00:12 21 November 2019
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    Claas Relotius bei Reporterpreis-Verleihungszeremonie (Archivbild)

    „Erstmal schäm ich mich ein bisschen“ – Reporterpreis-Jury zu Relotius-Fall

    © AP Photo / Ursula Dueren / dpa
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    In einer Stellungnahme spricht die Jury, die Claas Relotius für seine erfundene Reportage einen Preis verlieh, über ihre Beweggründe, späte Einsichten und mögliche Konsequenzen.

    “Ein Kinderspiel” ist es offenbar für den Spiegel-Autor Claas Relotius gewesen, Ende 2018 mit einer gefälschten Geschichte seinen insgesamt vierten Reporterpreis zu gewinnen. Seit die Täuschung aufgeflogen ist, ist viel Kritik geübt worden – nicht nur an dem Autor, sondern auch an der Jury, die den Text über einen syrischen Jungen, der mit einem Graffito den Krieg mitausgelöst haben soll, mit dem Preis bedachte. Nun meldet sich die Jury, bestehend aus zehn Journalisten und Journalistinnen und einem TV-Produzenten, mit einer ausführlichen Stellungnahme zu Wort.

    „Großteil der Jury von der stilistischen Brillanz des Autors beeindruckt“

    Die Geschichte des syrischen Jungen war nicht neu, andere Medien hatten schon davon berichtet. In „Ein Kinderspiel“ legte Relotius sie nur neu auf, unter Berufung auf – frei erfundene – Chatprotokolle. Warum also wurde eben diese „Reportage“ für den Reporterpreis 2018 auserwählt?

    „Auf mich wirkte die arabisch-deutsche Übersetzung sauber, die Reportage war packend, Details aus Syrien schienen richtig – eine wichtige Geschichte, sehr gut erzählt“, schreibt Jury-Mitglied Cigdem Akyol, freie Journalistin aus Zürich.

    Doreen Reinhard, freie Autorin aus Dresden und ebenfalls Jury-Mitglied, gibt an, nicht für den Text gestimmt zu haben, denn er sei ihr zu „parabelhaft überhöht“ gewesen. Dennoch habe sie, wie die anderen Juroren auch, „dem Spiegel vertraut, als Nachrichtenmagazin, das Quellen gründlich checkt“. Ihr Kollege Nikolaus Brender, viele Jahre Chefredakteur beim ZDF, schreibt, der Großteil der Jury sei von der stilistischen Brillanz des Autors überzeugt gewesen.

    Ines Pohl, Chefredakteurin der Deutschen Welle, fasst die Entscheidung so zusammen:

    „In der Geschichte eines einzigen Jungen wird ein Konflikt entblättert, der bis heute zu unendlichem Leid führt und für den keine Lösung in Sicht ist. Die Relevanz des Themas und die dichte Erzählweise, die ein menschliches, fühlbares Schlaglicht wirft, hat am Ende die Jury überzeugt, auch wenn es Stimmen gab, denen der Duktus zu nah am Rande des Kitsch war.“

    Einsicht? Nur bedingt.

    Dass der Jury im Fall Relotius ein grober Schnitzer unterlaufen ist, dürfte mittlerweile feststehen. Zum Teil geben sich die Juroren auch zerknirscht. „Na erstmal schäm ich mich ein bisschen“, gibt Friedrich Küppersbusch, Moderator und Geschäftsführer der TV-Produktionsfirma Probono, zu. „Der Fall Relotius muss uns alle erschüttern. Aber er darf uns nicht zerstören. Es liegt am Ende in unseren Händen zu zeigen, dass er ein Einzelfall ist.“

    Er habe den Zweifel der Begeisterung geopfert, sagt Nikolaus Brender. Der Fall sei Anlass zur Selbstüberprüfung und Gewissenserforschung. „Mich schmerzt vor allem der Vertrauensverlust, den dieser Betrug bei den Lesern auslöst“, schreibt Diana Zinkler, Textchefin in der Zentralredaktion der Funke Mediengruppe.

    Relativ einig sind sich die Juroren jedoch darin, dass sie keine Chance gehabt hätten, die Fälschung zu erkennen. Es sei nicht Aufgabe der Jury, Fakten zu prüfen, so Ines Pohl. Das müsse von den Redaktionen geleistet werden. Und Jurorin Evelyn Roll meint:

    „Ich bewundere alle sehr, die es jetzt im Nachhinein vorher oder immer schon gewusst haben. Die Jury hat nicht erkannt, dass die Geschichte erfunden ist. Hatten wir eine Chance, es zu erkennen? Ich glaube: Nein. Juroren, die 60 Texte lesen und bewerten sollen, können nicht auch noch die Dokumentation der Texte überprüfen oder ganz übernehmen.“

    Sechs Ideen für die Zukunft

    Vermeiden will man solche Fehlentscheidungen in der Zukunft natürlich trotzdem. Friedrich Küppersbusch hat dazu in der Stellungnahme einen Sechspunkteplan vorgelegt:

    1. Man kann die Texte anonymisieren, um den möglichen Zampano-Nimbus oder auch —Malus von AutorIn/Redaktion zu verringern.

    2. Man kann die Debatte um inhaltliche Plausibilität notorisch ansetzen.

    3. Man kann das Beuteschema feiner justieren: Reportage ist, was der berichtet, der im

    Berichtszeitpunkt vor Ort war. (Damit wäre "Kinderspiel" raus und eine Reihe sehr

    guter, ex post berichtender Texte. Nicht wenige Texte sind eher "Dokumentationen" als

    "Reportagen". Relotius ́ ebenfalls gefälschter Text über die Hinrichtungsbegleiterin kam

    im Gewand der klassischen Reportage daher und wäre drin geblieben.)

    4. Man kann Demut gegenüber vermeintlichen Querulanten üben. Diesmal hat uns

    einer gefehlt.

    5. Man kann den inhaltlichen Ertrag höher bewerten und stilistische Brillanz niedriger — da scheint derzeit ein Dissens zu herrschen.

    6. Man kann einen oft ungerechten Argwohn gegenüber klassischen "Heldenreise" —

    Erzählungen entwickeln.

    Ob und welche Konsequenzen tatsächlich gezogen werden, ist dem Text allerdings nicht zu entnehmen.

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