen Atomwaffen nur einsetzen, wenn es angegriffen wird.“ Und dieser Satz wurde nirgendwo im Westen in den Medien zitiert. Ich glaube schon, dass Kim Jong-un in die Fußstapfen seines Großvaters treten will, dessen größtes Ziel ja auch schon die Wiedervereinigung war. Und ich bin schon gespannt auf seine Neujahrsrede in diesem Jahr. Trump hat ja außerdem auch signalisiert, dass er bereit wäre, sich im Januar erneut mit Kim Jong-un zu treffen.

    Ist denn nun wirklich das Eis gebrochen zwischen Süd- und Nordkorea? Haben wir Tauwetter?

    Offensichtlich will man nicht, dass das hier so ankommt, denn es wird ja nicht mehr viel von Erfolgen berichtet. Aber ich denke, dass es wirklich eine unumkehrbare Annäherung gibt. Das habe ich auch selbst in Berlin erlebt auf einer Veranstaltung mit beiden koreanischen Botschaftern, was es so noch nie gab. Ich war tief berührt, wie die beiden aufeinander zu- und miteinander umgingen. Wenn man überlegt, dass die beiden Länder vor noch nicht allzu langer Zeit aufeinander geschossen haben! Aber dieses Treffen hat trotzdem keine deutsche Zeitung erwähnt. Spektakulär verkaufte dann das deutsche Fernsehen die Begegnungen des amerikanischen Präsidenten mit dem Vorsitzenden  Kim Jong-un  in Singapur und zeigte sogar Aufnahmen, wie einige Wochen später die beiden koreanischen  höchsten Vertreter sich in Panmunjom umarmtem und zusammen den 38. Breitengrad überschritten. Aber an der Darstellung Nordkoreas als „Reich des Bösen“ hat das in unseren Medien trotzdem noch nichts geändert.

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    Tags:
    Interview, Erinnerungen, Dolmetscher, Feindbild, Kritik, Medienberichte, Kim Jong-un, Helga Picht, Erich Honecker, DDR, Deutschland, Nordkorea