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11:28 22 Oktober 2019
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    Anti-Terror-Sperre auf dem Breitscheidplatz in Berlin

    Der gehasste Held: Wie „stumme Polizisten“ Weihnachten retten

    © REUTERS / Fabrizio Bensch
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    Vor zwei Jahren ermordete ein Terrorist auf dem Berliner Breitscheidplatz zwölf Menschen und verletzte 60. Als Reaktion darauf wurde verstärkt über den Einsatz von Pollern diskutiert, um die Weihnachtsmärkte vor derartigen Angriffen zu schützen. Neu sei das nicht, sagt der Autor Helmut Höge: Schon seit 1995 werde verstärkt an Poller geforscht.

    Zwei Jahre nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz ist das Sicherheitskonzept des Weihnachtsmarktes dazu ausgelegt, Fahrzeuge am gewaltvollen Hineinfahren in den Weihnachtsmarkt zu hindern, wie der Pressesprecher der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Martin Pallgen, gegenüber Sputnik erklärt.

    Kurze Geschichte des Pollers

    Auch Poller, zum Schutz vor Tätern mit Lkw und Pkw, gehören zu diesem Konzept. Womit der früher als „Straßenbegrenzungspfahl“ bezeichnete Poller in der öffentlichen Wahrnehmung eine beachtliche Karriere hinter sich hat.

    Helmut Höge ist Autor des Buches „Pollerforschung“, das im Oktober im Adocs Verlag erschienen ist – vielleicht das einzige Standardwerk zu Pollern. Im Sputnik-Interview berichtet er über die Geschichte der Straßenbegrenzungspfähle:

    „Die ersten Poller gab es am Meer, zum Antauen von Schiffen. Daher kommt auch der Name: aus dem englischen ‚Bollard‘. Das waren früher oft ausrangierte Kanonen, die man eingebuddelt hat. In der Stadt sollte man dann vor durchgehenden Kutschpferden Schutz hinter Pollern finden. Dann gab es diese ganz einfachen Poller aus Beton, Stahl, Eisen oder Guss. Dann kamen schon sehr bald die elektronisch versenkbaren Poller.“

    Der Poller als „stummer Polizist“

    Poller werden also am Rande des Bürgersteigs platziert sowie eingegraben und sollen die Autos vom Parken auf dem Bürgersteig abhalten. Denn das Falschparken nahm so viel Überhand, dass die Polizisten nicht nachkamen. Daher habe man diese Aufgabe an die „stummen Polizisten“ delegiert. Höge sagt dazu:  „Man hat die Kommunikation und die Regelung an die Technik delegiert. Letztendlich auch die Moral an die Technik delegiert. Besonders sieht man das bei den ‚liegenden Polizisten‘, also den ‚Speed Breakern‘: Da hat man erst mit Schildern an ‚30 Stundenkilometer‘ oder andere Geschwindigkeitsbegrenzungen appelliert, aber die Autofahrer haben sich daran nicht gehalten. Also hat man diese ‚Speed Breaker‘ quer über die Fahrbahn gebaut und hat so bei dem Problem nicht an die Moral appelliert, sondern hat das an die Technik delegiert.“ 

    • Gelbe Poller
      Gelbe Poller
      © Foto : Helmut Höge
    • Hundeabstellpoller
      Hundeabstellpoller
      © Foto : Helmut Höge
    • Poller
      Poller
      © Foto : Helmut Höge
    • Gestreifte Poller
      Gestreifte Poller
      © Foto : Helmut Höge
    • Poller in Spanien
      Poller in Spanien
      © Foto : Helmut Höge
    • Poller
      Poller
      © Foto : Helmut Höge
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    © Foto : Helmut Höge
    Gelbe Poller

    Weiterentwicklung als Terrorschutz

    Neu sei auch die Diskussion um Poller, welche Massenveranstaltungen schützen sollen, nicht. Seitdem im Jahr 1995 der sogenannte „Oklahoma Bomber“ einen Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City verübt hat, würden jede Menge Firmen daran arbeiten, immer neue Sicherheitsvorkehrungen zu erfinden. Zum Beispiel die Anti-Terror-Poller. Sie sehen aus wie große Legosteine aus Beton, werden teilweise mit Wasser gefüllt und sind damit  leichter transportierbar. Allerdings stehen sie in der Kritik. Denn laut Höge monieren Experten: „Wenn da ein schwerer Lastwagen gegenfährt, schiebt der die Poller weiter.“

    Besser würden die Tests bei elektronisch versenkbaren Pollern verlaufen, die es schon seit über zwanzig Jahren gebe, erzählt der Autor:

    „Da gibt es Tests, wenn da ein Lastwagen gegen einen Poller fährt, der fällt völlig auseinander und der Poller hat nicht mal einen Kratzer. Solche Poller sind natürlich teuer, mindestens 10.000 Euro pro Poller und die mobilen haben den Vorteil, dass man die nach dem Weihnachtsmarkt wieder wegräumen kann.“

    Der Hausmeisterpoller

    Fasziniert haben Höge, der sich schon seit Mitte der Achtziger Jahre mit dem Thema Poller befasst, anfangs vor allem Unikate:

    „Hausmeisterpoller, oder Poller aus der Technikabteilung der DDR, die aus Schrott gebastelt wurden. Um den Lieferverkehr zu bändigen, oder Höfe abzusperren. Manchmal gibt es dann ganz komplizierte Konstruktionen, wo jemand immer wieder etwas verbessert hat. Das hat mich fasziniert, weil es eigentlich auch so verrückt ist.“

    Später sei ihm dann bei genauerem Hinsehen aufgefallen, dass an jedem Poller etwas wachse. Staub und Samen würden an den Pfahl geweht, der Samen gehe auf. Er könne gerade am Poller besonders gut bis zur Blüte wachsen und reifen, weil da niemand drauf trete. „Heute habe ich einen Poller gesehen, der von einem Busch komplett umringt wurde.“

    Unbeliebte Poller

    Ein Poller bietet also nicht nur Weihnachtsmarktgehern, sondern auch der Natur Schutz. Trotzdem werden sie immer wieder herausgerissen, denn: „Die sind nicht sehr beliebt, die Poller, bei niemandem eigentlich, am wenigsten bei den Autofahrern.“

    Das Buch „Pollerforschung“ von Helmut Höge erschien im Oktober im Adocs Verlag. Neben ausführlichen Texten zum Thema bietet es auch eine interessante und ausführliche Fotosammlung der verschiedensten Poller.

    Das komplette Interview mit Helmut Höge zum Nachhören:

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    Tags:
    Weihnachtsmarkt, Terror, Schutz, Anschlag, Sicherheit, Helmut Höge