04:38 13 Juli 2020
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    Turnschuhe mit personalisierten Schriftzügen – klingt nach einer netten, witzigen Idee. Im Adidas-Onlineshop stößt der kreative Kunde allerdings auf unerwartete Probleme. Der Filter, der die gewünschten Schriftzüge prüft, leuchtet nicht nur bei Schimpfwörtern rot auf, sondern scheint auch ideologischen Richtlinien zu folgen.

    Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Im Online-Shop von Adidas gab es saftige Rabatte und unsere Autorin Ilona Pfeffer beschloss, die günstige Gelegenheit zu nutzen und sich ein Paar neue Sportschuhe zu gönnen. Modell und Farbe waren schnell ausgesucht, da fiel ihr Blick auf die Zusatzoption „Schriftzug hinzufügen“. Einer auf jedem Schuh, maximal 11 Zeichen lang, für einen Aufpreis von jeweils 5 Euro. Den eigenen Namen draufzuschreiben erschien ihr langweilig, so entschied sie sich für den Spitznamen aus ihrer aktiven Zeit in der Bundesliga: Terrorzwerg.

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    Doch da leuchtete es in unheilvollem Rot in der Eingabemaske auf: „TERRORZWERG entspricht leider nicht unseren Richtlinien für die Personalisierung. Bitte versuch es noch einmal oder wende dich für weitere Informationen an unseren Kundenservice.“ Weitere Versuche ergaben: Sowohl „Terror“ als auch „Zwerg“ gehören bei Adidas zu den verbotenen Wörtern. Aha! Damit war das Rennen eröffnet: Was darf und was darf nicht als Schriftzug auf den Adidas-Tretern stehen?

    Das Offensichtliche

    Dass Schimpfwörter auf der Schwarzen Liste stehen würden, war keine echte Überraschung. In den verfügbaren Sprachen, darunter Deutsch, Englisch und Russisch, sind sie, auch in falscher Schreibweise oder mit Sonderzeichen statt Buchstaben, verboten. Neben solchen, die tatsächlich als beleidigend, erniedrigend oder diskriminierend gewertet werden können, finden sich auch geradezu niedliche Ausdrücke wie „Doofnase“, „Blödian“ oder „Stinkstiefel“ unter den verbotenen Wörtern.

    Ebenso zu erwarten war es, dass geschützte Markennamen nicht auf Adidas-Schuhe draufgedruckt werden dürfen. Angefangen bei anderen Sportbekleidungsherstellern wie „Nike“, „Puma“ und „Fila“ über „Starbucks“ und bis hin zu Sportvereinen wie dem „SV 1916 Sandhausen“.

    Auch im Zusammenhang mit Nazi-Deutschland fallen die meisten Namen und Ausdrücke unter das Verbot. Doch der Filter zeigt hier die ersten Schwächen: Ob „Arbeit macht frei“, „Josef Mengele“ oder „KZ Buchenwald“ – all das ist zulässig. Will man jedoch „Nazis raus“ schreiben, streikt die Software, denn bei dem ersten Wort sieht sie rot, egal in welcher Kombination.

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    „Gute“ und „schlechte“ Religion?

    Noch absurder wird es bei religiösen Begriffen. Warum sind „Jesus“ und „Buddha“ zulässig, „Allah“ und „Islam“ aber nicht? Andererseits: Keine Einwände gegen „Mufti“, sehr wohl aber gegen „Papst“. „ISIS* “ und „Scientology“ befinden sich auf der Blacklist, mit den „Zeugen Jehovas“ hat Adidas hingegen kein Problem.

    Ungereimtheiten bei sexueller Orientierung und Nationalität

    Während „666“ nicht beanstandet wird, dürfen „Sex“ und alle möglichen Wörter aus dem Themenbereich nicht als Schriftzug auf den Turnschuhen zu lesen sein. Darunter fallen auch Ausdrücke, die die sexuelle Orientierung einer Person beschreiben. „Homosexuell“ wird genauso wenig akzeptiert wie „Schwul“ oder „Trans“. Dahingegen gibt es keine Probleme mit „LGBT“ oder „Lesbisch“. Zum wiederholten Male stellen wir uns die Frage nach der Logik hinter dem Konzept des Filters.

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    Auch bei Nationalitäten haben wir Unregelmäßigkeiten festgestellt: Ob Deutscher, Russe, Türke – alles kein Problem. Aber „Araber“ ist verboten.

    Wo steht Adidas politisch?

