16:34 20 April 2019
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    Staffel von sowjetischen Bombern Pe-2 im Einsatz (Archivbild)

    Himmlischer Orkan: Wie ein sowjetischer Kampfpilot einen deutschen Kreuzer versenkte

    © Sputnik / Leonid Korobow
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    Nikolai Protopopow
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    170 Kampfflüge, zwölf versenkte gegnerische Kriegsschiffe, zwei Goldene Sterne „Held der Sowjetunion“ – am 8. Februar wird der 110. Geburtstag des bekannten sowjetischen Asses Wassili Rakow begangen.

    Zwar waren bzw. sind solche Jagdflieger wie Alexander Pokryschkin oder Iwan Koschedub noch berühmter als er, aber Wassili Rakow ist eine echte Legende unter den Bomber- und Marinepiloten. Über seine Heldentaten erzählt Sputnik in diesem Beitrag.

    Winterkrieg

    Die Fliegerkarriere Wassili Rakows begann im Frühjahr 1931. Nachdem er sein Studium an einer Militärpilotenschule in Sewastopol abgeschlossen hatte, wurde er an die Ostsee abkommandiert und zum Unterkommandeur der 62. selbstständigen Pilotenabteilung ernannt. Fünf Jahre später wurde er zum Staffelkommandeur des 57. Bomberregiments befördert, das sich 1939 und 1940 am Winterkrieg gegen Finnland aktiv beteiligte.

    Gleich am ersten Tag dieses Krieges bekam Rakows Staffel einen Kampfauftrag. Die Wetterbedingungen waren schwer: Wegen niedriger Wolken konnten die Piloten nur schwer die Gruppenformation beibehalten. Die Sichtweite war dermaßen gering, dass sie nur die nebenan fliegende Maschine sehen konnten. Das Ziel war ein gegnerischer Flugplatz unweit von Helsinki. Dabei konnte Rakows Einheit die Finnen überrumpeln, die unter den schweren Wetterbedingungen keinen Angriff erwartet hatten und in Panik gerieten. Sie eröffneten das Feuer erst, als die sowjetischen Piloten aus einer Höhe von 400 Metern alle Bomben abgeworfen hatten und schon auf dem Rückweg waren. Mehrere Maschinen wurden dabei zwar beschädigt, aber die ganze Staffel erreichte ihren Stützpunkt.

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    Eine richtige Heldentat kann Rakow für sich verbuchen, als während eines Einsatzes bei Turku ein Flugzeug aus seiner Einheit abgeschossen wurde. Alle dachten, dass die Besatzung ums Leben gekommen wäre. Der Staffelkommandeur analysierte jedoch die Flugbahn dieser Maschine und war überzeugt, dass sie noch mehrere Dutzende Kilometer geflogen sein müsste – also ziemlich weit weg von den Stellungen des Gegners.

    Rakow bestand auf einem Rettungseinsatz, der mehr als einen Tag dauerte. Am Ende wurde die verunglückte Maschine auf dem Eis des Finnischen Meerbusens entdeckt. Die beiden Piloten waren verletzt, konnten aber noch rechtzeitig gerettet werden.

    Bei einem weiteren Einsatz wurde Rakows Flugzeug bei einem Beschuss schwer getroffen. Der linke Motor war beschädigt, aber der Pilot erfüllte seinen Kampfauftrag vollständig und warf alle Bomben auf die gegnerischen Positionen ab. Dafür wurde Wassili Rakow im Februar 1940 mit seinem ersten Stern „Held der Sowjetunion“ ausgezeichnet.

    Himmlischer „Orkan“

    Als der Große Vaterländische Krieg begann, war Wassili Rakow Kadett einer Marineakademie. Ein halbes Jahr lang wartete er mit Ungeduld, bis er an die Front geschickt wird. Im Februar 1942 wurde er zum Kommandeur der 2. Marinefliegerbrigade der Schwarzmeerflotte ernannt. Nach dem Rückzug der Roten Armee aus Kertsch wurde Rakow an die Spitze der Sewastopoler Fliegergruppe gestellt. Als hoher Vorgesetzter wollte der „Held der Sowjetunion“ seine Pilotenjacke jedoch nicht an den Nagel hängen – im Gegenteil: Er setzte sich bei jeder passenden Gelegenheit ans Steuer.

    Kreuzer „Niobe“ (Archivbild)
    © Foto : Gemeinfrei
    Kreuzer „Niobe“ (Archivbild)

    Als die Wehrmacht Sewastopol einnahm, wurde Rakow nach Leningrad geschickt, wo seine Staffel die Artilleriestellungen von Hitlers Soldaten mit Bomben bewarf, die die blockierte Stadt beschossen. Oft nutzte er seinen schweren Bomber Pe-2 auch als Schlachtflugzeug: Nach dem Abwurf aller Bomben flog er nicht zum Stützpunkt, sondern beschoss Stellungen der Wehrmacht im Tiefflug aus Maschinengewehren.

