12:08 23 Januar 2019
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    Illustration des ersten sowjetischen Sputniks

    „Sozialismus ins All tragen“ – Sowjets schießen vor 60 Jahren erste Sonde zum Mond

    CC BY-SA 3.0 / Gregory R Todd, rotated by Artem Korzhimanov / Wikimedia Commons
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    Bolle Selke
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    Von der Sowjetunion gestartet, sollte Lunik 1 eigentlich vor 60 Jahren auf dem Mond aufschlagen, verfehlte aber ihr Ziel und wurde so zur ersten „Vorbeiflugsonde“. Der damalige Wettlauf ins All hat die Kontrahenten USA und UdSSR auch zu wissenschaftlichen Höchstleistungen animiert.

    Am 04. Januar 1959 um 02:59 Uhr verfehlte Lunik 1, auch Kosmische Rakete genannt, die Oberfläche des Mondes auf Grund einer zu hohen Geschwindigkeit um knapp 6000 Kilometer. Die erste Raumsonde überhaupt schickte aber, wie geplant, zahlreiche Informationen zur Erde. Die sehr ähnliche Nachfolgesonde Lunik 2 erreichte die Oberfläche des Mondes noch im selben Jahr. Nachdem die Sowjets schon 1957 den ersten Satelliten Sputnik ins All geschossen hatten, zeigten die Lunik-Sonden einmal mehr, um wie viel mehr man dem Kalten Krieg-Kontrahenten aus dem Westen USA beim „Space Race“, also dem Wettlauf ins All voraus war.

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    Jenseits der Erde, weit ins All

    Der Wettlauf ins All zwischen den beiden Großmächten Sowjetunion und den Vereinigten Staaten begann Mitte 1955. Beide Gegenspieler hatten große Visionen, wie Sven Grampp, Autor von „Picture Space Race“ im Sputnik-Interview sagt. Zur Zeit des Kalten Krieges wollte man durch die Vorherrschaft im All eine Vorherrschaft auf der Erde erreichen. Auch ging es relativ früh um die Besiedlung des Alls, wie der Medienforscher Grampp berichtet:

    „Das war damals tatsächlich eine große Zukunftsvision, auch bei den Raumfahrtbehörden.  Auf sozialistischer Seite ging es nicht nur darum, die sozialistische Weltrevolution auszurufen, sondern eigentlich die sozialistische Weltallrevolution. Der Sozialismus muss tatsächlich in das Weltall getragen werden.“

    Lunik 1
    © Sputnik / Alexander Mokletsow
    Lunik 1

    Durch den Weltraum zur Unsterblichkeit

    Für die sowjetische oder auch russische Tradition sei es sehr stark auch um „Naturbeherrschung“ gegangen. So wollte man eine Unabhängigkeit von den Naturgesetzen erreichen, hin bis zur Unsterblichkeit. Einer der großen Wegbereiter der Weltraummission, der Russe Konstantin Ziolkowski, habe nicht nur technische Sachen geschrieben, so Grampp, sondern „war so visionär und hat sich überlegt, dass diese Ausweitung ins All so weit gehen könnte, dass die Naturgesetze für den Menschen aufgehoben werden könnten und so auch Tote ins Leben zurück kommen könnten. Eine fast schon religiös aufgeladene Zukunftsvision.“

    Die Vorstellung vom kybernetischen Menschen war in den fünfziger Jahren im Westen ebenso wie im Osten sehr stark gewesen. So hatte man damals schon gehofft, durch die Schaffung von Cyborgs die technische Anpassung des Menschen an die Umweltbedingungen des Weltraums zu erreichen.

    Lunik 2
    © Sputnik / Alexander Mokletsow
    Lunik 2

    Der Sputnikschock

    Sehr spektakulär wurde in den Medien der erste künstliche Satellit im Erdorbit Sputnik wahrgenommen, erzählt Grampp:

    „1957 passierte etwas, von dem man im Westen geglaubt hatte, es werden auf jeden Fall die USA tun, nämlich den ersten künstlichen Satelliten in den Erdorbit bringen. Das haben dann die Konkurrenten – die vermeintlich technisch unkundigen Sowjets – gemacht. Daraus hat sich ja relativ viel entwickelt. Eine Beschleunigung der technologischen Entwicklung. Sogar eine Veränderung des Erziehungs- und Schulsystems in den USA hat sich dadurch ergeben.“

    Aber auch die Sonden Lunik 1, 2 und 3 seien damals gar nicht so unpopulär gewesen, so Grampp. In den Nationen des Warschauer Paktes hätten die Missionen einen relativ großen Publikationsausstoß mit sich gebracht. In vielen populärwissenschaftlichen Zeitschriften, auch im Staatsorgan Prawda, gab es relativ ausführliche Berichte über die Faszination des Mondes.

