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    Afd-Demo in Dresden (Archivbild)

    „Fünf Tipps zum Umgang mit Rechtspopulisten“ – Journalisten-Netzwerk

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    Ilona Pfeffer
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    Es scheint, als hätten die deutschen Medien immer noch keine echte Antwort auf die Frage gefunden, ob und wie sie mit der AfD reden und über sie berichten sollen. Die „Neuen Deutschen Medienmacher**innen“ haben einen Leitfaden zusammengestellt, der den Kollegen dabei helfen soll.

    Wie sollen die Medienschaffenden von heute mit dem Rechtspopulismus umgehen? Wie umfangreich darf man über Rechtspopulisten berichten, ohne sich den Vorwurf anhören zu müssen, man biete ihnen und ihren Parolen eine Plattform? Wenn man sie wiederum nicht zu Wort kommen lässt, vernachlässigt man dann die Themen, die die Gemüter vieler Bürger bewegen? Um den Journalisten eine Entscheidungshilfe an die Hand zu geben, hat das NDM „nach Rücksprache mit Experten“ und „Lektüre einiger Untersuchungen“ einen Fünf-Punkte-Leitfaden zusammengestellt.

    Muss ich die rechtspopulistische Partei behandeln wie jede andere Partei auch?

    Gleich die erste Frage beantwortet NDM mit einem „ja, aber“. Grundsätzlich sei eine rechtspopulistische Partei wie jede andere zu behandeln, aber man solle dabei nicht so tun, als sei sie in jeder Hinsicht wie alle anderen Parteien. Populisten würden sich stets als die alleinigen Vertreter des „Volkes“ inszenieren und alle anderen als „böse, korrupt und gefährlich“ hinstellen, seien jedoch in Wahrheit selbst Teil des Establishments. Minderheiten, unabhängige Medien und "die Eliten" seien ihre klassischen Feindbilder und die Meinungsfreiheit würden sie nur für die eigene Hetze verteidigen. „Auf entsprechende Parolen muss man sehr gut vorbereitet sein und souverän und kritisch damit umgehen. Denn in Wirklichkeit sind Rechtspopulisten selbst nur eine – wenn auch lautstarke – Minderheit“, heißt es unter Punkt 1 abschließend.

    „Rechtspopulistisch“, „nationalkonservativ“ oder was eigentlich: 
Die AfD richtig einordnen.

    Unter Punkt 2 geht es um die richtige Definition der politischen Ausrichtung der AfD. Das NDM kommt zu dem Schluss, die Partei sei „rechtsradikal“, denn laut Sicherheitsbehörden und Sozialwissenschaftlern seien Personen und Organisationen rechtsradikal, wenn sie „klar rechts der Mitte des politischen Spektrums stehen, dabei allerdings im Rahmen der Verfassung bleiben“. Im zweiten Teil der Erklärung stellen die Macher des Leitfadens klar, weswegen man Rechtspopulisten gegenüber trotzdem  vorsichtig sein sollte:

    „Grundsätzlich bewegen sich Rechtspopulisten im Rahmen der Verfassung und bedienen sich demokratischer Mittel. Mit ihren politischen Forderungen verfolgen sie aber das Ziel, den Rechtsstaat und die Demokratie auszuhöhlen. Sie greifen Grundrechte von Minderheiten und Andersdenkenden an, stellen die Freiheit der Medien und die Unabhängigkeit der Justiz in Frage und halten internationale Abkommen und Konventionen nicht für bindend. Ihr Ziel ist ein autoritärer Staat. Das Ergebnis lässt sich überall dort besichtigen, wo Rechtspopulisten an der Macht sind.“

    Muss ich aus demokratischen Gründen auch die Rechtspopulisten immer zitieren oder in meine Sendung einladen?

    Die Frage an sich kommt schon etwas naiv daher, denn Journalisten suchen und zitieren üblicherweise Gesprächspartner, die zu dem Thema des Interviews oder der Talkshow etwas zu sagen haben. Auch bei Politikern ist daher die Frage nach der Wahl des Gesprächspartners an dessen Kompetenz und Relevanz in Bezug auf das Gesprächsthema orientiert, unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit. Das sieht auch das NDM in seinem Leitfaden ein, betont aber: „Auf keinen Fall sollte man Rechtspopulisten nur deshalb zitieren oder ins Studio einladen, um wütenden Reaktionen ihrer Anhänger in sozialen Medien vorzubeugen – das widerspricht allen journalistischen Kriterien und kann nicht die journalistische Messlatte sein“.  Außerdem empfiehlt es, Rechtspopulisten auch nach Themen zu befragen, die nicht auf ihrer Populismus-Agenda stehen, beispielsweise Wohnen, Rente oder Steuerpolitik.