    Einer seiner größten Erfolge war der Angriff auf den Kreuzer „Niobe“ („Gelderland“) der Hollandklasse, der von den Deutschen in eine schwimmende Luftabwehrbatterie umgebaut worden war. Die Wehrmacht hatte das Schiff in den Finnischen Meerbusen gebracht und im Hafen Kolka  festgemacht. Der Kreuzer war dermaßen gut bewaffnet und wurde so stark bewacht, dass jegliche Versuche der Roten Armee, ihn aus der Luft zu vernichten, erfolglos blieben. Das Fliegerregiment Wassili Rakows wurde vor die Aufgabe gestellt, die von der „Niobe“ ausgehende Gefahr um jeden Preis zu neutralisieren.

    Der erste Luftangriff gegen die „Niobe“ scheiterte: Keine einzige Bombe traf das Schiff. Das ließ sich großenteils auf die geringen Erfahrungen der Piloten zurückführen – sie hatten erst vor kurzem das Studium an Fliegerschulen absolviert.

    Der nächste Einsatz verlief unter dem Codenamen „Uragan“ („Orkan“) und fand im Juli 1944 statt. Dabei kamen mehr als 130 Kampfflugzeuge verschiedener Typen (Bomber Pe-2, Schlachtmaschinen Il-2, leichte Bomber Jak-2, Bomber Douglas usw.) zum Einsatz. Die „Niobe“ verfügte über eigene Luftabwehrwaffen und wurde zudem von mehreren Luftabwehrbatterien am Ufer bewacht. Das sowjetische Kommando setzte darauf, dass die deutsche Artillerie sich nicht auf eine einzige Fliegergruppe konzentrieren könnte und gleich auf mehrere Gruppen, die in unterschiedlichen Höhen flogen, schießen müsste. Der Kommandeur des Fliegerverbandes war Wassili Rakow. Die „Niobe“ wurde quasi stufenweise angegriffen: Als erste griffen die Pe-2-Sturzbomber den Kreuzer an, die ihn mit 250 Kilogramm schweren Bomben bewarfen. Ihnen folgten die Douglas-Flugzeuge, die dem teilweise schon versunkenen Schiff den „Todesstoß“ versetzten.

    Für diesen Einsatz wurde Rakow zum zweiten Mal mit dem Orden „Held der Sowjetunion“ ausgezeichnet.

    Am Leben bleiben

    Insgesamt hat Wassili Rakow 170 Kampfflüge absolviert. Das war ein Rekord für Piloten der Kriegszeit. Die Piloten von Pe-2-Sturzbombern mussten genauso große Verluste tragen wie die Jagdflieger. Besonders gefährlich war es, aus dem Sturzflug zu kommen, wo die Piloten enormen Überbelastungen ausgesetzt wurden. Es war immerhin enorm schwer, die Maschine zu lenken und gleichzeitig gegnerischen Jagdflugzeugen zu widerstehen. Das wussten auch die deutschen Piloten, die auf die Russen gerade dann schossen, wenn sie aus dem Sturzflug kamen. Außerdem konnten Bomber bei Tiefflügen ja auch aus Luftabwehrkanonen relativ leicht abgeschossen werden.

    Aber noch mehr riskierten die Piloten der Marinefliegerkräfte bei der Suche nach gegnerischen Schiffen. Falls eine solche Maschine abgeschossen wurde, konnte der Pilot sich zwar ausschleudern, aber wenn er auf Wasser landete, bedeutete das für ihn oft sowieso den Tod. Auch Wassili Rakow wurde einmal bei einem solchen Einsatz abgeschossen, konnte dennoch am Leben bleiben – offenbar dank seiner enormen Erfindungskraft, aber auch dank seinen großen Erfahrungen aus früheren Einsätzen.

    Nach dem Großen Vaterländischen Krieg studierte Rakow an der Akademie des sowjetischen Generalstabs, diente in der Pazifikflotte und war Lehrkraft an der Marineakademie. Als Generalmajor der Luftstreitkräfte ging Wassili Rakow im Jahr 1971 in den Ruhestand. Später hat er mehrere Bücher über die Geschichte und Taktik der Fliegerkräfte geschrieben. Er starb 1996 in St. Petersburg, wo ihm zu Ehren eine Bronzebüste aufgestellt wurde.

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    Tags:
    Schlacht, Bomber, Kreuzer, Il-2, Pe-2, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kriegsmarine, Rote Armee, Finnland, Helsinki, UdSSR, Sowjetunion, Leningrad, Drittes Reich