21:55 21 November 2019
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    Flugzeug der Berliner Fluggesellschaft „Germania“

    Billig-Airlines vor dem Aus? – Nach „Germania“-Pleite: Was Fluggäste wissen müssen

    © AFP 2019 / Monika Skolimowska / dpa
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    Die 1986 gegründete Berliner Fluggesellschaft „Germania“ hat Insolvenz beantragt. Betroffen: Hunderte Passagiere, die aktuell im Ausland festhängen sowie 1.300 Mitarbeiter. Kleine Airlines verschwänden, große Billigflieger seien erfolgreich, sagt Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt im Interview. Sputnik nennt Tipps für betroffene Kunden.

    „Wir sehen, dass innerhalb Europas der Konzentrationsprozess voranschreitet“, sagte Großbongardt, ehemaliger „Lufthansa“-Pilot und Luftfahrt-Experte, im Sputnik-Interview. „Kleine Fluggesellschaften verschwinden, wie eine ‚Germania‘, wie eine ‚Small Planet‘.“ Er nannte ebenso britische Billig-Airlines, darunter „Monarch“, die kürzlich pleite gegangen sind. „Das ist ein europaweites Phänomen. Wir laufen auf eine Situation zu, wo wir letztlich nur noch große Flug-Airlines haben.“

    Damit kommentierte er die aktuelle Pleite der Berliner Fluggesellschaft „Germania“. Die auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld beheimatete Airline musste Anfang der Woche die Insolvenz und damit die Zahlungsunfähigkeit beantragen. Der Insolvenzantrag sei am Montag von der „Germania“-Geschäftsleitung beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingereicht worden, teilte das Berliner Unternehmen mit. Der Flugbetrieb werde mit sofortiger Wirkung eingestellt. Von der Schließung betroffen sind etwa 1.300 Mitarbeiter und hunderte deutsche Fluggäste, die aktuell im Ausland festsitzen. Laut der „Tagesschau“ hat die Fluglinie jährlich bis zu vier Millionen Passagiere befördert.

    Steigen bald die Flugticket-Preise?

    „Die großen Billig-Fluggesellschaften, also ‚Ryanair‘, ‚Easyjet‘ oder ‚Eurowings‘, verdienen gutes Geld“, so Großbongardt. Die irische Airline „Ryanair“ gehöre zu den profitabelsten Fluggesellschaften weltweit. „Trotz der niedrigen Preise. Da spielt die Größe eine entscheidende Rolle.“ Je größer und breiter sich eine Billig-Airline aufstelle – also viele Flugmaschinen und große Belegschaft – desto rentabler sei sie in der Regel. „Betriebswirtschaftlich nennt man das ‚Skalen-Effekte‘: Größe führt zu niedrigeren Kosten. Das führt eben dazu, dass eine ‚Germania‘ mit 35 Flugzeugen in einem Markt, wo ‚Ryanair‘ mit 400 Flugzeugen unterwegs ist, preislich gar nicht mithalten kann.“

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    Der Luftfahrt-Experte rechne mittelfristig mit leicht steigenden Flugticket-Preisen. „Die Preise werden kaum weiter sinken. Eher werden wir ein wenig mehr bezahlen für die Tickets. Vielleicht 10 oder 20 Euro im Durchschnitt, die man in Zukunft mehr bezahlt. Weil die Personalkosten steigen. Insbesondere, weil Piloten knapp werden.“ Der Grund: Die Flugbranche sei stärker gewachsen als erwartet. „Aber die Zahl der Piloten lässt sich nicht beliebig schnell steigern. Bis jemand Pilot wird und ins Cockpit darf, vergehen (in der Ausbildung, Anm. d. Red.) drei Jahre.“

    Tipps für betroffene „Germania“-Passagiere

    Passagiere, die ihren „Germania“-Flug im Rahmen einer Pauschalreise gebucht haben, sollen sich laut einer aktuellen Pressemitteilung des insolventen Unternehmens „direkt an ihren jeweiligen Reiseveranstalter wenden“, um eine Ersatzbeförderung zu erhalten. Wer sein Flugticket direkt bei Germania gekauft habe, habe aufgrund der Gesetzeslage allerdings keinen Anspruch auf Ersatzbeförderung.