    Waren die vorangegangenen Themengebiete schon sensibel, betreten wir mit dem Themenfeld Politik unter Umständen noch ein heißeres Pflaster. Um uns ein wenig einzugrooven, beginnen wir doch mal mit ein paar Schlagwörtern. „Revolution“ – vergessen Sie die Mal ganz schnell. Und „Krieg und Frieden“ ist nicht wegen „Krieg“. Auch „Kommunismus“ entspricht leider nicht den Richtlinien. „Diktatur“, wohlgemerkt, schon. Übrigens: „DDR“ ist ebenfalls ein No-Go.

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    Wenn wir die Namen der im Bundestag vertretenen Parteien durchexerzieren, kommen wir zu dem Schluss: Es geht alles außer „FDP“ und „Die Linke“. Und wieder fragen wir uns: Warum nur? Haben die beiden Parteien ihre „Marke“ geschützt oder sind sie bei Adidas einfach unbeliebt?

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    Noch interessanter wird es bei einzelnen Politikern. Alle Stichproben mit Namen der führenden deutschen Abgeordneten waren positiv, von Merkel und Seehofer über Lindner und Wagenknecht bis hin zu Weidel und Habeck – der Filter von Adidas lässt alles zu. Auch auf der internationalen Bühne scheint die Software auf den ersten Blick tolerant zu sein: Ob Macron, Trump, Erdogan, Assad oder Kim Jong Un – der politisch orientierte Turnschuhträger kann sich seine Idole frei aussuchen. Zumindest fast. Denn: „Putin“ entspricht leider nicht den Richtlinien. Kann uns das bitte jemand erklären?

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    Es ist doch gerade Russland, wo die Kluft mit den drei Streifen einen essentiellen Teil der Garderobe bildet. Gerade hier hat sich eine ganze Subkultur, die sogenannte Gopnik-Kultur, mit und um die Marke Adidas gegründet. Und dann darf der Russe nicht den Namen seines Präsidenten auf seine Schuhe schreiben lassen?

    Schlauer als das System erlaubt

    Wir wollten uns damit nicht abfinden und haben uns noch intensiver mit dem Filter auf der Adidas-Seite auseinandergesetzt. Und es hat sich gelohnt! Denn jedes System hat auch Lücken. Die wichtigste Erkenntnis: Es gibt Wörter, die gänzlich geblacklisted sind. Bei diesen besteht kaum eine Chance, sie in den Schriftzug zu setzten. Bei vielen davon ist es auch gut so, das wollen wir gar nicht bestreiten! Und dann gibt es Wörter mit einer „Wild card“. Will heißen: Wenn man sie einfach so eingibt, kommt die altbekannte leuchtendrote Mitteilung, dass sie nicht den Richtlinien entsprechen. Stehen diese aber im Kontext mit anderen Zeichen, werden sie zugelassen. Als Zeichen reicht dabei auch das Leerzeichen aus. Wenn Sie also „Putin“ eingeben und davor oder danach ein Leerzeichen machen, wird ihr Wunsch akzeptiert. Verrückt, oder?

    Interessant wäre zu erfahren, ob die eigentlich unzulässigen, aber auf diese Weise trotzdem aufgegebenen Wünsche bezüglich der Beschriftung von Adidas dann auch erfüllt werden.

    Übrigens: Für Sputnik sind bei Adidas schon jetzt die Wege offen. 

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    Wegen all der ungeklärten Fragen haben wir bei Adidas angerufen, um das Prinzip hinter den Filtereinstellungen zu erfragen. Die freundliche Mitarbeiterin von Adidas zeigte sich überrascht. Die meisten Kunden würden ihren Namen eingeben, sie selbst habe niemals probiert, andere Schriftzüge zu erstellen.  Auf die Frage, warum beispielsweise „Merkel“ und „Trump“ vom Filter zugelassen werden und „Putin“ nicht, wusste die Mitarbeiterin keine Antwort. Sie versprach, unsere Anfrage an die zuständigen Spezialisten von Adidas weiterzuleiten und sich gegebenenfalls zurückzumelden.

    Wenn Sie in der Zwischenzeit auch Lust bekommen haben, die Möglichkeiten der kreativen Schriftzüge bei Adidas auszuloten, dann lassen Sie uns in den Kommentaren gern wissen, zu welchen Erkenntnissen Sie gekommen sind.

    * — Terrororganisation, in Russland verboten

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    Tags:
    Zensur, PdL, Linkspartei, Adidas, FDP, SPD, Die LINKE-Partei, Sputnik, Wladimir Putin, Deutschland