    In Interviews mit damaligen Kosmonauten und Astronauten, wurde erzählt, dass man Kontakt untereinander hatte und mehr oder minder ironisch miteinander kommuniziert und gesagt habe: „Hey wir brauchen endlich wieder Geld für unser neues Forschungsprojekt, startet doch mal irgendwie eine Rakete, damit wir wieder Mittel von unserer Seite bekommen.“

    Dominanz der Sowjets im US-Live TV

    Im September 1959, ein paar Tage nachdem Lunik 2 auf dem Mond gelandet war, war der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow auf seiner ersten Reise in die USA. In den USA wurde flächendeckend darüber berichtet. Grampp erzählt:

    „Chruschtschow hatte ein Modell von der zweiten Lunik-Sonde mitgebracht und sie dem US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower vor laufender Kamera übergeben. Dabei erzählte er, wie die Lunik 2 auf dem Mond gelandet ist und dort ein paar sowjetische Fahnen ausgespuckt hat. So hat er live im US-amerikanischen Fernsehen die Dominanz der Sowjetunion gezeigt.“

    Die sowjetische Mondforschung wurde bald darauf mit Lunik 3 weitergeführt, welche dann spektakuläre erste Bilder von der Rückseite des Mondes lieferte. Fast 60 Jahre bevor die Chinesen mit ihrer Sonde „Chang'e 4“ auf der Mondrückseite gelandet sind.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Warum „Laika“ vor 60 Jahren ins All flog – Goldfische und andere Tiere folgten<<<

    Die Freude des US-Präsidenten über Sputnik

    Eine weniger bekannte Geschichte erzählt Grampp über die Reaktion Eisenhowers auf den Sputnik. Der US-Präsident habe sich über den sowjetischen Erdtrabanten gefreut:

    „Lange Zeit schon hat Eisenhower sich die Frage gestellt, wie wohl die Sowjetunion reagieren würde, wenn über ihren Köpfen ein (Spionage-)Satellit schweben würde. Würden die Sowjets das als Eingriff in ihre Hoheitszone verstehen? Aber nun, so Eisenhower, hat die UdSSR selber die Antwort mit dem Sputnik gegeben.“

    Der Satellit, der auch über die USA geflogen ist, hat dementsprechend eine Art von „Open Space Weltraum Policy“ implizit eingeführt. „Nun könnten auch die USA mit ihren Satelliten, wenn sie denn irgendwann welche haben sollten, über die UdSSR fliegen, ohne militärische Reaktionen zu fürchten.“

    Lunik 3
    © Sputnik / Alexander Mokletsow
    Lunik 3

    Chinesische Fortsetzung des Kalten Krieges

    Nach der Landung der chinesischen Sonde „Chang'e 4“ auf der Mondrückseite hat nun auch der Mondrover „Jadehase 2“ seine Arbeit aufgenommen.

    Dabei gehe es vor allem darum, eine Machtdemonstration zu zeigen, so Grampp. Die Chinesen würden nun nicht nur zeigen, dass sie auf dem Mond mit einer Sonde ankommen könnten und dass sie dort eine neue Art von chinesischem Lunochod platzieren könnten, sondern all das auch noch auf der dunklen Seite des Mondes. „Was ja relativ schwierig mit der Kommunikation und der Steuerung ist“, so der Medienforscher. „Da würde ich wirklich mal ganz kühn behaupten, dass es eigentlich eine Fortsetzung des Kalten Krieges ist. Solche Machtdemonstrationen waren im Kalten Krieg eigentlich Gang und Gäbe.“

    Das komplette Interview mit Dr. Sven Grampp zum Nachhören:

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    Tags:
    Raumapparate, Sonde, Dwight D. Eisenhower, Nikita Chruschtschow, Weltraum, UdSSR, USA