22:29 25 Juni 2019
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    „Hier nur Esten! Hier nur Russen!“ – Provokative Werbeaktion erinnert an Apartheid

    „Hier nur Esten! Hier nur Russen!“ – Provokative Werbeaktion erinnert an Apartheid

    © Sputnik/ Sputnik Estland
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    Paul Linke
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    Eine provozierende Plakatkampagne hat in Estland eine heiße politische Debatte ausgelöst. Dabei geht es um ein weiterhin schmerzhaftes Thema für das Land: Die Diskriminierung der Minderheiten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken.

    „Hier nur Esten“, steht in blauer Farbe auf Plakaten, die Anfang Januar an der Straßenbahnhaltestelle „Hobujaama“ im Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn aufgehängt wurden. Gleich daneben befinden sich drei rote Plakate mit der Aufschrift: „Hier nur für Russen“. Die skandalöse Botschaft wurde in estnischer und russischer Sprache verfasst – weiter unten eine Telefonnummer.

    Die Plakataktion sorgt im ganzen Land und außerhalb für einen großen Aufschrei und erinnert an die dunkelsten Zeiten von Apartheid und Nationalsozialismus. Man sucht vergeblich nach Verantwortlichen für diese zunächst einmal schrecklich erscheinende Propaganda. Sollten hier etwa nationalistische Emotionen geweckt und angesprochen werden?

    Werbung soll provozieren und gleichzeitig einen?

    Am nächsten Morgen werden – die bereits stark demolierten Poster – durch neue Plakate ersetzt. Auf den neuen Werbetafeln ist wiederum in beiden Sprachen zu lesen: „Esten und Russen: Zusammen auf einer Party!“,  „Esten und Russen: Zusammen in einer Schule“. Hinter der Werbeaktion offenbart sich die neue, liberale Partei „Eesti 200“. Es wird deutlich, dass es sich um eine Kampagne handelt, die darauf hinweist, dass nach fast 29 Jahren Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion die Minderheitenfrage weiterhin offen bleibt und viele Menschen beschäftigt.

    Aktion weckt Begeisterung, aber auch Verärgerung

    Über Wochen dominiert die umstrittene Aktion die Schlagzeilen in Estland. War das ein Tropfen zu viel für die estnisch-russische Freundschaft oder doch eine geniale Werbekampagne?

    Die Abgeordnete der regierenden Zentrumspartei, Jana Toom, kommentierte die Aktion auf ihrer Facebook-Seite:

    „Ich bin verärgert darüber, wie einfach es für die Leute ist, Werbetricks zu machen“, sagte sie und fügte hinzu:  „Es ist klar, dass dies der Beginn des Wahlkampfs ist, und die Autoren der Werbung warten nur darauf, dass wir hier aufschreien – furchtbar, wo schaut nur Europa hin?!“

    Der Marketing-Experte Raul Kalev sagte in seinem Kommentar gegenüber Sputnik-Estland: „Die Parteichefin von ‚Eesti 200‘, Kristina Kallas, ist zur Hälfte Russin und ihre Partei hat wiederholt erklärt, dass man Esten und Russen nicht gegeneinander ausspielen dürfe. Die Politik von ‚Eesti 200‘ baut darauf auf", betonte Kalev. Er glaubt, dass die „Plakatintrige“ hervorragend gewesen sei: Jetzt, da der Name des Kunden bekannt geworden sei, würden alle ausnahmslos darüber sprechen. Und diese PR-Kampagne ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man alle dazu bringen könne, für wenig Geld über etwas zu sprechen.

    „Problem noch längst nicht bewältigt“

    Die Partei „Eesti 200“ hatte in der Vergangenheit wiederholt über die Notwendigkeit gesprochen, estnische und russische Kinder in gemeinsamen Schulen zu unterrichten, und kritisierte das derzeitige System, in dem die Schulen sprachlich zum größten Teil getrennt sind.

    Parteichefin Kristina Kallas, eine der Gründer von „Eesti 200“ sowie die Initiatorin der Werbeaktion, sagte der Nachrichtenagentur „Delfi“ zufolge: „Wenn bereits einige Plakate einen solchen Aufruhr auslösen können, dann deutet das darauf hin, dass das tiefer liegende Problem noch längst nicht bewältigt ist. Es sei also höchste Zeit, dieses wirklich anzugehen, und das nicht nur auf der Symbolebene.“ Man habe niemanden verletzen wollen, sagte Kallas, die gleichzeitig einräumte, von der Resonanz überrascht worden zu sein. Den Vorwurf, Russland in die Hände zu spielen, wies sie zurück. Was Russland in die Hände spiele, sei vielmehr, dass es in Estland die Frage der Segregation nach 28 Jahren immer noch gebe, sagte die Parteichefin.

    Von allen drei baltischen Staaten beherbergt Estland die zweitgrößte russische Minderheit. Circa 25 Prozent der Bevölkerung sind ethnische Russen. Anfang 2016 lebten offiziellen Angaben zufolge in Estland knapp 1,32 Millionen Menschen. Davon waren 330.263 ethnische Russen — 148.430 Männer und  81.833 Frauen. Mit dem Sachstand „Die russischen Minderheiten in den baltischen Staaten“ beschäftigten sich im Februar 2017 die wissenschaftlichen Dienste des deutschen Bundestages.

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    Tags:
    Empörung, Werbeaktion, Apartheid, Minderheit, Abgeordnete, Plakat, Diskriminierung, Skandal, EU-Parlament, EU, Sowjetunion, Baltikum, Estland, UdSSR, Russland