    „Nach der Insolvenz der Fluggesellschaft Germania bieten der Lufthansa-Konzern und der Ferienflieger ‚Condor‘ betroffenen Passagieren verbilligte Tickets an“, ergänzt dazu das News-Portal „T-Online“. „Die Angebote richten sich insbesondere an Passagiere, die nicht mit einem Pauschalreiseveranstalter unterwegs sind.“ Zudem könnten „im Ausland gestrandete Germania-Kunden für Rückflüge bis Ende Februar 2019 ab sofort auf der Eurowings-Seite Flüge buchen und erhielten im Nachhinein die Hälfte des Flugpreises erstattet.“

    Airlines bieten Hilfe für betroffene Fluggäste an

    Um Kunden der „Germania“, die im Ausland feststecken, zu helfen, „bieten deutsche Fluggesellschaften Unterstützung beim Rücktransport an“, berichtet der Berliner „Tagesspiegel“. Das betreffe Urlauber, „die ihre Reise auf eigene Faust gebucht haben und keine Pauschalreise unternommen haben. Die Lufthansa-Gruppe um Lufthansa, Eurowings, Austrian und Swiss sowie Condor und Tuifly stellt Germania-Kunden für den Rückflug nach Deutschland Sitzplätze zu Sonderkonditionen zur Verfügung, teilte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft am Dienstagmorgen mit.“

    Ob betroffene Passagiere ihr Geld für bereits gekaufte Flug-Tickets wiedersehen werden, sei jedoch mehr als fraglich.

    „Dass man seine Hoffnungen nicht zu hoch schrauben sollte, zeigt das Beispiel Air Berlin, wo Kunden bis heute vergeblich auf Rückzahlungen hoffen. Verbraucherschützer fordern daher seit langem einen besseren Schutz für Fluggäste.“ Denn: „Eine Insolvenzversicherung für Fluggesellschaften, die im Fall einer Pleite Kunden absichert, ist nach wie vor nicht beschlossen. Trotz der Erfahrungen mit der Insolvenz von Air Berlin haben Bundesregierung und EU nichts unternommen.“ Das räche sich nun.

    Von „Air Berlin“-Pleite nichts gelernt?

    Eine ähnliche Forderung in Form einer „branchenweiten Pflichtversicherung“ äußerte Großbonghardt im Interview.

    „Die Politik muss in Deutschland und letztlich innerhalb der EU dafür sorgen, dass es eine Art Ausfallversicherung gibt“, so der Flugbranchen-Kenner. „Dass das finanzielle Risiko für die Passagiere beseitigt wird. Dass es im Prinzip einen Entschädigungsfonds gibt, in den alle Fluggesellschaften einzahlen müssen, aus dem dann im Falle einer Insolvenz die Tickets erstattet werden.“ Aus diesem Fonds könne dann auch die Rückführung der Fluggäste nach Deutschland organisiert werden. „Nämlich die Passagiere, die jetzt irgendwo im Ausland sitzen und mit der ‚Germania‘ nicht zurückkommen.“

    „Massensterben“ der Billig-Airlines

    Vor der „Germania“-Pleite hatte bereits 2017 die damalig zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft „Air Berlin“ ihren Betrieb eingestellt. Zuletzt ging im Herbst 2018 die deutsche Charterfluggesellschaft „Small Planet Airlines“ mit Sitz in Berlin insolvent. Auch auf europäischer Ebene würden kleine Fluglinien massenhaft im Bankrott landen. „Germania war sicher nicht die letzte Pleite“, schrieb der Schweizer „Tagesanzeiger“ am Dienstag. „Ihnen fehlt das nötige finanzielle Polster, um Durststrecken zu überleben. Das zeigte sich vergangenes Jahr: Mit Azur Air (Deutschland), Cobalt Air (Zypern), Primera Air (Lettland), Privat Air (Schweiz), Skywork (Schweiz), Small Planet (Deutschland, Litauen, Polen) und VLM (Belgien) traf es eine ganze Handvoll kleinerer Anbieter.“

    Der rapide Absturz der 1986 gegründeten Berliner Fluggesellschaft zeige exemplarisch, „wie es um die Branche steht. Ziemlich sicher wird Germania nicht die letzte Airline sein, die dieses Jahr von Europas Himmel verschwindet, während die großen Fünf in Europa weiter an Macht gewinnen.“ Die großen Fünf sind laut der Schweizer Zeitung: „Lufthansa“, „Air France“, der Mutterkonzern von „British Airways“ sowie die zwei Billig-Airlines „Ryanair“ und „Easyjet“.

    Das Radio-Interview mit Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt zum Nachhören:

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    Tags:
    Schutz, Hilfe, Flugticket, Fluggesellschaft, Preise, Germania, Lufthansa, Deutschland