    Achtung beim Umgang mit populistischer Sprache.

    Die längste, aber zugleich ungenaueste Antwort gibt das NDM auf die Frage nach den Grenzen des Sagbaren. Für Rechtspopulisten sei die „Meinungsfreiheit“ vor allem die eigene Freiheit, andere auszugrenzen und zu beschimpfen. Als verantwortungsbewusster Journalist habe man die Aufgabe, über Sachverhalte möglichst ausgewogen und objektiv zu berichten.

    „Aber menschenverachtende, faktenferne, manipulative Sprache kann und sollte nicht ‚neutral‘ wiedergegeben werden. Sie sollte hinterfragt, analysiert und gegebenenfalls kritisch eingeordnet werden.”

    Redaktionen könnten sich außerdem fragen, ob sie ernsthaft darüber diskutieren wollten, ob es sinnvoll sei, die Zuwanderung von Muslimen nach Deutschland oder deren Religionsfreiheit einzuschränken. Nicht jede Forderung der AfD sei es wert, besprochen zu werden, denn ihr einziger Sinn sei oft, zu provozieren und im Gespräch zu bleiben.

    Souverän umgehen mit rechter Hetze und Shitstorms

    Wenn sie auf ihre Berichterstattung hin dann „Lügenpresse“ oder „Staatsrundfunk“ zu hören bekommen, sollen sich die Journalisten nicht einschüchtern lassen, heißt es unter Punkt 5. Denn hinter den meisten „Shitstorms“ würden gar nicht ihre Leser, Zuschauer und Zuhörer stecken, sondern „rechter koordinierter Online-Aktivismus“. Solche Shitstorms würden kein repräsentatives Meinungsbild ergeben, sondern seien Ausdruck einer kleinen, radikalen Minderheit.

    Unser Fazit

    Das waren also die fünf Punkte, die den Medienschaffenden den Umgang mit der AfD erleichtern sollen. Was machen wir nun damit? Als Journalisten stehen wir tatsächlich täglich vor der Frage: Wen bitte ich um einen Kommentar zu einem bestimmten Thema? Wie viele unterschiedliche Positionen und von welchen Parteien sind genug, um ein Thema ausgewogen zu beleuchten? Und ja, bisweilen auch: Kann ich dieses Zitat verwerten ohne einen Shitstorm zu ernten? Dass die AfD diejenige Partei im Bundestag ist, die die Gemüter am meisten spaltet, ist ebenfalls klar. Dennoch sollte der Grundsatz gelten: Wir reden mit allen. Denn wenn man bei einer bestimmten Partei statt direkte Interviews mit ihren Vertretern zu führen lieber „aus sicherer Entfernung“ über sie schreibt oder lediglich die Meinung anderer über sie wiedergibt, dann nimmt man sich selbst, aber vor allem auch seinem Leser die Chance, die Politiker an ihren eigenen Worten zu messen und zu beurteilen. Denn wenn tatsächlich nur heiße Luft oder Provokation hinter einer Aussage oder Forderung stecken, dann diskreditieren sich diejenigen, die diese äußern, doch am besten selbst. Und hinterfragen, analysieren und kritisch einordnen, wie der Leitfaden es in Bezug auf die AfD empfiehlt, sollte ein ernstzunehmender Journalist sowieso immer und bei allen Parteien.

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    Das Netzwerk Neue Deutsche Medienmacher, das nach eigenen Angaben aus Journalisten, Kameraleuten, Fotografen und Autoren für Print, Online, TV und Hörfunk besteht, versteht sich als „Interessenvertretung für Medienschaffende mit Migrationsgeschichte“. Es setze sich für „ausgewogene Berichterstattung ein, die das Einwanderungsland Deutschland adäquat wiedergibt“.

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    Tags:
    Rechtsruck, Konservative, Umgang, Hetze, Toleranz, Aktivisten, Rechtspopulismus, Gesellschaft, Verhältnis, Verhalten, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Deutschland